Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juni 2006
Makel
von Esther Schmidt

Heinrich Meier stand im Badezimmer. Mit routinierter Sorgfalt bürstete er graue Strähnen von der rechten Seite seines Haarkranzes quer über die Glatze, bis sie den hässlichen Makel gefällig bedeckten. Er besaß ein ganzes Arsenal von Spezialwerkzeugen zum striegeln und formen der Haare, und er handhabte es mit dem Geschick eines italienischen Figaro. Seit er mit Ende zwanzig hatte feststellen müssen, dass sich sein Kopfhaar lichtete, bemühte er sich, diese Entstellung zu verbergen. Ende zwanzig! Da war man doch noch kein alter Mann! Sollte er herumlaufen, wie sein eigener Vater? Bestimmt nicht!
Mit fortschreitender Entblößung seines Hauptes hatte er seine Technik perfektioniert und sich mit einem willigen Friseur verbündet. Inzwischen trug er diesen Haarschnitt seit beinahe dreißig Jahren.
Ein letzter Blick in den Spiegel, dann verschwand Heinrich in einer Wolke Fixierspray, aus der er sich hustend ins Schlafzimmer rettete.
Einen Nachteil hatte die Frisur allerdings: Man musste permanent auf der Hut sein. Hin und wieder hatte eine der Strähnen ihren vorwitzigen Tag: Anstatt ihre Pflicht zu tun, löste sie sich heimlich aus den geschlossenen Reihen und baumelte keck auf die Schulter herunter. An windigen Tagen grenzte das Verhalten seiner Haare nahezu an einen Aufstand. Dann herrschte auf seinem Kopf die pure Anarchie.
In der U-Bahn warf Heinrich einen prüfenden Blick auf sein Spiegelbild in der Scheibe. Waren alle auf ihrem Posten, die Reihen fest geschlossen und die Deckung unversehrt? Im Büro verwahrte er Bürste und Haarspray in der untersten Schreibtischschublade und jedem Feierabend ging eine kurze Stippvisite auf der Toilette voraus. Manchmal kam es ihm vor, als lebe er unter der Tyrannei seiner Haare.
Als die U-Bahn ihn am Abend nach Hause schaukelte, betrachtete Heinrich mit leisem Neid einen vielleicht siebzehnjährigen Schlacks mit schwarzen, glänzenden Haaren, dicht und voll. Neben ihm posierte ein Backfisch – Teenager sagte man wohl heute – in der bauchfreien Mode des Sommers. Über der Hüfthose wölbte sich weich ein samtener Bauch, der in die schmale Taille überging. Unter dem engen Stoff darüber bildeten sich gefällig die Brüste ab.
Heinrich hatte die lautstarke Empörung der Moralisten über die neue Mode nie verstanden. Ihm gefiel, was er sah, und wenn irgend ein Wüstling seine Handlungen nicht unter Kontrolle hatte, sollte man ihn reglementieren, nicht die Mädchen. Auch ein körperlich reizvoller Mensch, musste erwarten können, dass man ihn als ganzen Menschen wahrnahm und nicht auf sein Aussehen reduzierte. Es war eine Frage des Respekts.
Ein Respekt, den der Betrunkene vermissen ließ, der jetzt die Bahn betrat. Er lehnte seine Schulter gegen die Haltestange und starrte dem Mädchen ungeniert in den Ausschnitt. Jedes Mal, wenn die Bahn langsamer wurde, ließ ihn die Fliehkraft mit stierem Blick nach vorne schwanken. Bei einer Vollbremsung würde seine Nase vermutlich zwischen den Brüsten klemmen.
Heinrich beobachtete die Szene mit wachsender Empörung. Er bemerkte das Unbehagen des Mädchens, das die Arme vor der Brust verschränkte und hilfesuchend zu ihrem Begleiter hinüber sah. Doch der ignorierte die Vorgänge geflissentlich. Der Betrunkene rülpste, und sie zog ihre Nase kraus.
„Lass uns da rübergehen“, bat sie schließlich. Der Junge reagierte unwirsch.
„Was denn, wir müssen doch eh gleich raus!“
Das wurde Heinrich zu viel. Er erhob sich und tippte dem alkoholisierten Burschen auf die Schulter.
„Entschuldigung, ich glaube, die junge Dame legt keinen Wert auf Ihre Aufmerksamkeit.“
Mit einem unartikulierten Laut drehte sich der Mann um und stieß Heinrich vor die Brust. Die Einfahrt in die Station mit dem obligatorischen Bremsmanöver tat ihr übriges. Heinrich stürzte rücklings, konnte sich kaum an den Sitzen abfangen, landete schmerzhaft auf seinem Hinterteil. Seine Aktentasche klappte auf und Blätter flatterten heraus. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Ein Alptraum!
Das junge Mädchen starrte ihn erschrocken an, während der Betrunkene aus der Bahn torkelte. Eine Frau in mittleren Jahren half Heinrich auf.
„Das haben sie richtig gemacht“, murmelte sie. Verlegen klopfte er sich dem Schmutz von der Hose.
Das Mädchen hockte inzwischen auf dem Boden und sammelte seine Papiere ein, während ihr Begleiter ungeduldig in der Tür wartete.
„Lass doch den Opa!“ Das Wort schmerzte fast mehr, als der Sturz. Sie lief rot an, und obwohl sie eben noch so schutzbedürftig gewirkt hatte, trat sie jetzt für Heinrich ein.
