Bitte lächeln!
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Juni 2006
Ab damit
von Claudia Späth

„Ab damit!“
„Ab damit?“
„Nun mach schon.“
Adrian wedelte flattrig mit den Armen, die viel zu lang im Vergleich zum Rest seines Körpers waren. Vera griff sich in das lange, farb- und trostlose Haar, zog daran und stieß zornige Laute aus.
„Das kann ich nicht“, erklang Adrians Stimme weinerlich hinter ihr. „Wieso sollen sie denn ab?“
Ihre Blicke trafen sich in dem auf Hochglanz polierten Spiegel. „Die nerven, du glaubst gar nicht, wie die mich nerven“, erklärte Vera, jede Silbe betonend, die Augen zu Schlitzen verzogen.
Adrian presste die Fäuste vors Gesicht, bemüht, nicht in Tränen auszubrechen. Vera hatte es satt. Überall diese Haare. Auf dem Kopfkissen lagen sie wie ausgeschwitzte Alpträume. Im Bad hockten sie zusammengekringelt in jeder Ecke, in jeder Ritze, bereit, sich wie giftige Schlingpflanzen um ihre Knöchel zu winden. Sie rotteten sich zu dicken Knäueln zusammen und krallten sich im Abfluss fest, ganz tief unten. Haare vor den Augen, Haare im Mund, Haare im Kragen. Manchmal kitzelte eines von ihnen unter dem T-Shirt, da wo man es nicht entfernen kann, auch wenn man sich noch so sehr verbiegt. Bei ihrem letzten Nordseeurlaub vor zwei Tagen hatte Vera sich entschlossen. Immer wieder hatte der Seewind das lange Haar heftig hin und her geweht, es ihr und anderen ins Gesicht gepeitscht. Während Alex und die Kinder mit nackten Füßen vor herannahenden Wellen davon liefen, musste sich Vera ununterbrochen die Sicht frei kämpfen. Ihre Ohren waren zu klein, um die Haare dahinter festzuklemmen, ein Knoten wollte einfach nicht halten und ein Pferdeschwanz bedeutete Kopfschmerzen, weil das ganze Gewicht der Haare an nur einer Stelle hing. Wie schön wäre jetzt ein Mecki, hatte sie sich vorgestellt, während sie die zweijährige Tochter wie ein Fähnchen um sich herum wirbeln ließ. Ob die Augen des Kindes vor Freude strahlten, war hinter dem dichten, haarigen Schleier nicht zu erkennen gewesen.

„Wie „ab“ sollen sie denn?“, fragte Adrian angespannt, wissend, was auf ihn zukommen würde. Vera presste Daumen und Zeigefinger aufeinander. Ohne Adrians Gefühle zu berücksichtigen, hielt sie ihm diese vor die Nase, dabei fixierte sie sein Gesicht im Spiegel.
„Gaaaanz?!“, quiekte Adrian, als hätte man ihn gebeten, sich nackt auszuziehen.
Kompromissbereit öffnete Vera ihre Finger einen spaltbreit.
„Oh Vera Schätzchen, das kann ich nicht.“ Hilfesuchend schaute sich Adrian im Salon um. „Das macht besser Mathilda. Mathildaaaaaa! Mathildaaaaa!“ Er legte seine Hände wie einen Trichter vor die Lippen und rief nach seiner Rettung. Mathilda tauchte aus einem Nebenzimmer auf. Kaugummikauend stellte sie sich hinter Vera und zupfte ihr eigenes pink gefärbtes Haar zurecht. Adrian wühlte hektisch auf Veras Kopf herum, holte dann einen grobzinkigen Kamm aus der Gesäßtasche seiner Latexhose hervor und begann Vera vorsichtig einen Scheitel zu ziehen.
„Ein bisschen die Spitzen nachschneiden, Mathilda Schatz, Spülung muss unbedingt sein, dann sieht das schon wieder viiieeel besser aus.“
Vera hatte geahnt, dass es vielleicht doch nicht so leicht sein würde, sich von der Mähne, die ihr immerhin bis zu den Kniekehlen reichte, zu trennen. Mit Adrians Rumgezicke hatte sie allerdings nicht gerechnet. Auf gar keinen Fall wollte sie einen Rückzieher machen. Sie wollte keine Haarwäsche mehr, die, inklusive Föhnen, über sechzig Minuten Zeit in Anspruch nahm. Keine Spülung, keine Kurpackung. Nie wieder! Endlich ungestört den Wind genießen, ohne Badekappe ins Schwimmbad gehen, keine herabhängenden Strähnen mehr, an denen sich die Kinderhände wie kleine Äffchen fest halten konnten und man sie Finger für Finger wieder lösen musste.

