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Juni 2006
Verräterische Spuren
von Ingeborg Restat

Manfred schlief noch tief und fest seinen Rausch aus. Leise stand Sigrid auf. Spät, nein, eher früh war er heimgekommen von der Jubiläumsfeier der Firma, bei der er angestellt war. Kichernd hatte er sie aufgeweckt. „Du glaubst es nicht, was das noch für eine lustige Party geworden ist, nachdem die besonders hohen Gratulanten in ihren steifen dunklen Anzügen gegangen waren. So habe ich den Direk’s noch nie erlebt. Wie der mit seiner Sekretärin ...“ Vor sich hin lachend und leicht schwankend hatte auch er dabei seinen steifen dunklen Anzug ausgezogen und achtlos auf einen Hocker geworfen, ehe er ins Bett fiel und einschlief.
Sigrid ging aus dem Schlafzimmer und nahm den Anzug gleich mit. Sie hängte ihn auf einen Bügel. Sacht strich sie mit der Hand das Jackett glatt. Es war eine Weile her, dass Manfred ihn bei der Hochzeit von ihren Freunden, Kurt und Norma, getragen hatte. Da war sie am Ende so vergnügt und beschwipst gewesen, dass er sie die Treppe hoch tragen musste. Seitdem hatte der Anzug im Schrank gehangen. Er trug ihn nicht gern, nur wenn es erforderlich war.
Gähnend ging sie ins Bad, duschte, zog sich ihren Bademantel über und kämmte sich vor dem Spiegel ihr kastanienbraunes Haar. In leichten Wellen umschmeichelte es ihr Gesicht und fiel locker auf ihre Schultern. Gut, dass die Friseuse ihr zu dieser Haarfarbe geraten hatte, sie stand ihr besonders gut. Schade, dass sie an dieser Jubiläumsfeier nicht teilnehmen konnte. Zu gerne hätte auch sie wieder einmal getanzt. Und Manfred hatte doch getanzt? ... aber mit wem?
Sie zog sich an; sie machte das Frühstück; Manfred schlief. Sie trank ihren Kaffee, las die Zeitung; Manfred schlief noch immer. Sie räumte hier und räumte da; Manfred wachte nicht auf.
Sie nahm den Anzug und hängte ihn zum Lüften auf den Balkon. Ein Fussel hing an einem Ärmel. Sie holte eine Bürste und begann ihn auszubürsten. Wie gut er gestern damit ausgesehen hatte. Das mussten doch die Frauen auch gesehen haben, die bei dem Jubiläum waren. Einigen von denen würde sie allerhand zutrauen. Ein unangenehm nagendes Gefühl stieg in ihr auf. Hatte er ihr zum Abschied nicht versichert, er gehe ungern dorthin, es würde bestimmt langweilig werden und wahrscheinlich käme er nach dem offiziellen Teil zurück? Was oder wer hatte ihn danach so festgehalten, dass er fast die ganze Nacht weggeblieben war?
Wohin verirrten sich ihre Gedanken? „Unfug! Meine Fantasie geht mit mir durch“, schalt sie sich selbst und bürstete energisch auf den Anzug ein. Unter dem Kragen schaute noch ein Fussel hervor. Sie klappte ihn hoch – und erstarrte ...
Nicht ein hellblondes Haar, nein, gleich mehrere klebten darunter. Wer war ihm so nah gekommen, dass sie sich unter seinen Kragen schieben konnten? Eine Frau? Natürlich, ein Frau! Wie eng musste er sie in seinen Armen gehalten haben? Was hatten sie da getan?
Um Sigrid drehte sich alles. Wilde Vorstellungen und Vermutungen nahmen ihr den Atem. Mit zitternden Fingern pflückte sie das winzige hellblonde Beweisstück vom Stoff. Erregt verließ sie den Balkon. Hochrot mit wütenden Schritten stapfte sie zur Schlafzimmertür und riss sie auf. „Was hast du mir dazu zu sagen?“, fuhr sie Manfred an und trat ans Bett.
