Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Juni 2006
Der Fluch
von Stephanie Braun

„Großmutter, es ist so ruhig hier.“
„Ach Schätzchen, du möchtest eine Geschichte hören?“
“Ja bitte, die Geschichte.“
„Aber weiterkämmen, hörst du. Das ist wichtig, sonst verknoten sie.“
„Versprochen, wenn du nur erzählst.“

Vor langer Zeit regierte Amalia, Königin der Liebe. Sie war gerecht und hatte ein offenes Ohr für die Sorgen ihres Volkes.
Glückliche Jahre vergingen, aber kein Thronfolger wurde geboren.
Der König wurde ungeduldig und löste das Problem auf schändliche Weise. Er brachte ein Neugeborenes aufs Schloss, verkündete es sei sein eigen Fleisch und Blut. Königin Amalia weigerte sich, das Baby als das ihre anzunehmen und zog sich in ihre Gemächer zurück. Einzig ihre alte Amme stand ihr treu zur Seite.
Als Amalia ihrem Kummer erlag, verfluchte die Alte das Kind und verschwand.

Die Prinzessin wuchs zu einer hübschen jungen Dame heran. Da war nur ein Makel – ihr Haar. Es wollte einfach nicht wachsen. Einzig kurze rötliche Stoppeln standen auf ihrem Kopf. Kein Wundermittel konnte helfen.
Der König hatte den rettenden Einfall: Er ließ alle am Hofe in seinem Thronsaal versammeln um ihnen das Haar zu kürzen. „Wir am Hofe, sind reinlicher als das gemeine Volk. Wozu brauchen wir Haar? Wir schmücken uns mit Juwelen.“
Anschließend wurde ein großes Fest gefeiert. Die Prinzessin in Seide gehüllt und mit Juwelen behängt war die Schönste im Saal.

Bald darauf erging ein Erlass an das gemeine Volk: Niemand durfte sich mehr das Haar kürzen, dies war fortan ein Privileg des Hofes.


Als die Alte geendet hatte herrschte Stille. Sihina betrachtete ihre Großmutter, die langsam einnickte. Im Mondlicht erschien sie ihr wie eine Königin. Dabei war der Thron nur ein alter Schemel, der auf dem Tisch stand.
Das Haar wallte bis zum Boden, Sihina reckte und bückte sich. Es war eine ewige Qual, nicht nur für das Mädchen, auch für die Großmutter, die diese Last zu tragen hatte.
Sie hatte es nicht verdient, so zu leiden.
Leise nahm Sihina eine Schere aus ihrer Schürze und schnitt eine Strähne ab. Dieses Haar hatte die alte Dame ihr ganzes Leben begleitet. Dann flocht sie den Schlafzopf, küsste die Großmutter und geleitete sie zu Bett.
Mit dem kostbaren Gut in der Tasche schlich sie sich aus dem Haus in ihren geliebten Wald.
An der alten Eiche pfiff sie leise.
„Hast du es dabei?“, fragte ein zartes Wesen vom Ast herab. Sihina nickte und griff in ihre Tasche.
Die Fee schwebte nieder und nahm vorsichtig das Haar entgegen.
„Du hattest Recht. Ich habe dir nicht geglaubt, aber es ist wahr. Hier ist der Beweis. Dieses Haar ist wirklich magisch.
Komme morgen Abend wieder, dann werde ich dir geben, was du wünschst.“
Zufrieden ging Sihina nach Hause.

Am nächsten Abend wurde das Mädchen bereits erwartet.
„Sihina, nimm diese Spange, damit wirst du deine Großmutter von ihrer Last befreien können.“
“Danke liebe Fee.“
„Ich danke dir, kleines Mädchen. Nur noch selten begegnen wir Menschen in deren Adern unser Blut fließt. Auch du meine Freundin hast Feenblut in dir. Möge es dich beschützen.“

Daheim erwartete sie die Großmutter.
“Wo bist du so spät gewesen? Es ist längst nach Mitternacht.“
“Mach dir um mich keine Gedanken, die Feen beschützen mich. Komm setz dich, ich habe dir etwas mitgebracht.“
Langsam holte sie die Spange hervor.
“Wundervoll“, liebevoll strich ihre Großmutter über die geschnitzte Feder.
„Bitte steck sie mir an.“
Die zarte Feder funkelte im Mondlicht und das silbrige Haar glänzte wie nie zuvor.
Langsam bewegte die Alte den Kopf, befühlte ihren Zopf. Er war noch da, aber nun keine schwere Last mehr.
“Die ist von Feenhand, nicht wahr?“
Ohne eine Antwort abzuwarten umarmte sie Sihina und tanzte mit ihr durch die kleine Hütte.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.20 Uhr
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