Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Juni 2006
Begegnung der anderen Art
von Barbara Seyfarth

FĂŒr Dr. Peter Plichta, der seinen KindheitstrĂ€umen treu bleibt.
Mein Dank gilt Matt Ruff und Douglas Adams fĂŒr ihre gnadenlose Phantasie, die mich inspirierte.


Zorga stand auf seiner Terrasse hoch ĂŒber dem Atlantik und genoss die Abendstimmung. Der Himmel leuchtete rosa-blau ĂŒber dem spiegelglatten Meer. Die ersten Sterne glitzerten.

Plötzlich zuckten Blitze am Himmel. Es sah so aus, als gingen Tausende von Sternschnuppen nieder. Riesige HaarstrÀhnen durchschnitten die StratosphÀre, glitten in elegantem Schwung zur Erde hinab und streiften den Ozean.

"Atemberaubend schön!", war Zorgas erster Gedanke.
"Atemraubend", dachte er, als ihn eine Flutwelle gegen seine Villa quetschte und baumdicke Haare das Dach abrasierten. Das zurĂŒckströmende Wasser riss ihn mit sich. Er schlitterte bis zum GelĂ€nder, an dem er benommen hĂ€ngen blieb. Sein Hirn ratterte: "Überdimensionales Frauenhaar? Bedrohen Außerirdischen unseren Planeten?"

Ein glucksendes Piepsen ertönte. Zorga griff in die Brusttasche. Wasser tropfte aus dem Handy.
"Zorga!", brĂŒllte es ihm entgegen, kaum dass er die grĂŒne Taste berĂŒhrt hatte. "Ich bin gleich bei dir! Hast du DAAAS gesehen?"
Über ihm erschien ein Plichta-Mobil.
"Los! Komm schon!", schrie es aus dem Handy und von oben gleichzeitig.
Ächzend rappelte er sich auf und erklomm die Leiter, die ins Innere des Raumgleiters fĂŒhrte. Eine Wespenkönigin auf der Suche nach einem Nistplatz schlĂŒpfte unbemerkt mit durch die Luke.

Das Plichta-Mobil schoss in einem sanften Bogen ins Weltall.
"Ist es fĂŒr diese Höhen ausgelegt?", fragte Zorga mit einem Blick auf die Anzeigen. Er ließ sich neben Antonio in den Sessel plumpsen.
"Hab 'n bisschen dran rumgebastelt. FĂŒr 'n paar Stunden kann ich im luftleeren Raum navigieren."
Zorga schwitzte. "Hast du eine Idee, was das war?"
"Nöh. Sah krass aus, wa? Gleich verlassen wir die ErdatmosphÀre."

Mit offenen MĂŒndern starrten sie auf die riesigen HaarbĂŒschel, die gemĂ€chlich an der Erde vorbeischwebten. Das FellknĂ€uel, das den Planeten touchiert hatte, qualmte. Eine langhaarige MĂ€hne ohne Kopf und Körper. Zorga atmete als erster wieder: "Lebt das?"

***


Im Hochsicherheitstrakt der Internationalen Behörde fĂŒr extraterristische Beobachtungen herrschte Aufregung.
"Die Flutwelle setzte mehrere KĂŒstenstĂ€dte unter Wasser!"
"Haben wir es mit einer Lebensform zu tun?"
"Eindeutig organischen Ursprungs. Die Spektralanalyse der Flammenblitze ergaben einen hohen Kohlenstoffgehalt."
"Chef! Wir können mittlerweile mehr als 1000 Objekte differenzieren. Die Ausdehnung eines dieser Wesen entspricht ungefÀhr dem Durchmesser des Mondes!"
"Stehen uns noch mehr Kollisionen bevor?"
"Nein. Sie entfernen sich wieder von der Erde. Sollen wir versuchen, Kontakt aufzunehmen?"
"Ja, setzt die 'Banner' frei!"

Hoch ĂŒber der Erde starteten die Mitarbeiter der Behörde eine kleine Sonde. Nachdem sie den SatellitengĂŒrtel verlassen hatte, entrollte sie ein langes, leuchtendes Banner mit einer Skizze des Sonnensystems und der Aufschrift: "Willkommen auf der Erde! Terra - Sol - Milchstraße"

