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Juni 2006
Verabredung
von Claudia G├Âpel

Noch eine Stunde.
Mit ungeschickten Fingern frisiere ich meine Haare. Stecke sie nach oben. Das gef├Ąllt mir. Wie bei den Stars, als sie bei der letzten Oskarverleihung hoheitsvoll ├╝ber den roten Teppich schritten. Selbst die burschikose Sandra Bullock wirkte durch die Hochsteckfrisur wie eine Diva. Es sieht edel aus und gleichzeitig verf├╝hrerisch. Ich setze meine Brille auf und begutachte das Ergebnis. Meine Haare gl├Ąnzen wie die Au├čenhaut einer frisch aufgesprungenen Kastanie, das verdanke ich der neuen Sp├╝lung. Ich habe mehr Haarnadeln verwenden m├╝ssen als ich dachte, um die d├╝nnen Str├Ąhnen in Form zu bringen. Mit der Hand streiche ich die Seiten glatt. Prompt l├Âst sich eine Locke, f├Ąllt kraftlos vor das linke Ohr und kitzelt meine Wange. Ich sch├╝ttele leicht den Kopf. Es ziept, als sich die Metallst├Ąbchen an die einzelnen Haare klammern. Ich nehme die Brille ab, um meine Augen zu schminken. Die B├╝gel ziehen zwei weitere Str├Ąhnen vom Kopf. Jetzt sehe ich fast aus wie vorher. Ich fluche leise. Es liegt nur an der verdammten M├╝tze, dass meine Frisur nicht mehr h├Ąlt!

Noch 50 Minuten.
Ich ├Âffne die beiden ├Ąu├čeren T├╝ren des Spiegelschrankes, kann nun mein Profil sehen und ein ganz klein wenig den Hinterkopf. Von hinten gefalle ich mir ohnehin am besten, da wirken die Haare noch f├╝llig. Ich massiere meinen Nacken, der wie immer verspannt ist. Das kommt vom st├Ąndigen Schultern hochziehen, wenn ich das Klemmbrett vor die Augen halte, um die Nummern aufzuschreiben. Ich knete die harten Muskeln neben den hervortretenden Wirbeln und sp├╝re, wie sich der d├╝nne Zopf l├Âst und ├╝ber den Handr├╝cken f├Ąllt. Prima! Unwirsch zupfe ich die Nadeln heraus und werfe sie ins Waschbecken. Sie klingeln leise, als sie gegen das Porzellan sto├čen. An jeder klemmen wenigstens zwei vormals intakte Haare. Ich rubbele kopf├╝ber mit den Fingern meine nicht mehr vorhandene Frisur durch und schaue wieder in den Spiegel. Wenig Haare, viel Luft, noch mehr Spray gaukeln schlie├člich F├╝lle vor. Ich denke, es h├Ąlt eine Weile.

Noch 40 Minuten.
Ob ich mir die N├Ągel lackiere? Oder sind sie daf├╝r zu kurz? Bei der Arbeit sind lange N├Ągel eher hinderlich. Wir tragen Handschuhe, die wir beim Schreiben ausziehen. Der Winter dauert dieses Jahr viel zu lange. W├Ąhrend der letzten st├╝rmischen Wochen war ich nicht die einzige, die sich eine w├Ąrmende Kapuze w├╝nschte. Aber nein, wir m├╝ssen zu jeder Jahreszeit diese d├Ąmlichen blauen K├Ąppis tragen, passend zur ├╝brigen Kleiderordnung. Farbloser Nagellack wirkt nicht aufdringlich, denke ich beim Auftragen und blase auf meine Finger, um ihn schneller zum Trocknen zu bringen. Ich finde noch eine wei├če Steckbl├╝te im Spiegelschrank, die ich links neben dem Scheitel befestige.

