Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2006
Carola
von Manuela Schulz

„Carola, kommst du mal bitte hierher!“ Seine Worte hallen wie Donnerschläge durchs Haus. Carola spürt, wie sich augenblicklich alle ihre Muskeln anspannen. Sie hält den Atem an und schließt für einen Moment die Augen. Es ist also wieder so weit.

Sie faltet bedächtig das blau karierte Geschirrtuch auf dem Bügelbrett zusammen und streicht noch einmal liebevoll mit der rechten Hand darüber. Es fühlt sich warm und weich an, beinahe als würde es leben. Aber es hat Glück. Es ist tot. Ein glückliches totes blauweißes Geschirrtuch.

„Carolaaa!“ Das Brüllen poltert aus dem Obergeschoss des blütenweißen Einfamilienhauses die blitzblanke chromfarbene Wendeltreppe hinab ins Wohnzimmer, rollt den schmalen Flur entlang und schlägt wie eine schwere Welle gegen die Tür zum kleinen, fensterlosen Bügelzimmer.

Carola wirft noch einen letzten Blick auf den Stapel akkurat zusammengelegter Bügelwäsche. Dann wendet sie sich zur Tür. Während der wenigen Schritte den Flur entlang, die Treppe hinauf ins Obergeschoss spürt sie, wie sich alle ihre Gedanken und Gefühle allmählich auflösen wie Salzkörner in einem Wasserglas. Die winzige Freude, die sie eben noch beim Anblick der reinen, duftenden Wäsche empfand, die leise Hoffnung, dass es diesmal vielleicht doch nicht so schlimm wird, aber auch die übermächtige Angst, die eben noch ihren Körper zusammengepresste. Alles ist weg. Sie ist leer, als sie durch die offene Tür ins Schlafzimmer tritt. Es gibt nichts mehr, das er treffen kann.

Er steht auf dem roten samtbezogenen Hocker und hält sich mit der linken Hand an der Oberkante des Kleiderschrankes fest. Den Zeigefinger der Rechten hat er drohend erhoben.

„Würdest Du mir bitte mal erklären, was das hier ist?“ fragt er betont langsam und gefährlich leise. Er starrt dabei erst auf Carola und dann auf seinen Zeigefinger. Carola schaut zu ihm auf und kann hinter dem Finger seine zusammengekniffenen Augen sehen. Sie öffnet den Mund ein wenig, schickt aber kein Wort hinaus. Sie sieht, wie sich seine Halsmuskeln direkt unterhalb Kiefers jetzt hektisch auf und ab bewegen. Es scheint, als pumpen sie aus der Tiefe des Körpers etwas in seinen Kopf, das ihn rot anlaufen lässt. Sie weiß, was es ist. Wut!

„Hat` s dir wieder mal die Sprache verschlagen?“

Carola presst ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen.

Er zieht verächtlich die Mundwinkel herab.

„Ja, besser ist auch, du machst das Maul zu! Guck dir das an, Schlampe, verdammte!“ Er atmet tief ein und bläst beinahe genüsslich seinen Zeigefinger an. Und da fliegen sie! Winzige Staubpartikel wirbeln auf dem hellen Sonnenstrahl entlang, der sich vom Schlafzimmerfenster bis zum Schrank an der Wand gegenüber spannt. Sie stoßen einander an, trennen sich wieder, schweben hinauf, sinken herab und drehen sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Es scheint, als beflügele ein imaginärer Atem im Zimmer ihren wilden Reigen. Unwillkürlich muss Carola lächeln. Fusseltanz. Es ist ein Fusseltanz. Fusseltanz. Das Wort krallt sich in ihrem Kopf fest.



„Und jetzt machen wir den Fusseltanz!“ Wenn die Ballettlehrerin das rief, durften sie immer alle total verrückt durcheinander hopsen. Sie konnten sich schütteln, mit den Armen wedeln, sich fallen lassen, hoch springen, zappeln oder wie irre mit dem Kopf wackeln. Carola liebte den Fusseltanz. Ihr war dabei immer, als wolle ihr ganzer Körper auseinander platzen. Die Arme, die Beine, alles schien von ihr weg zu springen, wieder zurück zu schnippen, um erneut in die Luft zu fliegen. Sie spürte, wie eine Kraft aus ihrem Inneren bis in die Fingerkuppen und Zehenspitzen strömte, wie sie eins war mit sich und der Leichtigkeit der Bewegung ihres Körpers.

Damals war sie Papas rosaroter Tanzengel, seine kleine Ballerina, seine Sternenfee, sein Tüllkleidchentraum. Sie wusste es genau. Einmal würde sie über die ganze Erde tanzen, über das Meer, die Wolken und sogar bis zu den Sternen. Alle würden ihr staunend zusehen und Papa würde stolz zu all den offenen Mündern sagen: „Das ist meine Carola!“

Jeden Abend, wenn der Mond durch das Dachfenster ihres Kinderzimmers sein fahles Licht auf Barbie und Ken in ihrem Plastikcabriolet warf, setzte sich der Maler in ihrem Kopf an dieses Bild und es wurde immer größer und schillernder, je lauter sie ihre Mutter kreischen und ihren Vater mit den Türen schlagen hörte. An einem sonnigen Sonntagvormittag lud ihr Vater drei Koffer und seine Ski in den Kombi und fuhr ab, ohne sich umzusehen. An diesem Abend schlich sich auch der Maler in ihrem Kopf davon und nahm alle seine Farben mit.

