Honigfalter
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Juni 2006
Klassentreffen
von Jutta Beer

Mail von marbel@sunny.com
Montag, den 29. Mai 2006; 7:31 Uhr

Hallo, Gabi!
Na, wie geht es Dir?
Hast Du alles geplant für das Wochenende?
Ich freu´ mich wahnsinnig auf das Klassentreffen!
Oh, schon 7.30 Uhr! Ich muss los.

LG
Marion


Immerhin eine e-Mail für mich, die mir weder Software, Geldgeschäfte mit afrikanischen Prinzen noch Viagra anpreist, dachte Gabi, als sie die übrigen „i-Mülls“, wie sie sie nannte, wegklickte.

Ihre Finger bewegten sich leicht über die Tastatur

Mail von Gabo@grey.com
Montag, den 29. Mai 2006, 18:10 Uhr

Hallo, Marion,
schön, dass Du mir schreibst. Ich bin mächtig gespannt auf die zwei Tage. Was wohl aus den Leuten von der Abschlussklasse geworden ist? Außer zu Dir habe ich zu niemanden mehr Kontakt.
Meine Tochter kommt gerade heim. Jetzt gibt es Abendessen.

Grüße Dich
Gabi


In zwei Wochen Klassentreffen!
Was ziehe ich an? Diese beiden Gedanken zogen gleichmäßig ihre Kreise.
„Sehe ich so alt aus, wie ich bin, oder jünger?“, begann in Gabi ein Dialog.
„Jünger, na klar!“, antwortete spontan ihre innere Stimme.
„Aber die grauen Haare“, warf das ewig nörgelnde Ich von Gabi ein.
„Deine Freundin meint färben, denn überall laufen verführerische junge Frauen rum, die deinen Mann attraktiv finden“, setzt ihr Gedächtnis hinzu.

Abends schrieb Gabi nochmals.

Mail von Gabo@grey.com
Montag, den 29. Mai 2006, 22:10 Uhr

Liebe Marion,

Also, es ist noch wie früher, als wir zusammen um die Häuser zogen:
Was soll ich anziehen und was für eine Frisur?
Hilf´ mir!


Marions Pagenschnitt mit dem seitlichen Pony lag stets perfekt. Gabi erinnerte sich, wie ihr Pony bereits auf der Treppe vom Frisörsalon in die andere Richtung schaute.

Soll ich die Haare kurz schneiden lassen?

Beim Tippen kam Gabi das Bild in ihrem Führerschein in den Sinn. Das war mit 18 Jahren, heute mit knapp 40 Jahren würde die Frisur nicht besser aussehen. Wieso lassen sich so viele Frauen um die 40 die Haare kurz raspeln? Gabi löschte den letzten Satz.

Meinst Du, ich soll meine Haare färben?

Erschien anstatt dessen auf dem Bildschirm.
Salvatore tauchte in ihrem Gedächtnis auf. Er war der Besitzer des Salons, in dem sie vor einigen Jahren Kundin war.
„Wir müssen etwas mit ihrer Haarfarbe machen!“ Das war sein Standardsatz.
“Nein, müssen wir nicht“, meinte das selbstbewusste Ich von Gabi oder war es das Ich, das sich vor den Nebenwirkungen chemischer Haarfärbemittel fürchtete?


Aus versehen klickte sie auf absenden. Gabi war zu müde, um nochmals hinterher zu mailen. Sie schaltete den PC ab, anschließend zog sie sich ins Bett zurück, damit sie die Frisurfrage für sieben Stunden los hatte

Erst am anderen Abend kam sie dazu die e-Mails anzusehen.

Mail von marbel@sunny.com
Dienstag, den 30. Mai 2006; 20:31 Uhr

Liebe Gabi,

danke für Deine Mail. Du bist immer noch die Alte!
Also mein Vorschlag wäre für den Abend irgendwas in Richtung Ibiza oder Indien Look. Zieh´ Dich doch mal etwas lockerer an. Das würde Dir stehen.

Die Haare, da sag´ ich nur romantisch! Mach was aus Dir. Ich habe Dich gegoogelt!. Die Fotos vom Messestand haben Dich in einem guten Licht gezeigt. Nur nicht so brav aussehen.