Noch 30 Minuten.
Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich wurde noch nie von einem Fremden zum Essen eingeladen. Au├čer zu meinen wenigen m├Ąnnlichen Kollegen, die mir morgens vor der Besprechung manchmal einen Kaffee aus dem Automaten bringen, pflege ich sonst kaum Kontakte zum anderen Geschlecht.
Wegen der Witterung sind jetzt viele krank. Das bedeutet doppelte Arbeit f├╝r die ├╝brigen. Wir m├╝ssen ja trotzdem unsere Quote schaffen. Bislang hatte ich mein Wohnumfeld zur pers├Ânlichen Tabuzone erkl├Ąrt. Ich wollte schlie├člich von meinen Nachbarn nicht schief angesehen werden. Wegen dem erh├Âhten Arbeitsaufkommen geht das nun nicht mehr. Inzwischen bin ich schiefe Blicke gew├Âhnt. Meist ver├Ąrgert oder sogar hasserf├╝llt, wenn sie mich in der N├Ąhe ihrer Autos bemerken. Die Falten neben meinem Mund vertiefen sich, als ich an die unz├Ąhligen Beschimpfungen denke, die ich schon ├╝ber mich ergehen lassen musste. Werden sie gar zu unfl├Ątig, kontere ich mit einer Anzeige wegen Beleidigung. Das kommt dann noch teurer. Ich l├Ąchele grimmig in den Spiegel. Was kann ich denn daf├╝r, wenn es zu wenige Parkpl├Ątze gibt! Vorschriften sind dazu gemacht, damit sich jeder daran h├Ąlt. Wer sich ein Fahrzeug leisten kann, muss sich auch mit den Strafzetteln abfinden, wenn er falsch parkt. Und ich habe schlie├člich eine Quote zu erf├╝llen. Da ist es hilfreich, wenn im Winter die Autos stehen wo sie stehen, manchmal tagelang. Die strafe ich zweimal ab, morgens auf dem Hinweg und zum Feierabend noch einmal. Wie die Rostlaube, die sich seit zwei Tagen direkt vor dem Haus ohne Sondergenehmigung auf einem Anwohnerparkplatz breit macht. Ich schaue aus dem Fenster. Ja, die Karre steht noch immer dort. Und das Plastikt├╝tchen mit dem aufgedruckten Halteverbotszeichen von heute Nachmittag klemmt auch nicht mehr unter dem Scheibenwischer. Na warte!

Noch 20 Minuten.
Ich hole den Block aus meiner Umh├Ąngetasche und kritzele hastig die Buchstaben- und Zahlenfolge, die ich mittlerweile auswendig wei├č, auf das oberste Blatt. Noch die passende Kennziffer, meine Unterschrift in die untere Zeile und den Betrag in die obere rechte Ecke: 25,00 Euro im Wiederholungsfall. Insgesamt also 105,00 Euro. Eine gute Ausbeute f├╝r ein einziges Auto in zwei Tagen, denke ich zufrieden, stopfe den Strafzettel in die Plastikfolie, ziehe meinen Mantel an, streife die Stiefel ├╝ber und eile durch das Treppenhaus nach unten. Ich nehme gleich mehrere Stufen auf einmal. An der Haust├╝r vergewissere ich mich, dass niemand auf der Stra├če zu sehen ist, mache einen Satz ├╝ber den zusammen geschippten Schnee und stecke dem Parks├╝nder die T├╝te unter das Wischerblatt. Auch auf dem R├╝ckweg zu meiner Wohnung begegnet mir keine Menschenseele. Kichernd und atemlos lehne ich mich von innen an die T├╝r.

Noch 10 Minuten.
Ein Blick in den Spiegel zeigt erhitzte Wangen und meine Haare sind zwar frisurlos, aber lustig verstrubbelt. Oh ja, ich sehe richtig verwegen aus, bereit f├╝r das erste Date mit meinem neuen Nachbarn. Es klingelt an der T├╝r. F├╝nf Minuten zu fr├╝h. Brille oder nicht? Keine Brille.
ÔÇ×Ich kommeÔÇť, fl├Âte ich und ├Âffne mit einem strahlenden L├Ącheln die T├╝r.
ÔÇ×HalloÔÇť, knurrt meine Verabredung.
Ich blinzele. Was hat er da in der Hand?
ÔÇ×Sind die alle von IhnenÔÇť, fragt er und wedelt mit einem F├╝nferpack Strafzettel vor meiner Nase herum.
Schlagartig weicht mir die Farbe aus dem Gesicht, um in einer hei├čen Welle ├╝ber den Hals zur├╝ck zu kriechen. Er h├Ârt auf zu wedeln, zerrei├čt das Papier in kleine St├╝cke und wirft es mir vor die F├╝├če. Ein paar Schnipsel bleiben an den noch feuchten Stiefeln kleben.
ÔÇ×Unser Essen liegt gerade auf Ihrem AbtreterÔÇť, faucht er w├╝tend, macht auf dem Absatz kehrt und fegt die Treppe hinunter.
ÔÇ×Einen sch├Ânen Abend nochÔÇť, br├╝llt er von unten, dass es durchs ganze Treppenhaus hallt. Dann kracht die T├╝r ins Schloss und ich h├Âre das winterm├╝de Stottern eines Anlassers.
Seufzend gehe ich ins Bad und ziehe mir die Bl├╝te aus dem Haar.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.27 Uhr
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