Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Juni 2006
Haare
von Thom Delißen

Es war ja nicht so, dass Jules keine gehabt hätte. Haare.
Da waren seit einigen Tagen ganz eindeutig Zweie vorhanden. Eines knapp zwei Zentimeter links oberhalb des Bauchnabels, was er für einen sehr unangebrachten Platz für einen Haarsprössling hielt, das andere ein wenig schräg versetzt auf das Brustbein hin.
So viel, was seine sich langsam regende Männlichkeit anbelangte. Ein Umstand, der ihm sein Seelenleben recht schwierig gestaltete.
Er war für seine vierzehn Lenze ein außerordentlich gescheites Bürschchen, das bestätigten nicht nur seine Zeugnisse, auch bei den Lehrern war er als ein zukünftiges, wertvolles Mitglied des Systems angesehen.
Er selbst sah seine Situation wesentlich differenzierter.
Er meinte die Methode zu sehen. Jules selbst erkannte sich als unbestimmten Partikel darin, lächelte über die verstaubten Talare, ihre, für ihn überkommenen Ansichten, Auslegungen. Verkannte die Jahre ihrer Erfahrung. Da war nichts, was seinen Augen den Blickwinkel der ihren geben konnte, nur die Zeit, die sich aus sich selbst erschloss. Und er war jung. Im Aufbruch. Bereit für alles Neue.