***


Zorga lehnte sich in seinen Sessel zurĂŒck. "Lass uns heimfliegen!"
"Nach Hause?", schimpfte Antonio. "Du hast wohl 'n Schuss wech! Ich will ran."
Er fummelte an den Steuerungen und das Plichta-Mobil nÀherte sich einem FellknÀuel, das gerade die Erde passierte. Wie Tentakeln schwangen die Haare hin und her. Bald konnten sie Einzelheiten ausmachen.
"Willst du da rein?" Zorgas Finger krallten sich in die Armlehnen.
"Plichta-Mobil auf Kollisionskurs mit Flugobjekt", meldete das Bordsystem. "Korrigiere Kurs um drei Grad."
"Was is'n hier unterwegs?", wunderte sich Antonio.
Die Sonde mit dem kilometerlangen Banner tauchte auf dem Bildschirm auf.
"Ein Gruß von der IBeB", grinste er.
"IBeB?"
"Internationale Behörde fĂŒr extraterristische Beobachtungen."
Sirenen fiepten, eine rote LED blinkte. "LĂ€ngliche Objekte auf Kollisionskurs!"
"Schitt", stöhnte Antonio.
Zorgas Augen folgten der HaarstrÀhne, die in ungeheurer Geschwindigkeit auf sie zuraste.
Sie machte einen leichten Schwenk Richtung Sonde und zertrĂŒmmerte sie. Von der Wucht abgelenkt, schwang das Willkommensbanner hoch und schnĂŒrte die Haare zu einem Zopf zusammen. Die Antikollisionskontrolle des Raumgleiters veranlasste einen Satz nach vorn und das Plichta-Mobil blieb in den feiner strukturierten Haaren weiter innen hĂ€ngen.
Zorga rieb sich seinen schmerzenden Kopf. Sie wurden sanft hin und hergewiegt.
"Bruchlandung unbeschadet ĂŒberstanden. Und draußen: SauerstoffatmosphĂ€re. Genial!" Antonio schnappte sich eine KettensĂ€ge, öffnete die Sicherheitsschlösser der Luke und kletterte hinaus.
"Antonio! Was soll denn das?" Resigniert sank Zorga in sich zusammen.

***


Die Wespenkönigin wackelte mit ihren FĂŒhlern. Ein besonderer Duft zog sie an. Sie krabbelte aus dem Raumgleiter und summte Richtung Zentrum des FellbĂŒschels. Die Haare wurden immer feiner und dichter. In einer kleinen Ausbuchtung weckten WĂ€rme, Geruch und Umgebung in der Wespe einen Instinkt: Hier war der ideale Nistplatz.

***


"Los, hilf mir Zorga!"
Antonio reichte ihm die KettensĂ€ge, unterm Arm ein paar baumstammdicke StĂŒcke des HaarbĂŒschels.
"Was willst du damit?"
"Ich kenne jemanden bei der IBeB - die kaufen mir das fĂŒr 'n Batzen Geld ab.
"Wenn wir ĂŒberhaupt nach Hause kommen", antwortete Zorga. "Dein Bordsystem hat vorhin gemeldet, dass wir uns außerhalb der Maximaldistanz zur Erde befinden. Die Wahrscheinlichkeit fĂŒr eine RĂŒckkehr steht eins zu tausend."
Antonio setzte sich an die Fahrzeugkontrollen. "Ich starte die RĂŒckschubturbinen."
Die Maschinen brĂŒllten auf, aber das Plichta-Mobil bewegte sich keinen Millimeter.

***


Die Wespe schnitt mit ihren Zangen feine HĂ€rchen aus dem Fell und löste so einen Reflex aus. Haare und Muskeln zogen sich um das Insekt zusammen. Dieses griff in seiner Panik zur einzig verfĂŒgbaren Waffe. Sein Stachel bohrte sich in das empfindliche Innere der fremden EntitĂ€t. Ein Zucken ging durch das FellbĂŒschel und breitete sich bis zu den Tentakeln aus.

***


"Wie FlimmerhÀrchen in der Lunge", dachte Zorga, als sich plötzlich die Haare um sie in Wellen aufbÀumten. Mit einem Knirschen löste sich das Plichta-Mobil aus dem Gewirr und wurde Richtung Erde geschleudert.
"Auf Heimatkurs", meldete das Bordsystem. Das Schnurren der Maschinen tönte durch die Pilotenkanzel.
"Voraussichtliche Ankunft in drei Stunden, siebzehn Minuten und zweiundvierzig Sekunden."

***


"Wir sind zu Hause!", brummelte Antonio.
MĂŒde stolperte Zorga zur Luke und kletterte in die MorgendĂ€mmerung hinaus.
Im fahlen Licht begutachtete er das zerstörte Dach seiner Villa. Etwas hatte sich seit ihrem Aufbruch verÀndert.
"Was ist das?", wunderte er. "In einer Nacht kann dort kein Gras gewachsen sein!"
Als er Antonio zum Abschied zuwinkte, erstarrte er. Auf dem Plichta-Mobil spross ein dichter Pelz aus Haaren.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.28 Uhr
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