Sexlibris
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Wo ist die Grenze zwischen Pornografie und Erotik? Die 30 scharfen Geschichten in diesem Buch wandeln auf dem schmalen Grat.
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Juni 2006
Der Mann der Friseuse
von Matthias Ziebarth

Er betrat den Salon, musterte die leere Stuhlreihe links auf der Herrenseite und lächelte zufrieden. Er würde sie ganz für sich allein haben. Natürlich nur, wenn in der nächsten halben Stunde kein neuer Kunde käme. Er trat zwischen die beiden Drachenbäume in Kübeln, wobei seine Schultern ein Regal mit Shampooflaschen streiften, dass es leise klirrte. Versonnen betrachtete er die gerahmten Hollywood-Starportraits zwischen den Wandspiegeln. Darin spiegelte sich das vertraute Bild von der gegenüber liegenden Damenseite: eine Gruppe Mittvierzigerinnen, Illustrierte lesend, geduldig unter Trockenhauben dünstend.

Von hinten zupften flinke Hände an seinen Jackenärmeln. Atemhauch wehte seinen Nacken an. Er drehte den Kopf nach hinten, doch sie hatte ihm schon den Rücken zugekehrt und hing seinen Blazer an die Garderobe.

„Sie dürfen sich setzen. Dahin, bitte!“
Schlanke Arme unter rotem Sommertop mit Spaghettiträgern wiesen auf den mittleren der drei Herrenstühle. Jetzt sah er endlich ihr Gesicht. Mylène, seine Mylène! Erleichtert sank er in den Stuhl.
„Bürstenschnitt und Haarwäsche wie immer?“, fragte sie mit schräg gestellter Hüfte in den Spiegel hinein.
„Ja, und walken Sie meine Kopfhaut ordentlich durch!"

Mylène drehte den Stuhl mit ihm zu sich hin.
„Heute sind wir aber tapfer, n´est-ce pas?“
Sie sprach leise und eindringlich wie zu einem Kinde.
„Wir jammern auch nicht, wenn das Shampoo in den Augen piekt, hm?“
Sie lockerte die Rückenlehne. Abrupt kippte sein Rücken nach hinten, doch Mylène fing die Schultern federnd ab und bog seinen Nacken sanft in die Waschbeckenbucht. Warmes Wasser flutete über die Haare. Mylène griff mit kraftvoll kreisenden Bewegungen in den Dschungel aus Haaren und massierte seine Kopfhaut. Shampoo schäumte zwischen die Augenlider, doch er blieb gehorsam tapfer. Beim Trockenrubbeln stellte er sich vor, wie es wäre, von Zahnärztin Mylène wurzelbehandelt zu werden. Sie hätte die erste sein können, die es vermocht hätte, seine Furcht vor Schmerz zu bezwingen - einfach, indem sie ein paarmal mit den Fingern über Kinn und Kiefer strich ... aber ach - wahrscheinlich würde sie Latex-Handschuhe tragen! Sofort verflüchtigte sich die Wunsch-Vision.

Mylène brachte ihn vor dem Wandspiegel in Position. Mit geschlossenen Augen ließ er sich Friseurhemd und Halskrause anlegen. Mylène war für ihn da, und er würde sie so schnell nicht wieder los geben. Saß nicht die Halskrause viel zu eng? Er bat um Lockerung. Und noch ein weiteres Mal. Mylène nestelte nun schon ganze zwei Minuten an ihm herum, und er genoss es, wie ihre Fingerkuppen an seinem Hals entlang glitten.
„Das Kreppband – das kitzelt so.“
Er schloss die Augen, als Mylène die Halskrause energisch straffte. Jäh zuckte er zusammen. Tief hatten sich ihre Fingernägel in seinen Hals gegraben.