Die Klassenfahrt nach Berlin. Er stand, auf dem leeren Parkplatz, den Trekkingrucksack (er hasste diese Metallgestelle), ein Geschenk, auf das seine Mutter ganz besonders stolz war, neben sich.
Der Asphalt mit ölschillernden Pfützen vom Regen der letzten Nacht übersät. Ein wirrer Gedanke brachte die Ölschlieren auf den Wasserlachen mit dem Abschiedskuss der Mutter in Verbindung. Rau wischte er sich die Lippen. Strich die Haare nach hinten. Nach und nach die ersten Autos, Schulkameraden, die er nachlässig grüßte, eine Gruppe aus dem Lokalbus, der er sich zugesellte.
Klar, er war einer von ihnen. Das war deutlich an seinem Outfit zu erkennen. Schwarze Schlaghosen, schwarze Stiefeletten, dunkelbrauner Rollkragenpulli.
Das Gespräch drehte sich immer um dasselbe:
Autos, der letzte Rausch, Mädchen, Computerspiele.
Nicht zum ersten Mal sah er seine geistige Außenseitersituation. Natürlich wusste er Bescheid, kannte die Namen der bevorzugten Autos, ihre PS-Zahlen, hatte von einem Freund ebenfalls den neuen Schlüssel zu „Farmers Fortune’s“ downgeloadet, ein feuchtes Erlebnis mit Ivonne gehabt, das in Wirklichkeit so feucht gar nicht gewesen war.
Doch vollkommen klar, er stand darüber. Ja, er verkehrte mit diesen Menschen, natürlich. Es waren seine Freunde.
Nichtsdestoweniger fühlte er sich in einer anderen Dimension.
Etliche Kilometer vor der Ausfahrt nach Colmar, man intonierte gerade „von den blauen Wäldern kommen wir“, gab es einen gewaltigen Ruck, der Bus geriet ins Schlingern. Dem Fahrer, einem Routinier, der seit Jahrzehnten Diesel-Karossen durch die Gegend chauffierte, gelang es, das Fahrzeug mit geplatztem Hinterrad auf dem Seitenstreifen zum Stehen zu bringen. Nach kurzem Schreck wurde allen klar, hier war willkommene Gelegenheit zu einer Zigarettenpause. Die Schüler quollen aus dem Bus, verteilten sich entlang der Straßenböschung.
Jules entnahm einem erregten Disput zwischen Fahrer und verantwortlicher Lehrkraft, dass ein Austauschreifen fehlte, streifte nun, entnervt von dem Alltagsgelaber der anderen, den Asphalt der Schnellstraße entlang.
Es war gegen Sonnenuntergang, der große Ball warf gelbfarbene Tünche über den Westhimmel. Im Horizont vor sich bemerkte Jules drei Gestalten, mit unwirklichem Tuch gekleidet, in seltsamen Bewegungen den Seitenstreifen der Route National folgend. Einen Augenblick verschwand einer der beige-orangen Schatten im Licht der vergehenden Sonne über dem Asphalt, dann wieder flirrte ein alleiniger, wieder drei, zwei. Sie schienen, mitsamt ihrem seltsamen Gehabe, auf ihn zuzustreben. Er war fasziniert. Seine ureigene Wahrheit, sein so surreales Weltbild, schien sich mit der Realität zu vermischen.
Hier hinten, ein wenig unterhalb, der marode Bus. Dort, die Autostraße hinauf, drei, allein auf Grund ihrer Kleidung, unwirkliche Silhouetten. doch waren sie Wirklichkeit, kamen näher. Unverkennbar.
Er beobachtete, wie die Umrisse ihrer Gestalten in dem Licht des untergehenden Sonnenbündels sich bückten, suchten. Was, das wurde ihm nicht klar.
Die drei, in dieses Tuch gehüllten Gestalten bewegten sich ohne Zögern auf Jules zu, weit hinter ihm die qualmenden Jugendlichen, das schief auf dem Grund stehenden Reisevehikel. Als sie nahezu auf seiner Höhe waren, geschäftig lugend, schweigend, immer nach einer Winzigkeit suchend, sprach er sie an: “Hallo!“
Die Wanderer, erst jetzt bemerkte Jules, dass auch eine Frau bei ihnen war, grüßten freundlich zurück.
“Was tut ihr?“, fragte Jules.
Sie unterbrachen ihre Suche. Der Mittlere, ein hagerer junger Mann mit kleinem Bärtchen, antwortete mit melodischer Stimme:
“Das ist mit Worten sehr einfach erklärt, junger Freund.“ Er lächelte sanft. „Wir haben unser Leben auf die Suche nach einem Reiskorn reduziert. Wir reisen. Ja, wir reisen.“
Jules starrte ihn voller Verwunderung an. “Meinst du das ernst? Ihr sucht Reiskörner?“
Das Licht der sinkenden Sonne in seinem Rücken gab dem Gesicht seines Gegenübers etwas Geheimnisvolles, Wehmütiges. “Wie ist dein Name, Freund?“
“Jules. Die anderen“, er warf einen Blick über die Schulter, „nennen mich Jo.“
Die drei Wanderer in ihren weiten Kleidern standen im Halbkreis um ihn herum, im nächsten Augenblick würde sein Lehrer auf ihn und die Fremden aufmerksam werden. „Kommt, setzen wir uns.“
Jules deutete auf den Streifen Rasen neben der Straße.
So setzten sie sich im Schneidersitz, wie die Indianer zu einem Palaver, in das frischgeschnittene Grün.
“Mein Name ist Meshi. Das ist auch einer der unendlich vielen Namen für gekochten Reis. Was weißt du über Reis, über Oriza, Jules?“ fragte der Wortführer mit dem schmalen Bärtchen. „Ich meine, was weißt du tatsächlich über dieses Nahrungsmittel?“
Jules überlegte. “Nun, ein wichtiges Lebensmittel.“
“Da hast du Recht.“ Er beugte sich nach vorne, fixierte den Jugendlichen mit seinen braunen Augen.
“In vielen asiatischen Sprachen sind die Worte für Reis und für Essen identisch.“ Er hatte tatsächlich den Zeigfinger mahnend erhoben. „Die Pflanze ist etwa seit zehntausend Jahren bekannt, nach Amerika kam sie erst im siebzehnten Jahrhundert. Es ist eine Grassorte. Die essbaren Samen reifen an hängenden Ährenrispen am oberen Ende des Halms.“
Die Frau übernahm das Wort. Sie hatte ein fein geschnittenes, asiatisch anmutendes Gesicht, war braungebrannt und bewegte beim Sprechen in anmutigen Gesten ihre Hände.
Sie berührte Jules am Oberarm. “Mit einer Handvoll Reis überlebt ein Mensch einen ganzen Tag. Ein Sack voll des Saatgutes sichert nach der Ernte die Leben eines kleinen Dorfes von vielleicht tausend Menschen. Jedes einzelne Korn ist unschätzbar wertvoll.“
Der Dritte der Reisenden wandte sich an Jules. „Mit einer Tasse Reis, das sind fünf Cent, rettest du ein Menschenleben.“
Die Frau blickte Jules sehr ernst, traurig nahezu, an. “Darum sind wir unterwegs, Reis zu sammeln. Jeder dritte Mensch auf dieser unserer Mutter Erde muss des Hungers sterben. Wir möchten etwas dagegen unternehmen. Mit all dem Einsatz, zu dem wir fähig sind.“
Der Mann mit dem Bärtchen, der so melodischen Stimme, warf ein: „Mutter Erde lässt uns dabei nicht im Stich. Alleine heute haben wir Reiskörner im Wert von fünfzigtausend Euro gesammelt.“ Er zwinkerte Jules zu. „Wir kommen gerade vom Nachmittagstee bei einem Großindustriellen, der sich sehr großzügig gezeigt hat. Er ließ uns mit seinem Firmenmercedes bis hierher kutschieren, dann gingen wir wieder zu Fuß weiter. Zu reisen. Zu sammeln.“
Er öffnete seine leinene Umhängetasche, entnahm ihr einen Fladen Brot, den sie dann, wie in einem Zeremoniell miteinander aßen.
Jules war überwältigt von dem Seelenfrieden, den die drei ausstrahlten, mit einem Herzen, so weit offen wie ein Scheunentor zur Erntezeit, leuchtenden Augen sog er die Philosophie, die sich im darbot, auf.
Er kehrte nicht mehr zu dem Bus zurück, jede Suchaktion blieb erfolglos.
Jules erfuhr mehr über die Liebe, über Bhagavadgita, Mahabharata. Über die Schlacht von Kurukshetra, Krishna und Arjuna. Die Parameshvara "höchster Ishvara", "höchste Persönlichkeit Gottes versuchte er zu verinnerlichen, verkannte seine ehemalige Distanz zu Systemen, wurde selber Teil einer Ordnung. Hare Rama! Hare Krishna!

Ich traf Jules, etwa zehn Jahre nach seiner Flucht, in einem sonnigen Café an der Rue Briande im Pariser Studentenviertel. Er erzählte mir diese Geschichte, schloss sie mit dem einen Satz: „Weißt du, wie viele Tassen Reis ein Rolls Royce kostet?“

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.18 Uhr
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