Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Juni 2006
Der Duft des Haares
von Marion Pletzer

„Banjo, komm! Spazieren.“ Banjo hob den Kopf.
Rausgehen? Prima. Er trippelte in den Flur und blieb wie angewurzelt stehen. Seine eben noch fröhlich aufgestellten Ohren fielen herunter. Angelika roch nicht nach würziger Erde und Tannennadeln, sondern nach Abgasen und dem Schweiß fremder Menschen. In dieser Kleidung ging sie niemals in den Wald.
Eine Vorahnung überfiel ihn.
Oh, nein. Nicht schon wieder. Im Zeitlupentempo drehte er sich um. Das Versteck unter der Couch war nicht weit.
„Banjo, steh!“ Schneidend kam der Befehl aus Angelikas Mund. Er gehorchte. Seine Flanken zitterten, als Angelika die Leine in das Halsband hakte.
„Mein Gott, was hast du?“
„Der ist nicht blöd. Glaub mir, der weiß, was ihm blüht.“ Frank kam aus der Küche. „Armer Bursche.“
Banjo schaute in Franks Gesicht. Von ihm erwartete er keine Hilfe. Im Rudel war Angelika der Chef.
„Hör auf. So schlimm ist es nicht.“
„Sag ihm das.“ Frank wandte sich ab.
„Wir sind bald wieder da.“

Widerwillig trabte Banjo neben Angelika durch die Straßen.
Sie bogen um eine Ecke und die Fährte am Boden veränderte sich. Er nahm Spuren von Furcht wahr, die zahlreiche Pfoten auf dem Pflaster hinterlassen hatten. Sie führten zu einem Haus, vor dem sie stehen blieben. Angelika öffnete die Tür. Sofort traf Banjos empfindliche Nase ein Schwall verschiedener Gerüche. Nein, dort wollte er nicht hinein. Er stemmte sich rückwärts, seine Krallen kratzten auf den Steinen und hinterließen schmale weißliche Striche.
„Schätzchen, ich kann dir das nicht ersparen. Du bist nun mal als Pudel auf die Welt gekommen.“ Er fühlte Angelikas warme Hand unter dem Bauch, schwebte für einen Moment in der Luft und wurde dann gegen ihre Brust gepresst.
„Da ist ja mein kleiner Banjo“, trillerte eine Frauenstimme. Banjo versteifte sich, als die Frau mit den Fingern durch das wuschelige Haar auf seinem Kopf fuhr, den Körper entlang strich und an den Locken unter seinem Popo zog. Erschreckt klemmte er die Rute zwischen die Beine.
„Sie haben lange gewartet, Frau Kunze.“
„Ich weiß. Doch er will einfach nicht zu Ihnen gehen. Das wird jedes Mal schlimmer.“
„Kein falsches Mitleid! Nichts sieht fürchterlicher aus als ein ungepflegter Pudel. Wir sehen uns in zwei Stunden.“ Sie wedelte mit der Hand Richtung Tür.
„Bis nachher, Kleiner.“ Banjo blickte Angelika nach. Warum beschützte sie ihn nicht vor dieser Frau? Sie war doch die Rudelführerin? Sie musste wissen, wie sehr er litt.
Banjo jaulte, als die Frau begann, die feinen Haare in seinen Ohren zu zupfen.
Erneut verlor er den Boden unter den Füßen. Im nächsten Moment saß er in einem glatten Becken. Es rauschte.
Wasser prasselte herab, das ihn in Sekunden völlig durchnässte. Schwer hing das Fell an seinem Körper. Einzelne Strähnen fielen ihm in die Augen. Seine Haut begann zu kribbeln und zu jucken.
Er wollte sich schütteln, doch die Frau legte die Hände auf seinen Rücken und begann sie kreisförmig zu bewegen. Da war er, der widerliche Gestank, der jedes einzelne Haar umhüllte. Der in seine Nase stieg, intensiv, alles andere überdeckend. Panik ergriff ihn. Ein Hund, der nicht riechen konnte, war verloren.
Er wollte weglaufen, doch auf dem rutschigen Untergrund fanden seine Pfoten keinen Halt.
„Banjo, halt still! Ich bin gleich fertig.“ Zitternd ließ er den Kopf hängen. Wieder überschüttete ihn ein Schwall Wasser.
„So, das war’s.“
Er wurde auf einen Tisch gehoben. Während warme Luft sein weiches Fell trocknete, bürstete die Frau es kräftig durch. Tage würden vergehen, bis sein eigener, vertrauter Körpergeruch zurückkehrte.
Das schnarrende Geräusch einer Maschine drang an sein Ohr. Banjo sah die ausgebürsteten Locken seitlich herabfallen. Wie vertrocknete Regenwürmer blieben sie auf dem Tisch liegen.
Banjos Gedanken wanderten zu Ruby, seiner besten Freundin aus der Nachbarschaft. Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, ein Fell wie sie zu haben. Braun-schwarz und rau wie die Matte vor seiner Wohnungstür. Ihr Haar barg viele Informationen. Manchmal roch es süßlich nach Gras, manchmal erdig nach Waldboden. Und ab und zu nach Bronko, seinem Rivalen. Ruby musste niemals zu dieser Frau. Er beneidete sie.

„Da bin ich wieder. Hallo, Schätzchen.“ Banjo wedelte, als Angelika ihm über den rasierten Rücken streichelte. „Schick siehst du aus. Und wie gut du riechst.“ Er spürte Angelikas warmen Atem in seinem Nacken. Gut riechen? Er fragte sich, wie Menschen überleben konnten, mit diesem unterentwickelten Geruchssinn. Zweifel an ihren Fähigkeiten als Rudelführerin beschlichen ihn.
„Das macht vierzig Euro“, sagte die Frau.
Ungeduldig hüpfte Banjo um Angelika herum.
„Nun drängel nicht. Wir gehen sofort. Auf Wiedersehen.“
„Wiedersehen. Bis zum nächsten Mal.“

Kräftig legte Banjo sich in die Leine. Bloß weg von diesem verhassten Ort.
„War es so schlimm? Na, dann gehen wir zur Belohnung in den Park.“
Angelika löste die Leine. Sofort rannte er los. Die langen Schlappohren flogen um seinen Kopf. Er warf sich ins Gras und wälzte sich mit strampelnden Beinen von rechts nach links. Doch der Gestank, den ihm diese Frau übergezogen hatte wie ein zweites Fell, wollte nicht verschwinden. Plötzlich stieg ein verführerischer Duft in seine Nase. Er folgte ihm bis unter einen Baum.
Dort entdeckte er den stark verwesten Körper eines Kaninchens. Banjo schob die Schulter vor und knickte mit den Vorderbeinen ein. Hinter sich hörte er noch Angelikas Schrei: „Banjo, nein!“
Erleichtert ließ er sich hineinfallen.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.25 Uhr
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