Wird Ulrich auch kommen? Gabi mochte ihn nicht seit dem Tag, als sie ihn sagen hörte: Die Gabi, die finde ich total mittelmäßig. „Arroganter Schnösel!“, setzte ihr gekränktes Ich dazu.

Bin gespannt auf Dein Outfit.
Ganz liebe Grüße

Marion


Den Rest des Abends blätterte Gabi Kataloge. Der Gedanke an Ulrich motivierte sie. Sie würde ihm zeigen, dass er sie unterschätzt hatte.
Ihre graue Haarsträhne, der Ibiza Look, der Kurzhaarschnitt, all die Frauen, die Gabi attraktiver fand als sich selbst, fuhren zusammen Gedankenkarussell, das erst vom Schlaf angehalten wurde.


Während der Arbeit, am andern Tag, mailte Gabi kurz:

Mail von Gabo@grey.com
Mittwoch, den 31. Mai 2006, 9:30 Uhr

Salut, Marion,

das mit der Dauerwelle war doch nicht ernst gemeint. Ich weiß einfach nicht was ich machen soll. Ich komme mir so aschenputtelig vor.

Ganz zerknirscht

Gabi


Sie schaute versonnen auf die blauschwarz glänzenden Haare ihrer koreanisch stämmigen Praktikantin. Gabi beschloss sich krank zu melden. Sich hässlich zu fühlen setzt einem manchmal mehr zu als ein Virus, bestätigte ihr verblassendes Ich.


„Hallo, Marion! Komm lass´ uns auf den tollen Abend anstoßen!“. Gabi strahlte ihre Freundin an. Sie standen mit dem Rücken zu einem der Sofas und ließen ihre Blicke durch den Raum schweifen. Hinter sich bekam Gabi ein Gespräch mit.
„Hi, Ulli. Mensch, klasse, dass du auch hier bist!“, rief Martin und drückte seinen Gegenüber auf das Sofa.
„Lass uns anstoßen!“
„Klar, Martin. Klassentreffen, das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen. Das letzte Mal war ich so busy, aber jetzt läuft es gut“ antwortete Ulrich selbstzufrieden.
In dem Gebrabbel von fünfzig Menschen, die sich Jahre nicht mehr gesehen hatten, klimperten Gabis Ohrringe.
„Kennst du noch alle? Also ich finde es schwierig. Der Frank hat fast keine Haare mehr, dann trägt er jetzt ganz andere Klamotten. Der war doch mit seiner Jeansjacke fast verwachsen“, erinnerte sich Martin.
Ein orientalisches Parfum schwebte Ulrich um die Nase.
„Bei den Mädels ist es einfacher. Die Heike, ständig mit zu großen Pullovern. Oder sind das immer noch die von ihrem Tommy?“ frotzelte Ulli.
„Wie läuft es denn bei dir so beziehungsmäßig?“ fragte Martin direkt.
Die duftigen Volants von Gabis Kleid berührten Ulrich im Nacken.
„Oh, Mann, vergiss es. Bei mir klappt das nicht recht mit den Frauen. Alle zu stressig oder zu mittelmäßig“ wehrte Ulli ab.

Ein einzelnes Haar löste sich, drehte sich um sich selbst, schwebte silbern über die Schulter von Gabi, stützte sich kurz auf die Rückenlehne des Sofas, wurde magisch angezogen von Ullis Revers, kitzelte ihn kurz am Hals, um dann in seinem Drink zu verschwinden.

„Nur mittelmäßige hatten wir damals in der Klasse. Denk nur an Gabi. Die war echt die totale graue Maus. Ist die überhaupt da? So was Unscheinbares wie die wird jetzt sicher schon unsichtbar geworden sein!“ Ulli schlug sich auf die Schenkel, danach leerte er seinen Drink auf Ex.
„Bäh!“ Ulrich fingerte in seinem Mund und zog ein langes graues Haar von seiner Zunge.
„Das kann ja nur in meinem Glas gewesen sein! Aber wie kam es da rein, wenn der Barkeeper eine Glatze hat? Da kommt mir grad´ das Kotzen!,“ fluchte er.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.22 Uhr
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