Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2006
Geschlossene Augen
von Theresia Hinzmann

Sie steht auf festem Boden, Boden von solcher Härte, dass selbst Stahl von weicherer Beschaffenheit sein möge. Ihr Haar ist lang und golden, es windet sich um ihren schmalen Hals und kitzelt sie an ihrem nackten Rücken. Ihre Haut ist weiß. Ihre Augen sind einst aus Smaragden gemacht worden, tiefgrüne Smaragde, wertvoll, einzigartig, genau wie sie. Über ihrer weißen Haut trägt sie ein langes dünnes Kleid, das die gleiche Farbe ihrer Haut hat, und so nur schwer zu unterscheiden ist, was nun das Kleid und was die Haut des Mädchens ist. Aber eines ist deutlich zu erkennen, nämlich, dass ihr Rücken frei von jeglichen Kleidungsstücken ist, denn ein großer verschnörkelter Kreis in grüner Farbe wie die ihrer Augen verziert den hinteren Teil ihres Oberkörpers.

So steht sie nun da, fast nackt, mit einem dünnen Stoff bedeckt und das Haar um ihren Hals geschlungen. Auf einer Klippe. Einer Klippe im Wasser. Sie schaut über das Wasser, in die Wolken, sieht den Vögeln dabei zu, wie sie sich miteinander zanken, hoch oben in den Lüften, lauscht ihrem Gesang, ahmt mit ihrer Kehle die Laute nach, die aus dem Inneren der Vögel in die Masse, in der und von der wir leben, herausgepresst werden. Sie schließt ihre Augen und breitet ihre Arme aus. Ein Lächeln huscht über ihr zartes Gesicht, ihr Haar löst sich von ihrem Hals. Sie spürt den harten Fels unter ihren bloßen Füßen, versucht, nicht ihr ganzes Gewicht auf ihre Füße zu reduzieren, sie versucht, ja sie versucht zu fliegen. Sie atmet tief ein und aus, sieht vor ihrem inneren Auge das weite Meer. Und da, da beginnt ihr Körper sich in die unsichtbare Masse abzuheben. Ihr Körper ist von so geringem Gewicht wie der einer Feder. Langsam gewinnt sie an Höhe, und kann das weite, kristallne Mehr nun komplett betrachten. Ihr langes goldnes Haar spielt mit den Lauten der Vögel und kringelt sich um Bläschen, die die Sonne jeden Tag verschenkt.

Der Wind ist so sanft auf ihrer Haut, so sanft und weich und liebenswürdig, dass sie fast das Gefühl besitzen möge, in einem Bett aus jungen Birkenrinden zu liegen, zwischen den grünen Düften von Farnen und Kräutern, mitten in einem Wald aus Blüten. Sie träumt. Sie träumt sich auf dem Himmel fliegend in den Wald hinein, und spürt die Rinde sie langsam wecken. Tausend Düfte wollen ihre Nase begrüßen, und die Augen werden vorsichtig von weichen Lichtstrahlen geöffnet.

Eben noch war sie tanzend auf den Lüften, dann eingebettet in Birkenrinde, und nun erwache ich.

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