Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Juni 2006
Fortuna und das Haar der Königin
von Susanne Ruitenberg

Einst lebte am Hofe der Königin Amalia und des Königs Hubertus eine kleine schwarze Katze. Die Königin hatte sie Fortuna genannt, damit sie ihr Glück bringe. Fortunas hellgrüne Augen blickten neugierig in die Welt. Bei Nacht leuchteten sie wie Smaragde im Mondlicht.

Hubertus herrschte weise und gerecht. Seine Gemahlin aber war von anderem Gemüt, selbstherrlich und gierig. Einzig ihre Katze behandelte die Königin stets freundlich.
„Dein dunkles Seidenfell, es gleicht meinem Haar, kleine Fortuna“, säuselte sie, wenn sie das Tier streichelte. Fortuna nahm diese Huldigung schnurrend entgegen, wie es sich für kleine Katzen geziemte.

Amalia war überaus eitel. War sie einst die liebreizendste Prinzessin gewesen, so wollte sie nun in alle Ewigkeit die schönste Königin sein. Den ganzen Tag ließ sie sich baden in Milch und salben mit duftenden Ölen, damit nur ja keine Falte sich auf ihrem Antlitz bilde. Geheime Tinkturen ließ sie vom Hofzauberer mischen, dem man nachsagte, er habe das Geheimnis ewiger Jugend entdeckt.
Jeden Abend bürsteten die Zofen Amalias Haar. Genau 200 Bürstenstriche mussten es sein; danach Fortunas Fell, 50 Striche an der Zahl.
Des Nachts ruhte die Katze auf einem purpurnen Seidenkissen am Fuße des königlichen Himmelbettes. Wenn sie nicht in Amalias Gesellschaft war, wanderte sie durch das Schloss, sah aus den Fenstern neidisch auf die Gossenkatzen im Schlosshof hinab; wetzte ihre Krallen an dem königlichen Mobiliar; besuchte die Hofküche, wo der Küchenmeister stets einen Leckerbissen für sie bereithielt – und langweilte sich gar fürchterlich. Da Fortuna sehr oft dort einkehrte, wurde sie mit der Zeit recht rund.

Heute, wie sie es immer häufiger taten, kamen Willibald und Kunigund aus ihrem Mauseloch, hüpften vor Fortunas Nase entlang und neckten sie:
„Du kriegst uns nicht, du fängst uns nicht, zu schwer bist du, nicht schnell bist du!“.
Fortuna sprang ihnen nach, doch die Mäuse verschwanden kichernd in das nächste Schlupfloch.
„Pfui, was seid ihr garstig“, rief sie ihren Peinigern hinterher, und ging abermals sich mit Naschwerk trösten.

Am nächsten Morgen ertönte ein lauter Schrei aus der Königin Ankleidezimmer.
„Was ist dir widerfahren, Liebste?“ Hubertus eilte herbei, das Schwert in der Hand.
Amalia stand kreischend vor dem Spiegel. „Ein graues Haar! O weh, ein graues Haar! Geh, hol sofort den Zauberer, er muss mir eine Tinktur bereiten, dass mein Haar seinen schwarzen Glanz von einst erhalte.“
Hubertus tat, wie ihm geheißen.

Am Abend stand der Zauberer, einen Glasflakon voll grün leuchtender Flüssigkeit in der Hand, bei seiner Königin.
„Ist es gelungen?“ Streng blickte sie ihn an.
„Ja, Eure Majestät, hier ist die Rezeptur. Ihr solltet vor der Nachtruhe einen Löffel davon nehmen, dann werdet Ihr am Morgen nur noch schwarzglänzendes Haupthaar haben.“
„Ist es gefahrlos? Wenn es misslingt, bist du in Ketten!“
„Ich versichere Euch, es wird geschehen, wie ich geschildert.“
Sich verbeugend, verließ er rückwärts das königliche Gemach.

„Fortuna, mein Schatz, komm her.“
Die Katze eilte herbei und setzte sich ihrer Herrin maunzend zu Füßen.
„Hier, meine Gute, der Zauberer hat dies Mittel bereitet. Auch du sollst davon kosten.“
Sie goss etwas davon auf einen Löffel und hielt es Fortuna hin.
„Trink.“
Fortuna, neugierig wie Katzen sind, schnupperte mit ihrem pechschwarzen Näschen daran, bevor sie den Löffel blitzeblank leckte.
Die Königin trank selbst davon, dann ging sie zur Ruhe.

Doch weh und ach! Als sie am Morgen erwachte, war nicht das graue Haar verschwunden, nein, die ganze Haarpracht war ihr ausgefallen. Sie lag auf ihrem weißen Kissen verstreut wie Seegras im Sande nach des Sturmes Wüten.
Amalia schrie und tobte, ließ augenblicklich den Zauberer in den Kerker sperren. Dann blickte sie sich suchend um.
„Fortuna, wo bist du? Was ist mit deinem Pelze?“
Die Katze kroch unter dem königlichen Bette hervor, wo sie sich aus Scham versteckt gehalten.
Ihr Fell war nicht gewichen, ganz und gar nicht. Lang war es geworden, Menschenhaaren gleich, es ging ihr über Augen und Gesicht, so dass sie nichts mehr sah. Es reichte bis über ihre Pfoten, sie stolperte bei jedem Schritt.
„Agnes!“
Die Zofe eilte herbei. „Majestät?“ Entsetzt sah sie auf Amalias kahles Haupt.
„Schneide Fortunas lange Strähnen ab. Ruf den Perückenmacher herbei. Er muss mir davon ein Haarteil machen.“
Es geschah, wie sie befohlen.

