Honigfalter
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Mai 2006
Wolf
von Claudia Göpel

Vollmond! Niemand kann sich vorstellen, was es für mich bedeutet, wenn er groß und rund am Abendhimmel erscheint. Für die meisten ist seine Aura nur ein faszinierender Anblick, Wegbegleiter, Nachtlaterne.

Doch mich erfüllt das unbändige Verlangen ihm ganz nahe zu sein, seinem magischen Licht zu folgen. Ich recke mich ihm entgegen, ein Heulen steigt hoch in meiner Brust, bricht sich Bahn. Ich fühle seine Macht, die mich durchströmt. Mein Ruf wird kraftvoll, fängt sich in den silbern leuchtenden Baumkronen, hallt zurück. Wenn ich schließlich außer Atem bin und verstumme, beginnt die Verwandlung.

Erst ist es ein Kribbeln, ein sanftes Ziehen. Dann siegt mein wahres Wesen, lässt die unscheinbare Hülle verschwinden, die mich Tag für Tag umgibt. Langsam presse ich den Kopf in den Nacken und meinem Maul entwindet sich das Untier, das in mir wartet. Meine Augen verändern sich von sanftem Braun in leuchtendes Gelb, die Ohren werden groß und spitz und vernehmen ab sofort jedes noch so leise Geräusch. Mein Rücken krümmt sich, bis die neuen Muskeln die Haut zum Zerreißen spannen, und ein Pelz entsprießt meinem Leib, wild und struppig. Mir wachsen Wolfspranken mit messerscharfen Krallen. Ich fühle mich stark, die Sinne aufs Äußerste gespannt. Ich sehe die kleinsten Bewegungen, höre die Blätter rascheln, das Gras sich im Winde wiegen, die Ameisen im Boden krabbeln und wittere das Wild, das vor Tagen meinen Weg kreuzte.

Mein Hunger erwacht. Die Gier auf frisches Fleisch und Blut überrascht mich jedes Mal aufs Neue. Ich kann es kaum erwarten, das Verlangen zu befriedigen.

Ich streife durch den Park, es riecht nach Wildkräutern, frischen Blumen, nach gemähtem Gras und - nach menschlichen Ausdünstungen!

Diesmal finde ich mein Opfer schnell, springe mit gewaltigen Sätzen über Beete und Bänke. Da liegt sie, ein Weibchen, hingestreckt auf einer Decke, das Sommerkleid nach oben geschoben. Sie ist nicht allein. Ich versuche meinen keuchenden Atem zu besänftigen und presse mich dicht hinter einen Baum, beinahe in Reichweite des balzenden Paares. Das junge Männchen beugt sich über sie, ein Knie zwischen ihren Schenkeln, küsst ihren Mund, ihren Hals, wühlt mit einer Hand unter dem Rock. Ich lausche auf das feine Knistern. Sie spreizt die Beine, bäumt sich ihm entgegen, stöhnt. Ich schmecke den feuchten Dunst ihrer Lust, ertrage es nicht länger und stürze mich knurrend auf die beiden. Mit einem Prankenhieb schleudere ich den Knaben zur Seite. Er prallt gegen den knorrigen Stamm einer Kastanie. Ich höre sein Rückgrat brechen.

Dann wende ich mich ihr zu.

Sie starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. Ich vernehme eine flehende Stimme…

„Was machst du denn, was soll das?“

Abwehrend hebt sie die Hände. Aber ich kenne kein Erbarmen und schlage meine Reißzähne in das weiche warme Fleisch…

„Au, du hast mich gebissen. Wach auf, du dämlicher Hund!“

Verblüfft lasse ich los und sehe in das erboste Gesicht meiner Herrin. Mit einer Hand hält sie mich schüttelnd im Genick, von der anderen tropft Blut. Adrenalin durchjagt noch immer meinen Körper und lässt die Gliedmaßen unkontrolliert zucken. Der Griff wird fester, schmerzhaft. Ich jaule auf und werfe meinem Frauchen einen schuldbewussten Blick aus braunen Dackelaugen zu. Das hilft meistens.

Auf der Zunge spüre ich einen metallisch-süßen Nachgeschmack. Und der Vollmond beleuchtet mein schlafwarmes Körbchen…

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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