„Er hat mir immerhin geholfen!“, rief sie zornig. „Was du offenbar nicht konntest!“
„Ach komm, was war denn schon?“
„Klar, dir ist gar nichts aufgefallen. Dazu braucht es offenbar einen richtigen Mann!“
Der Schwarzhaarige schnaubte wütend und ging, die Tür schloss sich, die Bahn fuhr an.
Mit einem schüchternen Lächeln hielt das Mädchen die unordentlich gefüllte Aktentasche. Heinrich konnte sich vorstellen, wie seine Frisur aussah: Er fühlte eine Strähne an seinem Ohr kitzeln und eine weitere in seinem Nacken. Mit fahrigen Händen ordnete er die Reihen. Er zitterte am ganzen Körper, aber nicht aus Angst. Es war eine Mischung aus Scham und Wut, die ihn erfüllte.
„Tut mir leid, dass Sie wegen mir gestürzt sind“, sagte sie, während sie ihm die Tasche hin hielt.
„Sie trifft überhaupt keine Schuld!“, antwortete er etwas unwirsch. „Dieser ... dieser Kerl! Wer keinen Alkohol verträgt, sollte keinen trinken!“
In der nächsten Station stiegen beide aus und stellten fest, dass sie in die gleichen Richtung mussten. Während sie durch den lauen Abend schlenderten, erfuhr Heinrich ein wenig von den Sorgen und Nöten, die ein junges Herz so bewegten.
„Marco ist erst seit zwei Wochen mein Freund“, erzählte sie, als müsse sie sich für etwas entschuldigen.
„Der Stoffel aus der Bahn?“, erkundigte sich Heinrich, entschuldigte sich aber sofort für seine unangemessene Äußerung.
„Sie haben schon recht.“ Das Mädchen sah bekümmert aus. „ Er ist nicht gerade ein Held. Aber wissen Sie, ich bin schon fünfzehn, und wenn man da noch keinen Freund hat, dann ist das irgendwie komisch.“
Heinrich hätte am liebsten die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Wie sehr sich die Zeiten geändert hatten!
„Warum bleiben Sie bei ihm, wenn sie ihn nicht lieben?“, wollte er wissen. Sie sah ihn traurig an.
„Man muss halt nehmen, was man kriegt“, sagte sie mit einer Resignation in der Stimme, für die sie viel zu jung war. „Wenn man neu in der Schule ist und ein bisschen zu dick.“ Sie zupfte an dem weichen Röllchen herum, das sich rings um den Saum ihrer Hose legte.
„Zu dick?“ Heinrich schüttelte den Kopf. „Meine Frau hat achtzig Kilo gewogen, als ich sie kennen lernte, und hat es später fast auf hundert gebracht. Und trotzdem habe ich sie geliebt. Weil sie die verständnisvollste und gütigste Person war, die ich kannte. Sie war hundert Kilo purer Menschenliebe! Was hat denn das mit dem Aussehen zu tun?“
Das Mädchen gluckste fröhlich. Dann blieb sie stehen.
„Ich muss hier abbiegen“, erklärte sie. „Danke noch mal – für alles.“
Heinrich nickte.
„Hören Sie“, sagte er zum Abschied. „Ich kenne Sie erst seit kurzem, ich haben Sie als kluge und warmherzige Person erfahren. Sie sind nicht darauf angewiesen, bei dem Ersten zu bleiben, der sich dazu herab lässt, Ihnen die Hand zu reichen. Sie haben das Recht, Ansprüche zu stellen.“
Sie errötete und lächelte verlegen.
„Das haben Sie nett gesagt. Auf Wiedersehen. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder in der Bahn.“ Sie winkte ihm zu und bog in die Straße ein. Nach ein paar Schritten blieb sie jedoch stehen, drehte sich noch mal um.
„Egal, wen ich mir aussuche“, sagte sie, „ich hoffe, wenn er älter ist, wird er so sein, wie Sie.“
Jetzt war es an Heinrich, verlegen zu werden, und er war dankbar, dass sie ihn einer Antwort enthob, indem sie sich umdrehte und eilig die Straße entlang lief.

Zwei Tage und einen Friseurbesuch später stand Heinrich im Badezimmer und musterte mit einem Seufzen die nutzlos gewordenen Flachbürsten. Dann glitt sein Blick zum Spiegel hinüber, der unbarmherzig die kahle Kugelform seines Kopfes oberhalb des Haarkranzes abbildete. Noch ein paar Jahre, und die ersten Altersflecken würden sich darauf zeigen.
Mit einem weiteren Seufzen verließ Heinrich seine Wohnung, um sich dem Urteil der Welt zu stellen. Schon an den Briefkästen traf er auf die Nachbarin aus der dritten Etage.
Ausgerechnet die Hübner, die nie ein Blatt vor den Mund nahm und bei dem geringsten Anlass in Lachkrämpfe ausbrach! Er spielte mit den Gedanken, sich hinter dem Treppengeländer zu verstecken, bis sie das Haus verlassen hatte, aber da hatte sie ihn schon entdeckt.
„Guten Morgen, Herr Meier! Oh, neue Frisur?“
Ihren Argusaugen entging auch gar nichts. Heinrich atmete tief ein und beschloss, sich mannhaft ihrem Urteil zu stellen.
„Wie finden Sie’s?
Sie ließ sich Zeit mit der Antwort, musterte ihn fachmännisch, dann nickte sie knapp.
„Sieht gut aus“, kommentierte sie. „Irgendwie seriös!“
Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln und entschwand in den sonnigen Morgen.
Als Heinrich Meier zur Bahn ging, begann er, ganz gegen seine Gewohnheit, leise ein Lied vor sich hin zu pfeifen.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.24 Uhr
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