Der hob verschlafen blinzelnd seinen Kopf. „Was ist denn los? Lass mich in Ruhe!“, knurrte er und drehte sich auf die andere Seite.
„Das könnte dir so passen! Hier, schau dir das an! Ich verlange eine Erklärung dafür.“ Sigrid packte ihn an der Schulter und rüttelte ihn.
„Wofür?“ Verärgert stieß Manfred ihre Hand beiseite und richtete sich auf.
Sigrid hielt ihm mit zwei Fingern ihren verdächtigen Fund dicht vors Gesicht. „Hier! Erkennst du das? Was hast du dazu zu sagen?“
Manfred schob ihre Hand zurück und besah sich, was sie ihm entgegenhielt. „Das sind ein paar Haare. Was soll damit sein?“
„Richtig, das sind Haare, aber sie sind hellblond. Wie kommen die an deinen Anzug?“
„Wie Haare, die umherfliegen, halt so an Sachen kleben bleiben“, antwortete Manfred verständnislos.
„Natürlich! Die fliegen umher und krauchen von allein gleich unter den Kragen deiner Jacke. Für wie dumm hältst du mich?“
Jetzt begriff Manfred. Nun hellwach schob er Sigrid beiseite und sprang aus dem Bett. „Was willst du damit sagen?“
„Dass dir jemand sehr nahe gekommen sein muss. Wie sonst sollten ihre Haare unter deinen Kragen gelangt sein?“ Tränen drängten sich schon in Sigrids vor Zorn funkelnden Augen.
„Aha, ihre ... Warum müssen es eigentlich Haare von einer Frau sein?“
„Weil es lange Haare sind. Da, sieh!“
„Du meinst also wirklich, ich müsse gestern ein Techtelmechtel mit einer blonden Frau gehabt haben? Das ist nicht dein Ernst?“ Gereizt mit erhobenen Augenbrauen stand er vor ihr.
„Was soll ich sonst denken? Leugnen hat keinen Zweck! Los, sag, wer war es?“ Erregt machte Sigrid einen Schritt auf ihn zu und hielt ihm erneut ihr winziges Beweisstück entgegen.
„Du spinnst doch!“ Wütend riss er ihr die Haare aus den Fingern, stieß sie aus dem Weg und verließ das Schlafzimmer.
Weinend sackte Sigrid auf dem Bett zusammen.
Im Bad rauschte das Wasser. Manfred duschte lange. Danach war es still. Sigrid hockte auf dem Bett, unfähig etwas zu denken oder zu tun.
Endlich ging die Badezimmertür. Manfred kam im Bademantel zurück.
Sigrid sah nicht auf, als er sich neben sie setzte und den Arm um sie legte. „Wann habe ich den Anzug zum Letzen Mal getragen?“, fragte er.
Erstaunt blickte Sigrid auf. „Bei der Hochzeit von Kurt und Norma.“
„Richtig! Und wen hatte ich danach ganz eng im Arm die Treppe hochgetragen? Wer hatte sich da mit seinem Kopf an meine Schulter gekuschelt?“
„Ich!“, murmelte Sigrid unsicher.
Jetzt war er es, der ihr das winzig kleine Büschel hellblonder Haare entgegenhielt. „Du solltest sie kennen. Es sind deine Haare aus der Zeit, als du noch hellblond gewesen bist.“
„Aber da habe ich am nächsten Tag deinen Anzug genauso ausgebürstet wie heute. Und ...“, wollte sie aufbegehren.
Doch Manfred ließ sie nicht ausreden. „Da bist du sicher weniger gründlich gewesen, so verkatert wie du warst. Du hast bestimmt vergessen, den Kragen hochzuklappen und darunter auch alles abzubürsten. So blieben die Haare verborgen. Das ist des Rätsels Lösung. Das kommt davon, wenn man sich die Haare mal blond, schwarz oder braun färbt.“ Manfred grinste. „Darf ich das fälschliche Beweisstück nun vernichten?“
Sigrid nickte nur stumm und verlegen.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.23 Uhr
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