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Juni 2006
„hair cut“ - DIE FRISEURIN oder: eine große Liebe.
von Michael Boeken

„Jean-Pierre des Livres“ melde ich mich, als das Telefon klingelt und höre „Hallo, mein Name ist Jasmin, und ich habe im Talente- Tausch-Heft gelesen, daß du ‚hochkarätige’ Lyrik und Gedichte als Auftragsarbeit auf Telentebasis anbietest“, eine sehr sympathische Stimme einer Frau mittleren Alters?
Vermutlich sehr jung und jugendlich geblieben. Die Stimme klingt attraktiv, warm, mutig, ein wenig forsch, selbstbewußt. In mir erscheint das Bild einer eher kleinen, fast zierlichen Person, vermutlich mit langen, leuchtend roten, lockigen Haaren.
Wir kommen ins Gespräch und ins Geschäft und ich kann ihr mein erstes Auftragsgedicht verkaufen.
Eine Stunde später sitze ich mit Antje, 31, einer atemberaubenden Schönheit, auch Talente- Tausch- Aktivistin, in meinem Arbeitszimmer und kämpfe mich mit ihrer Hilfe durch meine letzten 6 Monate Aktenberge- Ablagetürme hindurch.
Heute klagt Antje mir ihr typisches Frauen- Leid mit den Friseur-Preisen, die ihr durch ihre momentan total angespannte Finanzlage derzeitig nicht leistbar erscheinen.
„Morgen habe ich einen Termin bei Jasmin“, sagt sie. Und, daß Jasmin, die ihr aber bisher noch nie die Haare gemacht hatte, Friseurin sei und ihr auf Talente- Basis (also quasi bargeldlos gegen verbriefte Zeitgutschrift) nun dringend die Frisur aufhübschen müsse, da sie - Antje - am Wochenende ein erstes tête-à-tête mit einer Internet- Bekanntschaft hätt’.
„Oh, Jasmin schneidet Haare!?“ durchzuckt es mein Gehirn. Fast übertrieben cool, ja scheinbar beiläufig antworte ich: „Aha? - Also, eigentlich müßte ich auch mal wieder zum Haare Schneiden!“
Fünf Tage später, es war wieder so ein heißer Sommertag, der eher Badeseewetter als Aktenberge bekämpfen verhieß.
Antje, trug diesmal ein rattenscharfes Spaghetti-Trägerteil über ihrer wohlproportionierten 85 C- Oberweite und soeben den dritten Aktenstapel zu Grabe, muß mir heute ein besonderes Kompliment über ihre tolle Frisur entlocken.
Der Internet- Romeo hingegen hatte sich als inakzeptabler Rüpel entpuppt und ihr einen traumatischen Rendezvous- Reinfall beschert. „Und für den Idioten der ganze Aufwand mit der neuen Frisur!“ empört sie sich. Aber, sie hätte ja noch nie im Leben eine solch’ tolle Frisur bekommen, glatte fünfzig Minuten hätte Jasmin ein wahres Feuerwerk der Figarokünste über ihrem Kopfe entfacht.
Was ich ihr erneut absolut bestätigen kann, dieweil sie sich mit und ohne Papiervorgänge mehrmals so dicht an mir vorbeizwängt, daß ich nicht nur ihr dezentes Opium rieche, sondern auch die noch dezentere, pheromon- geruchlose Schweißperle, die sich in ihrem Décolleté einen Weg vom Hals zwischen ihren beiden Brüsten zu bahnen sucht, aber nicht zu finden vermag, wahrnehme. Und den Luftzug, in meinem Nacken, der mir vorkommt, als spürte ich den feinsten Hauch einer Berührung ihres Busens durch 2 verschiedene Materialien Stoffes hindurch an meinen Nackenhaaren. Atemberaubend. Und irgendwie finde ich es verdammt schwül an diesem heißen Kiesteich- Sommertag.
„Aber“, beklagt sich Antje, „mit dreißig Talenten hat sie ja ganz schön zugelangt!“
„Naja, das entspricht quasi 15 Euro für die beste Damenfrisur deines Lebens. In der Stadt, bei einem der bekannten Figaros, wärst du schnell das fünffache losgeworden und vielleicht nicht mal so gut bedient gewesen, hättest dafür aber doppelt oder dreimal so lange mit Warteschleifen zugebracht“, sehe ich mich genötigt, Jasmins Arbeitsergebnis verteidigen zu müssen.
„Ja aber“, hakt Antje nach, „man soll doch nicht mehr als zwanzig Talente pro Stunde nehmen!“
Irgendwie war mir diese Debatte über die Qualität und die Wertschätzung einer Arbeit und Leistung müßig und zog einen eleganten Schlußstrich, indem ich heldenhaft konstatierte: „Also gut, ich werde mir bei ihr auch mal einen Termin zum Haare Schneiden geben lassen und dann ja sehen, wie ihr Preisleistungsverhältnis ist und dir davon berichten.“
Es kam mir vor, als sei der Zauber des Knisterns, der für mich soeben noch hör- und spürbar in der Luft gelegen hatte, irgendwie verflogen. Daß die Friseurin Jasmin daran „Schuld“ sein mögen könnte, hätte mein Herz zwar spüren können, aber mein Kopf wollte nicht frei genug sein, solche Gedankengefühle schon zulassen zu wollen-können.
Kaum war schließlich unser Aktenentrümpelungstermin beendet, greife ich - fast wie unter Zwang - zum Telefonhörer.
Dreihundertundachtzig – zweiundvierzig – neun – drei: komisch, wie mir diese Ziffernfolge so leicht über die altmodische Wählscheibe gleitet.