Jeden Abend gab sie nun Fortuna vom Elixier. Am Morgen war das Fell nachgewachsen, lang und seidig, der Perückenmacher schnitt es ab für die Königin.
Auch am Tage wuchs es weiter, mittags konnte die Katze kaum noch laufen.

Eine Woche verging. Die Königin war, besänftigt durch ihre kunstvollen Haarteile, wieder guter Dinge.
Fortuna indessen, armes Geschöpf, litt große Qualen. Die wenigen Freuden, die sie in ihrem eintönigen Leben gehabt, konnte sie nicht mehr genießen. So saß sie am Nachmittag des achten Tages in der Bücherkammer und weinte bitterlich.
„Wer weint da, wer weint da?“, hörte sie plötzlich Willibald rufen.
„Fortuna, Fortuna“, antwortete Kunigund. Fortuna hielt den Kopf schräg, damit sie durch den schwarzen Vorhang etwas sehen könne. Die Mäuse saßen direkt vor ihr.
„Was hast du, was hast du?“, fragte Willibald.
„Es ist gar schrecklich“, schluchzte Fortuna. „Die Königin hatte ein graues Haar. Der Zauberer gab ihr ein Mittel zu trinken, damit es verschwände. Alle Haare fielen ihr aus. Mir gab sie auch davon. Ihr seht, was mir geschieht. Jeden Tag wächst nun mein Fell so lang, der Perückenmacher schneidet es, webt daraus Frisuren für Amalia. Doch ich kann weder laufen noch sehen. Was soll jetzt aus mir werden?“
Tränen liefen die langen schwarzen Strähnen entlang, wie Tautropfen auf einem Grashalm. Eine ganze Pfütze hatte sich schon zu Fortunas Pfoten gebildet.
„Du ärmste, du ärmste“, rief Kunigund.
„Das geht nicht, das darf nicht!“, schrie Willibald.
„Wir helfen, wir helfen“, versprach Kunigund, „auch bist du die Katze, die Feindin allhier.“
„Ihr? Mit Verlaub, ihr seid so klein. Wenn ihr mir dennoch helfen könnt, werde ich euch nie wieder jagen und für alle Zeiten vor den Gossenkatzen beschützen.“
„Fortuna, Fortuna, wir wissen was. Der Zauberer, der Zauberer, er ist der Feind der Tiere. Weißt du denn nicht, weißt du denn nicht, Tierkinder hat er getötet, Tausende, Abertausende. Damit hat er für die Königin, für Amalia die Mittel gemacht.“
„Das ist gar schrecklich“, rief Fortuna entsetzt.
„Ich weiß etwas, besinn etwas. Wir rufen alle Tiere.“ Willibald lief im Kreis um Fortuna herum.
„Sie kommen her, sie helfen dir. Wir werden dich befreien.“
„Und mein Fell?“
„Die Kräuterhex’, die Kräuterhex’, sie wohnt im dunkeln Walde. Dort wirket sie, dort redet sie, in aller Tiere Zungen. Uns’ Töcherlein, sie lebt bei ihr. Wir sagen ihr, wir senden ihr, sie soll den Trank bereiten, der dich befreit, der dich befreit, und heilt für alle Zeiten.“
Schwups, verschwanden sie wieder im Mauseloch.

Drei Tage später geschah es, dass alle Tiere, angeführt von der Kräuterhex’, das Königsschloss stürmten. Königin Amalia wurde vom Bären in den Kerker gejagt und eingesperrt. Den bösen Zauberer, Mörder der Tierkinder, ließen sie im Verliese. Dort erhielt er Besuch von Fortuna, die, frisch geschoren, ihm das Gesicht mit ihren scharfen Krallen verzierte. Willibald versteckte, nachdem die Kerkertür ein letztes Mal geschlossen ward, den Schlüssel im hintersten Mauseloch.

Als die Ruhe wieder eingekehrt, versammelten sich alle Tiere und die Kräuterhex’ im Thronsaal. Dorthin war der König geflohen und kauerte auf dem Throne. Ungläubig blickte er auf die Bezwinger der Königin, wie sie in allen Farben und Größen, mit Fell und Feder, Schnabel und Tatze vor ihm standen. Fortuna schritt langsam aus ihrer Mitte, baute sich vor Hubertus auf und sah ihm mit ihrem grünen Blick fest in die Augen.
„König! Wir haben mit dir zu reden!“, rief die Kräuterhex’.
Er musste geloben, großzügiger zu seinem Volk zu sein als Amalia gewesen, vor allem immer gut zu den Tieren. Sie sollten reichlich Futter bekommen, nie zuviel arbeiten müssen, und im Alter ein angemessenes Gnadenbrot erhalten.

Und Fortuna? Sie hielt das Versprechen, das sie den Mäusen gegeben. Die Kräuterhex’ hätte sie gerne mitgenommen. Doch Fortuna blieb am Hofe. Sie wollte Acht geben, dass der König sein Wort halte. Damit sie nicht mehr alleine sei, lud sie die Gossenkatzen ein, das Schloss als ihr Zuhause zu betrachten. Sie besah sich die vielen Kater, die ihr schon bald den Hof machten. Den roten Tassilo wählte sie zum Gemahle.
Willibald und Kunigund, von keiner Katze je gejagt, die wurden uralt. Sie hatten viele Kinder.
So lebten sie glücklich bis an ihrer Tage Ende.



Für Fortuna, die immer neue kreative Wege findet, mich vom Schreiben abzuhalten.
Für Ulli, die Funny und Fortuna in unsere Obhut gab.
Für Hendrik, der erlaubt hat, dass sie bleiben.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.19 Uhr
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