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Juni 2006
Die weise Frau
von Luzia Fischer

Einst lebte ein rühriger Schultheiß, der allabendlich mit dem ehrwürdigen Bischof und den Ratsherren zu Tische saß. Sie zechten so manchen Krug guten Weines und beratschlagten, was für das Volk wohl am Besten sei.
Zu vorgerückter Stunde erhob sich der Oberste Ratsherr, prostete in die Runde und verkündete frohen Mutes:
„Von nun an soll das gemeine Volk nicht mehr mit der Beschwerlichkeit des Denkens beladen sein. Die Bürde des Kopfzerbrechens lastet allein auf uns, den Oberen und Gelehrten dieser Stadt.“
Die Ratsherren und der ehrenwerte Bischof waren des Lobes voll, ob der Güte des Beschlusses, erhoben abermals ihre Krüge und prosteten sich zu.
Fortan erging der Erlass, dass die Bewohner der Stadt das angestrengte Denken zu unterlassen hätten.
Da die Bürger den Obersten Ratsherren, dank seiner Umsicht und Weisheit, sehr schätzten, übten sie sich darin, nichts Gescheites mehr zu denken.
Bald fiel es ihnen leicht ihre Gedanken außer Acht zu lassen und sie lebten sorglos in den Tag hinein.
In dieser Zeit hauste eine kluge Frau mit langen roten Haaren inmitten des Waldes, in einer einfachen Hütte.

Sie sammelte Kräuter und Wurzeln, um daraus Tränke und Pulver herzustellen, mit denen sie allerhand Gebrechen heilen konnte. Für jedermann hielt sie ein Kraut oder ein Mittelchen bereit, was ihr seit vielen Jahren mit allerlei Gütern gedankt wurde.
Doch nun geschah es, dass die Bürger ihrer Hütte fern blieben und sie weder um Rat, noch um Hilfe gebeten wurde. Die Heilerin wusste nichts vom Erlass des Schultheiß und machte sich daher auf den beschwerlichen Weg in die Stadt, um nach dem Rechten zu sehen. Als sie sich den Toren der Stadt näherte, stellte sie erschrocken fest, dass die Ernte auf den Äckern verdorrte, die Wiesen sauer geworden waren und das Vieh auf den Weiden verkümmerte.
Innerhalb der Stadtmauern stand es ebenfalls nicht zum Besten. Die Straßen waren schmutzig, die Markstände leer und die Leute schlurften betrübt, in verschlissenen Kleidern und mit hängenden Köpfen ziellos umher. Ein alter Mann erkannte die weise Frau und zeigte mit dem Finger auf sie.
„Seht nur!“ schrie er außer sich. „Die Weisheit sprießt ihr nur so aus dem Kopf, obwohl es ihr als einfache Frau untersagt ist! Sie handelt wider dem Erlass unseres Obersten Ratsherren!“
Ihrem ungeübten Verstande nach schenkte das Volk dem alten Mann Glauben. So geschah es, das rotes Haar als Merkmal jener galt, die von ihrer Klugheit nicht lassen konnten, sich weiterhin ihren Kopf zerbrachen und nicht aufhören wollten, Gescheites zu denken.
Jeder Bewohner, der den Gesetzesbruch unverhohlen zur Schau trug, wurde der Stadt verwiesen und sollte nie mehr zurückkehren.
Selbst die weise Frau jagten sie unter Schimpf und Schande hinaus und ward von nun an geächtet.

Die Tage vergingen und der Schultheiß wurde das Gejammer und Gezeter seiner Untertanen überdrüssig. Immerfort bekam er zu hören: „Ich weiß nicht, was zu tun ist. Sagt mir, was zu tun ist!“

Sodann blieben die Tore des einst prächtigen Amtshauses für jedermann verschlossen und verriegelt, noch wagte er einen einzigen Schritt vor die Tür. Die Kunde, dass rotes Haar als Merkmal von Klugheit anzusehen war, ein Vorrecht, das freilich den Oberen und Gelehrten gut zu Gesichte stand, hatte er wohl vernommen. Nur das seinige war binnen kurzer Zeit vor Gram und Kummer schneeweiß geworden.

Eines Tages schickte der Oberste Ratsherr seinen Diener aus, um die Heilerin zu holen. Aber dieser
verirrte sich in seiner Unwissenheit heillos im Wald und ward seither nicht mehr gesehen.
So machte sich der Bischof höchstpersönlich auf den Weg, klopfte an die bescheidene Pforte der weisen Frau und bat um Einlass. Der ehrwürdige Bischof flehte, dass sie mit ihm kommen möge, da das Stadtoberhaupt schon seit vielen Tagen im Fieber lag. Selbst sein Leibarzt vermochte nicht, seine Qualen zu lindern.
Die weise Frau aber lächelte und sprach:
„Wie könnt ich diesem Herrn helfen, da mir ja das Denken untersagt wurde. Sobald ich mein Wissen anwende, handle ich wider seinem und eurem Geheiß. Meiner roten Haare wegen wurde ich verjagt und geächtet. Glaubt ihr, ich will Gefahr laufen, in einem Kerker geworfen zu werden?“
Betrübt kehrte der Bischof in das prächtige Stadthaus zurück und berichtete, was die weise Frau zu ihm gesagt hatte.
Der Schultheiß hingegen, der sein letztes Stündlein schlagen sah, bereute den Beschluss schon seit geraumer Zeit. In seiner Not ließ er verkünden, dass der Erlass aufgehoben sei und das Volk nun wieder zu denken hätte.
Abermals klopfte der Geistliche an die einfache Pforte der weisen Frau und bat um Hilfe. Nun da der Erlass aufgehoben war, packte sie ihre Tränke und Pulver in einen Korb und machte sich mit ihm auf den beschwerlichen Weg zur Stadt.
Als sie in das Schlafgemach des Obersten Ratsherren geführt wurde, erkannte sie, dass es mit dem Manne wahrlich nicht zum Besten stand. Das Fieber hatte sein Herz geschwächt und seine Lebensgeister waren bereit seinen ausgemergelten Leib zu verlassen. Behände stellte sie aus dem Pulver der Weidenrinde einen Trank her, welchen sie ihm bedachtsam einflößte.
Noch bevor der Morgen anbrach, senkte sich das Fieber und die Lebensgeister kehrten zurück.
Der Oberste Ratsherr schlug die Augen auf und als er die roten Haare der Heilerin wahrnahm, nickte er bedeutsam. „So stimmt es also, was die Leute reden: Die Klugheit sprießt nur so aus euch heraus.“
Die Frau lächelte und deutete auf sein weißes Haupt.
„Wie gescheit von euch den Erlass aufzuheben, mitunter hätte euch das eigene Volk für dumm gehalten.“
Der Obere Ratsherr verstand sehr wohl den Sinn ihrer Worte und überlegte von da an reiflich seine Beschlüsse.
Zudem musste er erkennen, dass es um vieles einfacher war, das Denken zu verlernen, als es sich erneut anzueignen. Aus diesem Grunde ließ er einen klugen Mann von außerhalb kommen, der die Bürger der Stadt unterrichten sollte. Und so, will man der Geschichte Glauben schenken, entstand das ehrenwerte Amt des Lehrmeisters.
Die weise Frau aber kehrte in ihren Wald zurück, wo
sie den herumirrenden Diener des Obersten Ratsherrn vor dem sicheren Hungerstod bewahrte. In ihrer Güte nahm sie den armen Mann mit in ihre Hütte und die beiden lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.26 Uhr
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