Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Juni 2006
Die Perücke
von Melanie Conzelmann

Deutschland, im Juli 1683

Magdalena stand leise auf, sie wollte den Grafen nicht wecken. Ihre Haut schimmerte im Mondlicht, als sie sich bückte, um ihr Unterkleid aufzuheben. Rasch streifte sie es über, blickte auf den adligen Herrn und beobachtete ihn einige Sekunden lang, um sicher zu sein, dass er fest schlief.
Er bevorzugte es, ohne Perücke bei ihr zu liegen. Seine kurz geschorenen Haare standen ihm vom Kopf ab und ließen ihn jungenhaft aussehen. Das Gesicht, sonst stets mit einem grausamen Zug um den Mund, war nun entspannt.
Schnell wandte Magdalena sich ab. Der Graf hatte ihr Kleid achtlos über einen Sessel geworfen. Sie griff in die eingenähte Tasche ihres Rockes.
Als sich ihre Hand um eine kleine silberne Dose schloss, schaute sie noch einmal zum Bett hinüber. Er bewegte sich nicht. Beherzt zog sie die Dose hervor und ging ins Ankleidezimmer, sorgsam darauf bedacht, kein Geräusch zu machen.
Seine Perücke stand, ordentlich auf einem hölzernen Gestell drapiert, auf dem Frisiertisch. Daneben ein Gefäß mit Puder.
Magdalena öffnete ihr Silberdöschen und starrte auf das darin enthaltene Arsenik. Wie Staubzucker sah es aus. So weiß, so rein und so tödlich.
Sie schauderte. Konnte sie ihren Plan wirklich durchführen? Ein leichter Schwindel erfasste sie. Automatisch legte Magdalena ihre freie Hand schützend auf ihren Bauch. Noch war ihr die Schwangerschaft nicht anzusehen.
Tief atmete sie ein, um das Schwindelgefühl zu vertreiben und fühlte die Wärme ihres Leibes durch das dünne Leinen des Unterkleids.
Ja, um ihres ungeborenen Kindes Willen musste sie es tun.
Sie dachte an ihren erstgeborenen Sohn, den er ihr gleich nach der Geburt genommen hatte. Sie wusste weder wie er hieß, noch ob er überhaupt lebte.
Das zweite Kind war ein Mädchen gewesen. Die Geburt war viel zu früh ausgelöst worden von den Schlägen seines betrunkenen, grundlos eifersüchtigen Vaters. Seither hielt der Graf sie wie eine Gefangene im Haus.
Vor der dritten Geburt hatte sie dafür Sorge getragen, dass ihr Kind in Sicherheit gebracht wurde. Die Hebamme hatte dem Grafen mitgeteilt, sein Bastard wäre tot zur Welt gekommen. Magdalenas Schneiderin zog den Jungen auf, so konnte sie ihn ab und zu sehen, ohne Verdacht zu erregen. Diese kostbaren Stunden waren jedoch viel zu selten, und die Schneiderin war nicht in der Lage, noch ein Kind zu versorgen.
Als sie sicher war, wieder schwanger zu sein, hatte sie zuerst daran gedacht zu fliehen. Ein kühner Traum, der für eine Frau ohne Familie nicht durchzuführen war.
Sie war abhängig von ihrem Gönner. Die einzige Möglichkeit, sich von ihm zu befreien und mit den Kindern in das kleine Haus zu ziehen, das er ihr überschrieben hatte, war sein Tod.

Jeder seiner Vertrauten wusste von der nervösen Angewohnheit des Grafen, auf einer Haarsträhne zu kauen. Entschlossen ließ Magdalena das Arsenik in das Puder rieseln. Sie schüttelte das Gefäß ein wenig, damit sich alles gleichmäßig verteilte und kehrte dann in das Schlafgemach zurück.
Sie beugte sich über ihr Kleid und wollte ihre Dose zurück in die Tasche stecken, als ihr ein Schauer über den Rücken lief. War er aufgewacht?
„Magdalena! Was tust Du da?“ Seine Stimme klang belegt vom Schlaf.
Sie erstarrte. Was hatte er gesehen? Ihre Finger krampften sich um das Döschen und der Verschluss stach ihr in die Handfläche. Der Schmerz ließ sie wieder klar denken. Er durfte keinen Verdacht schöpfen.
Möglichst unbefangen ließ sie die Silberdose in ihrem Rock verschwinden und drehte sich langsam um.
„Ich wollte mich ankleiden Euer Hochwohlgeboren. Eure Gemahlin sieht es nicht gern, wenn ich mich bei Tagesanbruch noch in Euren Gemächern aufhalte.“
„Komm hierher, zu mir!“
Magdalena leistete seinem Befehl folge. Bei dem Gedanken daran, was geschehen würde, wenn er wüsste was sie getan hatte, zog sich ihr Herz vor Furcht zusammen.
Sie blieb vor dem Bett stehen und schaute ihn ängstlich an. Eine Zornesfalte ragte steil zwischen seinen Brauen auf.
„Seit wann bestimmt meine Gemahlin über meine Mätresse?“ Seine Stimme klang ärgerlich, dennoch würde Magdalena ihn besänftigen können, sie hörte es an seinem Tonfall.
Erleichtert antwortete sie: „Das tut sie nicht, mein Herr. Ich weiß jedoch, wie zuwider Euch Euer schlecht gelauntes Weib ist, deshalb wollte ich Rücksicht auf sie nehmen.“
Der Graf schaute sie einen Moment verwirrt an, dann brach er in schallendes Gelächter aus.
„Du bist wirklich entzückend, mein Kätzchen! Zieh Dein Hemd aus, und komm wieder zu mir ins Bett! Ich werde die Launen meines Eheweibes heute gerne ertragen, wenn Du mich noch ein wenig erfreust!“
Magdalena war froh, den Wutanfall abgewandt zu haben. Sie ließ ihr Unterkleid zu Boden fallen und legte sich an seine Seite. Er packte sie am Gesäß und zog sie näher zu sich heran. Hart legte sich sein Mund auf ihren und seine Hand vergrub sich grob in ihren Haaren, während er sein Knie zwischen ihre Schenkel drückte.

