Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juni 2006
Erzähl ’s doch deinem Frisör oder:
Die Welt ist ein Frisörsalon

von Sabine Poethke

„Guten Morgen! Fuchs, Silke Fuchs. Ich habe um 9.30 Uhr einen Termin.“
Wie kann mein Chef mir das antun? Recherche vor Ort, in einem echten Frisörsalon! An meine Haare lasse ich sonst nur Wasser und HW. Vielleicht mal meine Freundin Sabine. Die ist Frisörmeisterin, kennt mich. Sie hat keinen Salon, sondern fährt zu ihren Kunden nach Hause.
Nein, sagte Chef, ich will, dass du in ein Geschäft gehst und darüber eine Glosse schreibst.
Mit ein bisschen Fantasie kann ich auch die Hausbesuche in einen Salon projizieren. Aber Chef hat ja bekanntlich Recht!
„Hallo Frau Fuchs! Sie sind sehr zeitig. Nehmen Sie bitte Platz.“
Die perfekt gestylte Dunkelhaarige mit den grellroten Strähnchen dirigiert mich auf einen Stuhl an der Seite.
Schön, fange ich mit den Beobachtungen an.
Kleiner Laden, drei Frisösen. In meinen Kopf drängt sich dieser blöde zehn nackte Frisösen Song.
Beschäftigt sind sie alle. Hmm, ältere Kundschaft. Kann an der Uhrzeit liegen.
Hoffentlich sehe ich hinterher nicht aus wie meine Oma.
Wer kennt nicht „nur die Spitzen“ und verlor die Haare bis knapp unter die Bezeichnung Kurzhaarfrisur? Zu meinem Frisör muss ich Vertrauen haben. Aber Sabine ist weit weg.
„Dingdong“ Ladenbimmel. Neue Kundschaft? Nein, noch ’ne Frisöse, also vier. Meine? Scheinbar nicht. Eine weitere Dame betritt die heilige Halle und wird auf den ersten Frisörstuhl platziert.
Nichts für eine Story. Die muss was bieten, braucht Pfeffer; wenigstens Salz. Ich beuge mich leicht nach vorn, angle mir ein Stylingmagazin. Aufhören mit beobachten, dafür zuhören. Unauffällig.
„Ja, Frau Mayer, wie geht’s? Ach, ihr Mann ist zur Kur. Na, da können Sie sich auch einmal richtig erholen!“
„Frau Schulze, das gibt’s doch nicht! Ihre Enkeltochter, mit einem Arzt verlobt? Gratulation. Wenn es soweit ist, wir stecken auch Brautfrisuren!“
„Also, Urlaub könnte ich auch mal wieder brauchen. Auf Zypern ist schon Sommer und das mitten im Frühling? Traumhaft, ja wirklich Frau Lehmann, ich werde blass vor Neid!“
Unwillkürlich muss ich hoch sehen. Aber Frau blass vor Neid ist ziemlich gebräunt, ich kann keine helle Stelle sehen, außer den wasserstoffblonden Haaren.
Waren die vorhin schon da?
Blick wieder runter. Am besten widme ich mich dem Kreuzworträtsel und höre weiter zu. „Frau Müller, das ist uns heute wieder super gelungen. Natürlich sehen Sie jünger aus. Mindestens sechs Wochen. Kommen Sie mit zur Kasse?!“
Bin ich dran?
Ich nehme automatisch Startposition ein und lege meine Zeitung vorsichtshalber zur Seite. Die Dame bezahlt und die Frisöse verschwindet im Aufenthalts- und Pausenraum.
Ich beobachte Frau Müller.
Sie steht vorm Spiegel. Beguckt sich von links, beguckt sich von rechts. Noch einmal. Zupft an dieser und an jener Strähne. Holt zu guter Letzt ein Hütchen aus ihrer Tasche und stülpt es über die frischen Löckchen.
Draußen lacht die Sonne. Hier drinnen grinse ich.
„Frau Fuchs, kommen Sie bitte!“
Ich erhebe mich und begebe mich, unwillig, an die Front.
„Was soll’s denn sein? Die Spitzen ab? Sie haben schönes, langes Haar.“
Ja und das möchte ich auch behalten!
„Wissen Sie“, sage ich stattdessen, „nur bisschen Color und Pflege, fönen und hübsch hochstecken. Sie wissen schon, Sie sind ja Fachfrau!“
Fachfrau schaut mit leicht hochgezogenen Brauen auf mich herab. „Soso.“
Soso?
Während meine Haare gewaschen werden, versuche ich durch das Rauschen noch etwas von den Gesprächen mit zu bekommen.
