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Mai 2006
Die Traumwohnung
von Jutta Beer

Marion war mit ihrer Freundin Renate in Freiburg verabredet. Sie nahm ausnahmsweise den Zug, denn ihr Auto sprang nicht an. Seit kurzer Zeit hatte sie eine neue Wohnung, die einst die Schreinerei ihres Onkels war.

Sie wollten zusammen nach Dekorationsstücken schauen.



Der Interregio hielt. Es stieg ein Paar mit viel Gepäck zu. Marion kniff die Augen zusammen, als sie die Frau im Gang des Zuges erblickte. Sie sah ihrer Vormieterin verblüffend ähnlich. Sie kam keifend durch das Großraumabteil. Ihr Mann folgte ihr, versuchte sie zu beruhigen, aber sie war außer sich.

„Ich setz´ mich nicht zu dir auf den Scheißplatz!“

„Jenny, bitte!“

„Nur noch Scheißplätze in dem Zug, jeder meint er braucht vier Plätze für sich alleine!“

„Hier ist doch gut, die Koffer haben auch Platz“

„Nein, du hast mir nichts zu sagen“.



Marion wollte das Bild abschütteln, das sie eben vor Augen hatte. Es war, wie sie zum ersten Mal mit der Vormieterin sprach. Diese hatte ihren Dackel auf dem Arm und der schiss ihr auf die Hand. Der Frau schien das nichts auszumachen, denn sie schmiss den Köttel in die Ecke der Küche, wischte ihre Hand an der Jogginghose ab und sprach weiter mit Marion.



Sie war froh, dass ihr Onkel die Dicke loshatte. Nach langen Streitereien war sie plötzlich bereit auszuziehen.



Marion dachte an ihr neues Daheim und versuchte sich vorzustellen, wie aubergine oder pistaziengrün ihr Loft beleben würde. Der Zug legte sich in eine Kurve und ihr stach der Geruch von Schweiß und Bier in die Nase. Als sie die Augen öffnete plumpste ein junger Besoffener ihr gegenüber auf den Sitz.



„Prost! Kuck´ schon wieder ein Aldi. Überall Aldis. Alles voll damit!“

Marion zog sich ihr Tuch über die Nase.



„Na, bist wohl zu fein mit mir zu reden!

Keiner redet mit mir. Da wohnt der Dörfler Metzger, der Dreckskerl. Fauler Sack!“

Er rülpste.

„Aldi hat Weizenbier für 1,99. Lidl auch, und der andere auch. Man muss halt an der Kasse die Flaschen abgeben.“

„Muß man nicht mehr. Aldi hat jetzt Rücknahmeautomaten,“ entgegnete der Mann der Zänkischen.

„Hab´ ich noch nie gesehen. Ich geb´ sie an der Kasse ab“, beharrte der Betrunkene.

„Das geht aber nicht. Die Flaschen müssen am Automaten abgegeben werden. Das ist jetzt so bei Aldi, von hier bis Hamburg ist das so“.

„In Hamburg war ich noch nie, weiß nicht wie es dort ist im Aldi“, maulte der Säufer und rülpste wieder.



Marions Handy meldete eine SMS: Hast du auch Lust auf Sushi? Bis gleich Renate. Sie stand auf und suchte sich einen anderen Platz, um das letzte Stück der Fahrt zu überstehen. Sie stellte sich schlafend, damit ihr niemand ein Gespräch aufdrängen konnte.



Ihre Wohnung erschien wieder vor ihrem geistigen Auge. Sie konnte sie nicht mehr betreten, denn der Schlüssel passte nicht. Die Rollos waren heruntergelassen. Sie sah, dass ihr Name nicht mehr am Briefkasten stand...



„Meine sehr verehrten Damen und Herren. In kürze erreichen wir Freiburg im Breisgau Hauptbahnhof. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts. Bitte beachten sie die Lautsprecherdurchsagen am Bahnsteig...“



Zum Glück weckte sie diese Durchsage von ihrem Traum auf. Er war kurz, dennoch blieb ein beunruhigendes Gefühl.