„Ihre Spitzenbesetzung ist ganz schön scharf“, bemühte er sich, gelassen zu klingen.
„Wie meinen Sie das?“
Mylène trat einen Schritt zurück und funkelte ihn an. Er betrachtete sie. Unter dem roten Sommertop zeichneten sich die Konturen schwarzer Dessous ab.
„Ist Ihnen denn nicht aufgefallen, dass Sie Ihre Fingernägel wie Stichmesser einsetzen? Da, sehen Sie mal!“ Er hob beide Hände an die gerötete Stelle am Hals.
Ohne ein Wort griff Mylène nach der Schneidemaschine auf dem Waschbeckentisch, beschrieb damit eine schwungvolle Acht um seine Handgelenke, so dass sich das Stromkabel um sie herum wickelte. Die Schneidemaschine in die Höhe zerrend verstärkte sie die Kabelspannung, bis seine Hände in sanften Fesseln lagen.
„Tut mir Leid wegen des kaputten Akkus. Darum das Geziehe und Gezerre mit den Strippen.“
Sie schaltete ein und begann seine ergrauten Haarspitzen mit Maschine und Kamm abzurasieren. Er schwieg gefesselt ein oder zwei Minuten. Schließlich blickte sie auf und sagte in den Spiegel: „Meine Stichmesser hebe ich mir für Fälle wie Sie auf. Für Provopoly-Spieler.“

„Finden Sie, ich provoziere? Ich mag halt die Art, wie Sie mir die Halskrause anlegen. Ich habe doch nur Dankbarkeit gezeigt, als ich Sie bat, meinen Hals zu verwöhnen.“
Er musste grinsen. Auch er hatte seine Krallen ausgefahren. Er spürte, dass sein geschwollenes Gerede ähnlich auf sie wirkte wie ihre Nägelattacken auf ihn.
Wieder Schweigen. Nur der Apparat summte schälte eine Locke nach der anderen von seinem dichten Haupthaar.

Wieder betrachtete er sie. Mylène mochte um die 20 sein, wesentlich jünger als er selbst. Auf ihrem Sommertop las er quer über ihrer Brust den Aufdruck: 'Ich war beim Friseur, Mann!'.
„Ist es Ihnen lieber, wenn sich jemand in Ihre Frisur verguckt, als in Ihre anderen Vorzüge?“
Mylène straffte den Oberkörper und zog den linken verrutschten BH-Träger hoch zum Spaghettiträger ihres Tops.
„Haben Sie eine Ahnung, wer sich alles schon in meine Frisur verguckt hat! Und nicht bloß in die Frisur ...“
Entschlossen griff sie nach Kamm und Schere, rammte den Kamm unter ein Haarbüschel und schnitt los, dass es knirschte.
Er ließ nicht locker: „Aber was ist mit den Analphabeten? Vier Prozent unserer Gesellschaft können nicht lesen. Der Aufschrei da auf Ihrem Top -, der erreicht diese Leute doch gar nicht!“
Sie stockte abrupt. Ließ die Scherenklingen auseinander klaffen wie Kiefer eines Raubfisches, der eine Attacke auf wehrlose Ohrläppchen startete.
„Wieso“, sagte sie lauernd, jedes Wort betonend, „wieso sollte ausgerechnet ich es auf Analphabeten abgesehen haben? Auf Leute wie Sie? Ha!“
„Nee, eher schon auf so Kollegen wie den André, oder?“, entfuhr es ihm. Ihn wunderte selbst, wie eifersüchtig er war.

"Wie war das?"
Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn hinter der rechten Ohrmuschel. Mylène hatte wieder zugestochen. Warum hatte er auch André, den frisierenden Frauenschwarm, mit hineinziehen müssen!
„Sie fügen mir Fleischwunden zu", maulte er. „Sie vergießen mein rotes Blut und schauen zu."
Doch Mylène entfaltete eine rege Aktivität: In wenigen Sekunden hatte sie die blutende Wunde abgetupft, mit einer Wundspray gekühlt und gesäubert und die Narbe mit Pflaster abgedeckt. Mit dem Zeigefinger strich sie sanft über die fast vernarbte Stelle.
"Wenn Männer sich öffnen, bluten sie immer gleich aus", konstatierte sie verständnisvoll, „aber für die betroffenen Herren hier habe ich immer eine Erste-Hilfe-Packung parat."
„Ich bin also gerettet?"
Mit einem Ruck drehte er sein Gesicht dem ihren zu, dass seine Nase eine himmlische Sekunde lang von ihren Haarsträhnen bedeckt wurde.
„Wer weiß", versetzt sie, und ihr Timbre vibrierte.

Mylène setzte eine professionelle Miene auf, trat hinter ihn und begann, die letzten Ausreißer-Härchen abzuschneiden.