„Ab, ab, ab!“, schrie Vera gereizt.
Adrian erschrak über den plötzlichen Ausbruch und deutete Mathilda mit einer wedelnden Handbewegung an, später wieder zu kommen.
„Aber nicht alles.“ Beleidigt schlug er die Arme vor der Brust übereinander. „Und schrei mich nicht an.“
„Adrian, du bist seit vier Jahren mein Friseur. Seit vier Jahren komme ich alle zwei Wochen zu dir um das Zeug auf meinem Kopf in Ordnung zu halten. Ich kann einfach nicht mehr.“ Noch immer gekränkt kaute Adrian nicht vorhandene Unebenheiten von seinen gepflegten Fingernägeln.
„Bitte, bitte.“ Vera meinte es ernst, kramte ihre Hände unter dem Plastikumhang hervor, um sie wie zu einem Gebet zusammenzufalten.

Adrian stöhnte „Hmmmm“ und „Uhhhhh“, jammerte „Oh Gott, oh Gott“, während er schnitt und schnitt und schnitt.
„Kürzer!“, spornte Vera ihn an. „Mehr!“, befahl sie, „Weiter! Schneller!“ Bis Adrian die Schere auf den Boden warf und schluchzend das abgeschnittene, auf dem Boden liegende Haar aufhob, um es wie ein verletztes Tier in seinen Händen zu wiegen.
„Das schöne Haar“, weinte er.
„Bist du sicher, dass du den richtigen Beruf hast?“, fragte Vera, die sich im Friseurstuhl umdrehte und Adrian am Arm berührte. Dieser aber zuckte zurück, als hätte sie ihm einen Schmerz zugefügt.
„Das ist Mord“, sagte er unter Tränen.
„Armer Adrian“, sagte sie tröstend und setzte dann energisch nach: „Aber das ist mir noch nicht kurz genug.“

Erst als ihre Haare nur noch einen fingerbreit in die Höhe ragten, gab sie sich zufrieden.
„Ja“, sagte sie, „so ist es gut.“
Adrian wischte sich mit dem Handrücken Schweiß und Tränen aus dem Gesicht. Erschöpft steckte er die Schere zurück in die Gesäßtasche, knetete Gel in seine Finger und verteilte es auf Veras Igelkopf.
„Weißt du“, begann er, um Fassung bemüht, „die ganzen Jahre habe ich sie gepflegt und am Leben erhalten. Ich habe alles getan, damit sie wachsen. Jetzt fühle ich mich wie ein, wie ein, ... Metzger.“
Vera hörte ihm nicht mehr zu. Ab jetzt wird ein neues Leben beginnen, dachte sie.
„Wie viel bekommst du?“, unterbrach sie Adrians Wehklagen. Dieser wandte sich angeekelt ab, als hätte sie ihm eine frittierte Nacktschnecke angeboten.
„Ich nehme kein Geld, an dem Blut klebt“, sagte er empört, zog sein Gesicht ganz lang und schaute beleidigt gegen die Decke.
„Du bist bekloppt“, lachte Vera, „aber mein allerliebster Friseur.“
Beschwingt, erleichtert und erlöst verließ sie den Frisiersalon. Und bis sie zu Hause war, hatte sie sich auch schon fast abgewöhnt, aus der Gewohnheit heraus etwas hinter das Ohr schieben oder aus dem Gesicht pusten zu wollen. Als am Abend ihre Familie nach Hause kam, hatte sie sich erwartungsvoll an dem kleinen Esstisch positioniert. Veras zehnjähriger Sohn bog sich vor Lachen in alle Richtungen, ihre kleine Tochter begann zu schreien und schrak vor der fremden Frau zurück. Alex sagte, sie sähe sehr gut aus. Endlich keine verirrten Haare mehr auf seiner Bettseite, keine unter seinen nackten Fußsohlen, keine im Kartoffelsalat.
„Endlich kann ich dein Gesicht sehen“, seufzte er zufrieden. Alex legte einen Arm um sie, doch als er sie küssen wollte, hielt Vera ihn zurück.
„Pssst.“ Sie legte den Zeigefinger auf ihre Lippen.
„Pssst“, machte sie noch einmal und lauschte.
„Was ist denn?“, fragte Alex flüsternd.
Vera drehte ihre Augen weit nach oben und sagte: „Ich glaube, ich höre wie sie wachsen.“

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.26 Uhr
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