***


Drei Tage später

„Er verlangt nach Ihnen, Dame Magdalena!“
Magdalena warf der Gräfin einen entschuldigenden Blick zu, erhob sich von ihrem Sessel und folgte dem Arzt in das Schlafgemach des Grafen. Seit drei Tagen war er entsetzlich krank. Zuerst hatte er nichts bei sich behalten können. Durchfall und Erbrechen schwächten ihn und er wurde von starken Schmerzen gequält.
Heute Morgen schien er auf dem Wege der Besserung gewesen zu sein. Dann setzten die Krämpfe ein. Ein immer wiederkehrendes Zittern der Arme und Beine. Magdalena hatte Angst.
Seinen Körper verließ die Kraft. Klare Augenblicke wechselten sich mit Delirium ab. Der Arzt machte ihnen keine Hoffnung.
Magdalena sehnte ein baldiges Ende herbei. Dass sie die Schuldige seiner grausamen Qualen war, peinigte sie. Sie hatte seinen Tod gewollt. Aber dies war abscheulich und eines Menschen unwürdig.
Sie trat an das Krankenbett, fest entschlossen ihm alles zu verzeihen, was er ihr angetan hatte.
„Magdalena!“, seine Stimme war schwach und kaum zu hören. Sie beugte sich näher zu ihm.
„Der Arzt sagt, ich werde sterben.“ Er griff kraftlos nach ihrer Hand. „Ich weiß, ...“, erschöpft schloss er die Augen und rang nach Atem. Magdalena begann zu zittern. Was wusste er? Lieber Gott, bitte lass ihn nicht wissen, dass ich ihn vergiftet habe!
„ ... ich habe Dir sehr wehgetan, als ich Dir das Kind nahm. Es tut mir leid. Ich wollte Dich nur für mich, Magdalena. Du gehörst mir!“, er röchelte. Seine kalte Hand drückte die ihre schmerzhaft.
„Versprich mir ... Versprich mir, Dich nie einem Anderen zu schenken.“
Sie blickte ihn überrascht an. Selbst auf seine eigenen Nachkommen war er eifersüchtig gewesen? Er hatte eine seltsame, intensive Art zu lieben.
Enthaltsamkeit schien ihr ein geringer Preis für ihre Tat zu sein. Beinahe hätte sie laut gelacht über die Absurdität seines Wunsches, hatte sie doch nie Gefallen daran gefunden ihm beizuwohnen. Sich einen neuen Liebhaber zu nehmen, lag ihr fern.
„Ja“, sagte sie, „ich verspreche Euch auf ewig treu zu sein.“
Er seufzte erleichtert.
„So ist es gut, mein Kätzchen. Du weißt, das kleine Haus am Stadtrand gehört Dir. Ich habe verfügt, Dir eine monatliche Rente zukommen zu lassen, solange Du Dein Versprechen hältst.“ Seine Hand fiel matt zurück.
„Komm näher, damit ich mich von Dir verabschieden kann. Ich kann Dich nicht mehr richtig sehen.“
Magdalena brachte ihr Gesicht ganz nah an seines, streichelte ihm über die Wange und küsste ihn auf die Stirn. Obwohl sie ihn nie geliebt hatte, standen Tränen in ihren Augen.
„Gott beschütze Euch, er wird Euch zu sich nehmen!“
„Leb wohl, mein Kätzchen!“, er schloss die Augen und atmete flach.
Sie erhob sich und verließ das Sterbezimmer, ohne sich noch einmal umzusehen.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.23 Uhr
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