Der Bürstenschnitt war so gut wie fertig. Panik stieg in ihm auf. Er war noch längst nicht gerettet, doch Mylène war drauf und dran ihn zu entlassen! Zum Glück kam ihm eine Idee, wie er sie noch eine Weile hinhalten könnte. Schauplatz sollte diesmal das andere Ohr sein, vorsichtshalber.

„Gut gemacht, danke, der Schnitt gefällt mir", lobte er sie. "Aber wissen Sie, was mir keine Ruhe lässt?“
„Ich habe nicht die kleinste Ahnung.“
Er versuchte besorgt zu klingen.
„Ein einzelnes Härchen am Eingang meines rechten Gehörgangs! Es lässt sich einfach nicht entfernen. Bitte! Zupfen Sie es heraus!“
Mylène lachte laut auf, dass ein paar Damen ihre Trockenhauben anhoben und sich nach ihr umschauten.
„Hat Ihnen das Ihre Frau eingeredet? Es gefällt ihr nicht, dass ein Haar zwischen Ihnen beiden ist? Aber ich kann Sie beruhigen: Da ist nichts, kein Haar, das Ihr Liebesglück zerstören könnte!“
„Aber ja doch! Sehen Sie doch selbst!“
Er reckte Mylène sein rechtes Ohr entgegen, doch schoss sie nur wieder schrille Lachsalven hinein.
„Da drin“, kicherte sie, „sprießt genauso wenig Haar wie in meinen Ohren.“
Jetzt war es an ihm loszuprusten.
„Da wäre ich mir mal nicht so sicher! Sie wissen doch gar nicht, was da im Verborgenen so alles wuchert!“

So ein Ekelpaket! Mylène packte seine Handgelenke, zerrte den Verdutzten vom Stuhl und setzte sich selbst darauf. Sie warf den Kopf zurück, den er reflexhaft mit beiden Handtellern auffing. Sie drehte den Kopf seitlich und flüsterte in seine Hände hinein:
„Nachsehen!“
Völlig überrumpelt und umwölkt vom Duft ihrer Haut schloss er die Augen und murmelte:
„Ja, da ist alles voll mit dünnen Härchen.“
„Greifen Sie hinter sich in die Schublade“, gurrte Mylène in seine Hände, „nehmen Sie eine Rasierklinge heraus und schneiden die Härchen ab. Sofort!“
Er gehorchte, wenn auch verwirrt. Hatte sie sich nicht eben noch energisch gegen die Existenz eigener Ohrhaare verwahrt? Und jetzt forderte sie ihn auf, eben diesen den Garaus machte!

Mit zittrigen Fingern näherte er die Rasierklinge Mylènes linker Ohrmuschel. Die andere Hand bettete er noch immer ihre Wange. Mylène wühlte ihren Kopf hinein und schnurrte. Er gab sich einen Ruck. Jetzt oder nie ... Er ließ die Klinge zu Boden fallen, packte ihren Kopf mit beiden Händen und biss – die Lippen über die Zähne gebogen – in ihr linkes Ohrläppchen. Mylène entwand sich ein erdenschwerer Seufzer. Ihm war, als zöge sie ihn Windung für Windung tiefer in eine Spirale beseelter Besinnungslosigkeit. Heiße Glücksgefühle durchfluteten seinen Körper, bedrängten ihn zu tun, wonach er sich sehnte. Kraftvoll stieß er seine Zunge in Mylènes linken Hörgang. Aus ihrer Kehle löste sich ein Schrei. Es durchfuhr sie vom Kopf bis in die Zehenspitzen, als schössen gefrorene Eisperlen pfeilgerade durch ihre Nervenbahnen.

Zärtlich legte er die Arme um Mylènes Nacken. Die Frauen von der gegenüberliegenden Seite standen im Halbkreis und starrten wortlos auf das Paar.
„Beachte sie nicht, die sind nur neidisch“, flüsterte er.

Langsam - wie im Stummfilm - schloss sich die Blende, bis nur noch zwei aufeinander gepresste Lippenpaare zu sehen waren, und die Kamera schwenkte schamhaft zu Boden, wo seine abgeschnittenen Locken leise knisternd die Worte "The End" zusammenfügten.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.24 Uhr
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