Am Bahnsteig entdeckte sie sofort Renate. Sie umarmten sich und zogen zusammen los durch ihre Lieblingsgeschäfte und Galerien.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen wie froh ich bin dieses Loft zuhaben. Es ist fantastisch eingerichtet: dunkler Holzboden, große Fenster, italienisches Sofa. Ein Hochglanzmagazin könnte eine Homestory bei mir fotografieren.“

„Dann musst du nur noch irgendwie berühmt werden!“ neckte sie Renate.

„Tja, ich bin leider nur vermögend und deshalb werde ich diese wunderbaren Teeschalen kaufen.“



„Wie kamst du denn zu dieser tollen Wohnung?“ fragte Renate, als sie in der Sushi Bar saßen.

„Weißt du, die Räume gehören meinem Onkel. Er hat die Vormieterin rausgekriegt, indem er auf Eigenbedarf geklagt hat. Offiziell bin ich alleinerziehend. Das prüft eh keiner nach. Die Alte blickt da sowieso nicht durch und in der Nachbarschaft weiß keiner viel über mich, weil ich 10 Jahre im Ausland war.“ Marion verschluckte sich, es war etwas zuviel Wasabi.

„Und die Vormieterin ist einfach so gegangen?“

„Ja. Das heißt zunächst wollte sie nicht, aber das mit dem vermeintlichen Kind hat gezogen. Sie ist jetzt im Nachbarort. Ein Vermieter, der sie kennt würde sie auf keinen Fall nehmen. Überall in der Wohnung war Schimmel, es stank nach Urin. Müll lag überall herum und zum Schluss hat sie die Miete nicht mehr gezahlt!“

„Igitt! Das reicht. Mein Nigiri Sushi will mir schon nicht mehr schmecken“, setzte sich Renate zur Wehr.



Die beiden verbrachten den Nachmittag bei einer befreundeten Galeristin.

„Seit wann bist du denn abergläubisch?“ wandte sich Marion an Nora.

„Du meinst das Buch? Das hat mir eine Kundin geschenkt, nachdem sie träumte, bei mir ein Bild zu kaufen,“ antwortete Nora, „die Kundin war so happy, weil sie bei mir genau das fand, was sie seit langem suchte“.

Marion legte den Titel „So werden Träume Wirklichkeit“ aus der Hand. Eine Unruhe, die sie sich nicht erklären konnte, erfüllte sie.

„Ich muss los ihr beiden. Ich will den nächsten Zug kriegen.“ verabschiedete sich Marion schnell von ihren beiden Freundinnen. Sie rannte fast zum Bahnhof.

Die vielen Haltestellen des Interregio waren ihr unerträglich. Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause.

Endlich angekommen nahm sie ein Taxi heim. Fast vergaß sie den Taxifahrer zu bezahlen, so groß war das Bedürfnis nach dem Rechten zu schauen. Von außen sah alles so aus wie am Morgen. Sie steckte ihren Schlüssel in das Schloss, die Tür ging nicht auf. Das Fenster neben der Tür wurde aufgerissen. Zigarettenrauch stieg ihr in die Nase..

„Na, vom Bummeln zurück, Lügnerin?“ die Dicke grinste sie an, den Dackel auf dem Arm.

„Wie kommen sie in meine Wohnung?“

„Das ist meine Wohnung, Teuerste! Ich mach ihnen auf, dann werden sie schon sehen.“

Die Tür ging auf und Marion stolperte in die Wohnung. Ihre Sachen lagen auf einem Haufen in der Ecke, der Holzboden war bereits zerkratzt. Die Dicke hatte ihr monströses Bett auf die Futonmatratze gestellt.

„Ich hole die Polizei“, sagte Marion mit dem Handy in der Hand.

„Wirklich? Lügnerin. Nicht sie sind alleinerziehend, sondern ich bin alleinerziehend. Mein Rechtsanwalt hat mit einem Detektiv ihre Lüge aufgedeckt. Jetzt wohnt mein Sohn noch bei mir!“ triumphierte die Dicke.

Marion schaute sie irritiert an, als der Sohn aus dem Bad kam. Sie kannte ihn bereits: es war der Betrunkene aus dem Zug.

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