„Frau Lehmann, ihre Dauerwelle sitzt wie eine eins! Prächtig! Daher heute das schöne Wetter!“
Ob sie auch ein Hütchen mit hat?
„Einen neuen Termin? Vielleicht ein Mittelchen aus unserer Pflegeserie teuere Locke? Haarspray? Festiger? Haarwäsche? Spitzenfluid ... ?“
Die anderen Pflegemittel entgehen meinem Ohr. Dafür sammelt sich Wasser darin.
Komisch, das Rückwärtswaschen.
Fertig, Handtuch drum, hoch, ab auf den Frisierstuhl. Frau Frisöse hat am Oberteilchen ein Namensschild.
„Sie tragen keine Schürze?“
Frau Haase lacht pikiert. „Haa haa, in welchem Jahrhundert waren Sie das letzte Mal beim Frisör?
Erwischt!
„Um ehrlich zu sein, es ist schon fünfzehn Jahre her. Also im letzten!“
Entsetzte Blicke treffen mich, meine Haare.
„Oh!“ „Oh.“ „Hmm.“
Was ist?
Frau Lehmann verabschiedet sich, ohne ihren Blick von mir zu nehmen. Dann dreht sie sich um und strebt dem Ausgang zu. Nicht ohne mit den Augen am Spiegel kleben zu bleiben. Hält an.
„Hübsch, hübsch!“ Zupft hier, zupft da. Holt ein kleines Kämmchen aus der Tasche. Ich beobachte heimlich ihre Frau Frisöse. Die rollt im Takt des Kammes die Augen!
Ich lache in mich hinein.
Kommt jetzt das Hütchen?
Frau Lehmann verlässt den Laden, ohne Hütchen. Ihre Hairstylistin schaut auf das Trinkgeld und verschwindet. Kaffeepause.
Ich habe immer noch keine Story.
Keinen echten Klatsch - keinen echten Tratsch.
„Color, hm, in welche Farbrichtung wollen wir gehen? Blond mit ein paar blauen oder schwarzen Strähnchen? Ihre Haare sind hellasch, da geht das. Auch rot kann ich mir gut an Ihnen vorstellen, Frau Fuchs. Na, was sagen Sie?“
Rotfuchs, das fehlt noch!
„Lieber hell, nichts dunkles, machen Sie mal!“
Hilfe!
Frau Haase geht etwas mixen, ich warte und lausche.
„Hat ihre Enkeltochter schon Nachwuchs geplant, Frau Schulze? Vielleicht dauert es nicht lange und Sie sind Uroma! Natürlich sehen Sie nicht so aus! Ja, Sie haben recht, noch ist sie nicht unter der Haube!“
Kichern.
„So, fertig. Sehr gefällig, ihr Haar. Wirkt ausgesprochen jugendlich. Stimmt, um Uroma zu werden sind Sie viel zu jung!“
Mein „Hääschen“ ist mit einem Schüsselchen wieder zurück aus der Färbeküche. Ich bekomme das Zeug auf den Kopf. Einzelne Strähnen in Alufolie. Beobachte alles im Spiegel. Ich sehe aus wie von einem anderen Stern.
Wenn jetzt bloß keiner den Laden betritt, der mich kennt!
Mir fällt bei dem Gedanken auf, dass noch keine weitere Kundschaft erschienen ist.
Dafür geht Frau Schulze. Unspektakulär.
„Ein Käffchen, Frau Fuchs?“
„Gern, Danke! Mit Milch bitte, ohne Zucker!“
Hoffentlich ist der Kaffee dicker als das bisherige Ergebnis meiner Recherche.
Frau Haase bringt meinen Kaffee und geht ein Tässchen Tee trinken.
Fast zwanzig Minuten Zeit.
„Frau Mayer, wir haben jetzt fünfzehn Minuten Einwirkzeit. Ich gehe nach hinten.“
Frühstückspause.
Wir sind allein.
„Schönes Wetter, heute, nicht wahr?“, fragt Frau Mayer.
„Sehr Schönes.“, antworte ich gelangweilt.
Ich bin hier fehl am Platz, Chef!
„Gehen Sie regelmäßig zum Friseur?“
M e h r fällt mir n i c h t ein???
„Seit das Geschäft eröffnete, schon über fünfzig Jahre. Jetzt hat es die Tochter übernommen, der alte Herr Barbier ist in Rente. Ist trotzdem schön hier und ich habe es nicht weit. Hauptsache, die Haare sind wieder frisch.“
Aha.
Ich nicke.