Sehr viel später, als sie schon längst aus dem Haus in eine kleine Wohnung in einem Seitenflügel gezogen waren und ihre Mutter meistens zu betrunken war, um noch „Drecksau“ oder „Hurensohn“ ins Telefon zu schreien, fand sie das rosarote Tüllkleid im Mülleimer. Es war voller dunkler Rotweinflecken und in den Falten klebte Erbrochenes.

Sie war 18 und das Kleid, das er ihr kaufte strahlend weiß. Weiß, wie sein Haus, sein Auto, seine Hemden und die Fliesen im Bad. Es umschloss ihren schlanken Körper so fest, dass sie kaum Luft bekam. Er strahlte und flüsterte ihr „Meine kleine weiße Fee“ ins Ohr. Die Hochzeitsgäste raunten „Ah!“ und „Oh“ und ihre Mutter zischte „Aschenputtel gibt’s nur im Märchen!“ aus ihrer Kirchenbank, als Carola an ihr vorbei zum Altar schritt. Sie atmete ganz flach und vergaß für einen Moment die Enge.

In dieser Zeit kehrte der Maler in ihren Kopf zurück. Er malte jetzt schmutzige Kinderhände, die Buddeleimer schleppten, einen dicken grauen Stoffelefanten, der auf dem Sofa lag und ein vergessenes rotes Dreirad, draußen auf dem kurz geschorenen Rasen. Er malte auch einen großen Van mit Kindersitzen, einen Strand mit Sandburgen und einen kleinen weißen Hund, der bellend durch den Garten tollte, verfolgt von einer kreischenden Kindermeute.

Zwei Kinderhände, der Stoffelefant und das Dreirad wurden Wirklichkeit. Aber die Kinderhände mussten immer sauber sein, der Stoffelefant lag zwischen den Legosteinen in der Spielzeugkiste und das Dreirad durfte nicht auf dem Rasen fahren. Der Hund war schwarz, gehörte den Nachbarn und pinkelte immer durch den Gartenzaun, bis er eines Tages spurlos verschwand. Anstelle des Van gab es Töpfe und Pfannen aus gebürstetem Edelstahl, cremefarbene Ledersofas auf blitzenden Chromgestellen, weiße Teppiche und hellgraue Fliesen im ganzen Haus.

Er schlug sie zum ersten Mal mit der flachen Hand ins Gesicht, als er die winzigen Wasserflecke auf der Dunstabzugshaube entdeckte. Da schrie sie laut vor Entsetzen. Als er ihren Kopf in den Mülleimer mit den Kartoffelschalen stieß, wimmerte sie vor Schmerz und Scham. Als er ihr das schräg abgerissene Klopapier in den Mund stopfte, begriff sie, dass die Hölle auch weiß sein kann.

Der Maler in ihrem Kopf tauchte seine Pinsel jetzt in grelle Farben. Er malte ein knallrotes Auto, das mit ihr davon raste, einen dunkelgrünen Wald mit riesigen Bäumen, hinter denen sie sich verstecken konnte und einen gelben Blitz, der aus der Mündung einer Pistole schoss. Sie fürchtete sich vor diesen Bildern und irgendwann ging der Maler leise weg, wie ein gekränkter Freund.



Als das erwachsene Kind mit sauberen Händen den Stoffelefanten in eine Umzugskiste packte, in sein knallrotes Auto stieg und wegfuhr, ohne sich umzusehen, kam der Maler wieder zurück. Er malte einen Steg, der weit auf einen See hinausführte, eine Brücke über einem Schienenstrang und eine Pistole, deren Lauf sacht ihre Schläfe berührte. Sie begann, sich in diese Bilder zu verlieben. Sie waren von einem weichen dunklen Grau und auf manchen kauerte er über ihr und seine harten Hände streichelten ihr bleiches Gesicht. Dann verzieh sie ihm mit einem fast unmerklichen letzten Lächeln.



„Und da grinst du noch, du dreckiges Miststück! Ich zeig Dir gleich, was es hier zu lachen gibt!“ Noch während er es heraus brüllt, schnellt sein massiger Körper auf sie herab. Sie hört, wie der rote Samthocker gegen das Fußende des Bettes poltert. Seine feuchtkalten Hände krallen sich an ihren Schultern fest, sie taumelt rückwärts und sein Kinn knallt auf ihre Stirn. Sie spürt einen stechenden Schmerz und hört noch, wie etwas dumpf gegen den Türpfosten kracht. Dann sackt sie unter ihm zusammen.

Und da ist wieder der Maler. Er malt sie, wie sie tanzt. Sie tanzt in ihrem rosaroten Tüllkleid die chromfarbene Treppe hinab, den blitzblanken Flur entlang, zur Haustür hinaus über den kurz geschnittenen Rasen, über die Straße, über das Feld, über den Waldrand, hinauf in die Wolken. Sie blickt hinab in die vor Staunen offenen Münder und tanzt weiter, bis weit über die Wolken, zu den Sternen hin.

Als Carola die Augen aufschlägt, liegt er immer noch auf ihr. Er bewegt sich nicht. Sie zwängt sich keuchend unter ihm hervor. Sie schaut lange auf seinen breiten Rücken bevor sie ihn umdreht. Auf seiner Stirn klafft eine breite Wunde und seine aufgerissenen Augen starren voller Entsetzen auf die Staubkörnchen, die immer noch auf dem Sonnenstrahl tanzen.

Carola geht zum Kleiderschrank. Sie hat sie ganz hinten versteckt. Sie nimmt die rosa Kindertanzschuhe aus dem alten Schuhkarton und geht langsam die chromfarbene Treppe hinab, den blitzblanken Flur entlang, zur Haustür hinaus über den kurz geschnittenen Rasen, über die Straße und über das Feld.

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