„Wissen Sie“, sie flüstert und hält sich die Hand vor den Mund, „der Alte war ein geiler Bock, damals. Obwohl Frisöre alle schwul sein sollen. Der sicher nicht. Jeden Rockzipfel hat er mitgenommen!“
Aha!
Ich nicke interessierter.
„Die Tochter ist heute nicht da, nur die Enkelin. Meine Frisöse, die mit den hellen Haaren. Dass die jungen Mädchen sich ihre Haare heutzutage absichtlich weiß machen. Unsereins war froh, dass wir Farbe im Haar hatten. Da komme ich nicht mehr mit. Bin wohl zu alt.“
Ich schüttele den Kopf.
Erzähl weiter!
„Vor etlichen Jahren hat der Alte es mal bei mir versucht. Aber pssst, das bleibt unter uns!“
Mit Sicherheit nicht ...!
Aber ich nicke lieber wieder. „Sie kennen hier wohl viele Leute?“
„Kindchen, ich bin über siebzig, was denken Sie denn? Die Lehmann, die ist erst Mitte fünfzig. Der Mann, Gott hab’ ihn selig, ist noch keine zwei Jahre tot und seine Frau fliegt mit einem achtzehn Jahre jüngerem Kerl nach Zypern. Übrigens, der Exmann von der Haase ...!“
Mein Mund steht offen!
Ich jubele! Innerlich.
Ich bekomme meine Klatschgeschichte!
„Wow!“
„Ja, wow, das können Sie laut sagen!“, flüstert Frau Mayer. „Ich könnte Ihnen Sachen erzählen. Meine Nachbarin weiß vom Freund eines Freundes, dass die Haase sogar als Jugendliche mal geklaut haben soll ...“
Ich staune.
„Die Müllersche ist mindestens zweimal geliftet. Hat aber auch gut Geld. Das Meiste aus dem Erbe ihrer Eltern. Stark angelegt und vermehrt. Die musste nicht arbeiten. Als andere sich abgeschuftet haben, hat sie in der Sonne geträumt! Bei der sieht keiner die achtzig Jahre. Da steckt das Geld. Der Sohn, der hat dreizehn Mietshäuser in der Stadt. Teilweise Rückführung.“
„Die fünfzehn Minuten sind um.“
Mist! Gerade wurde es richtig spannend.
Vielleicht habe ich später noch eine Gelegenheit, mit Frau Mayer zu reden.
Frau Haase ist allhier. „Wir spülen und machen eine Spitzenkur. Ihr Haar braucht das jetzt.“ Ich nicke.
„Sehr gesprächig sind Sie nicht. Urlaub?“
„Müde.“ Ich lächele süß.
„Die Packung braucht zehn Minuten. Erholen Sie sich. Noch einen Kaffee?“
„Gern!“
Frisch eingeschenkt. Pause.
Frau Mayer wird leider gerade unter die Haube gesetzt.
Ihre Frisöse marschiert an mir vorbei.
Meine Chance!
„Hat Haare auf den Zähnen?!“
„Tante Klatsch-Mayer? Die, soll lieber vor ihrer Tür kehren! Ich sage Ihnen mal was“, sie beugt sich zu mir herunter, „Sie kann froh sein, dass ihr Mann zur Kur ist. Der drangsaliert sie, von früh bis spät. Die kaut dem sogar die Stulle vor!“
Ich bin verblüfft.
„Ehrlich! Aber was macht die? Jammert weil ihr Hansi nicht da ist!“
„Warum?“, entschlüpft mir.
„Weil sie Schiss hat, dass er sich einen Schatten sucht!“ Die Wasserstoffblonde zwinkert.
Blondi geht, Frau Haase kommt.
Legt wieder Hand an mich. Spült aus, fönt, kämmt, steckt.
„Schick! Schön bei Ihnen!“, lobe ich Haasi.
„Na, da freue ich mich. Schauen Sie doch mal wieder rein. Hauptsache gesund und Haare auf dem Kopf! Und: wir sind ein sauberer Laden! Bei uns gibt es keinen Klatsch! Die Schulze hat vorhin behauptet, dass bald jemand von der Zeitung kommt. Alte Klatschtante! Dabei kann ich Ihnen gerade von der Familie Bände erzählen ... Aber wen interessiert schon, wer im Lotto gewonnen hat, wer fremdgeht oder ein Kind kriegt!?“

Nicht richtig aus dem Laden raus, rufe ich Sabine an.
„Fertig?“
„Ich lebe!“
„Ich weiß! Chrissi Schulze sitzt bei meiner Schwester in der Frauenarztpraxis. Übrigens: Positiv!“

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.21 Uhr
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