„Hallo, Jasmin hier,“ tönt mir eine außerordentliche, fast will ich sagen – liebreizende Stimme entgegen. „Jean-Pierre, der Poet“, melde ich mich scherzhaft, „ich wäre mal gern an einem Haare-schnipp-schnapp-ab-Termin interessiert, bin ich damit bei dir richtig!?“ meine ich, ohne wahrzunehmen, daß meine Stimme leichten Schwankungen unterliegt.
„Aber klar doch, gerne, ich schau’ eben in meinen Kalender“, betört mich ihre Stimme unmerklich.
„Paßt dir übermorgen Nachmittag?“ – „Ja“, sage ich ohne nachzuprüfen, ob der Termin auch wirklich frei wäre und ich merke erst, als ich drei Stunden später das erste Mal auf die Uhr schaue, wie angenehm und zeitlos das mehrstündige Telefonat, das alles andere als einer oberflächlichen Konversation entsprach, mir vorgekommen war.
Eineinhalb Tage später stehe vor ihrer Tür und will mein (vor Aufregung?) heftig-laut fast bis zum Zerspringen klopfendes Herz ignorieren.
So rede ich mir ein, daß es natürlich an der 12 km langen Radfahrt läge und ich natürlich wie immer viel zu schnell gerast sei, dabei völlig die Tatsache ignorierend, daß mein normaler Ruhepuls üblicherweise bereits in Minutenfrist wieder erreicht ist.
Später, beim Haare Schneiden, wurde mir ganz komisch, nicht direkt unwohl, nein, eher sehr wohl.
Wir redeten miteinander. Keine seichte Plauderei -so wie beim Friseur, wie man meinen könnte- aber hinterher wußte ich kaum noch, was ich oder was sie gesagt hatte.
Nur ein Gefühl war übermächtig stark präsent, ein Kribbeln irgendwie, - NEIN, nicht d a s Kribbeln im Bauch, oder Schmetterlinge, Ameisen, Hubschrauber, oder was auch immer wer auch immer fühlen oder sich einbilden mag, der sich gerade oder erneut verliebt wähnt.
NEIN! - Das Verliebt-Sein-Kribbeln im Bauch war nicht d a s, was ich da irgendwo in meinem Bauch verspürte, es war eher ein Gefühl - und zwar ein ziemlich starkes - von Irritation.
Während des Haare Schneidens war ich überhaupt nicht richtig „bei der Sache“, es gab auch gar keinen Spiegel, der mich durch den Anblick des eigenen Konterfeis abgelenkt hätte, geschweige denn die Gelegenheit gäb, das Spiegelbild Jasmins bei ihrer Arbeit beobachten zu können.
Und das war vielleicht auch gut so. Denn hätte ich sie mehr oder öfter seh'n können, als es ihre Kunstfertigkeit, mir einen "hair- cut" zu verpassen, zuließ und weil sie hauptsächlich hinter oder schräg neben mir stand, weiß ich nicht, was dies dann wohl hätte bewirken mögen.
Auch als interessiertem Laien wurde mir sofort ihre absolute, professionelle handwerkliche Perfektion geradezu hörbar deutlich. Hatte meine „Ex-Hausfriseurin“ und Ex- Lieblingsnachbarin Rosi mit dem Kamm oder scherengleich zwischen Zeige- und Mittelfinger ein Haarbüschel in Reihe gezogen und die Schere angesetzt, dann sagte diese (die Schere): „Schnapp“. Einfach „schnapp!“.
Ich sagte immer: „schnapp, Haare ab“, und „danke schön, liebe Rosi“, sowie - nicht ohne ihr einen angemessenen Obolus zugesteckt zu haben, „da hast Du mir ja wieder einen tollen Haarschnitt verpaßt.“
Bei Jasmin dagegen fiel mir gleich auf, war die Geräuschkulisse eine ganz andere: Statt des altbekannten, monotonen, schnöden Schnapp- Geräusches war hier ein leises Crescendo zu hören, ein zehnfach- stakkatoartiges „Schnipp-schnipp-schnipp-schnipp, Schnipp-schnipp, Schnipp-schnippschnipp-schnipp“.
So konnte ich hören und teilweise an der Arm-, Ellbogen- und Körperhaltung sehen, daß ihr Schnitt nicht waagerecht („schnapp- Haare ab“), sondern diagonal- schräg-senkrecht in Form eines Sägezahnprofils ausgeführt wurde.
„Aha, sie macht das ja ganz anders“, ist der einzige Gedankeneindruck, der mir noch im Kopfe verhaften blieb, außer - das starke Gefühl der Irritation, das so stark war, wie ich mich noch nie im Leben irritiert gefühlt hatte.
Ja, es war mir, als sei ich fast wie elektrisiert, als stünden meine Haare wie mit 20.000 Volt elektrostatisch aufgeladen oder wie magnetisiert senkrecht, sobald Jasmin mit ihren Händen nur in die Nähe meines Kopfes kam. Auch an Armen und Beinen und die Nackenhaare schienen mir zu Berge zu stehen.
Ein irgendwie beinah prickelndes Gefühl, fast wie gereizt, aufgereizt und mit einem unmerklichen Gefühl von undefinierbarer, unmerklicher Erregung, die sich heimlich, still und leise einer meiner tiefsten Seelenkammern bemächtigte.
Ein wenig verstört erscheine ich mir, verdränge aber solche unpassenden Gefühlsregungen, um sie mit einer „ungewohnten Umgebung“ abzutun. Und schiebe es auf die außergewöhnliche - aber fast wie vertraute - Nähe zu jener bildhübschen, äußerst attraktiven, sehr intelligenten, selbstbewußten, starken jungen Frau, die mir mit Sicherheit weit unter 40, wenn nicht erst wie knappe dreißig, vom Aussehen beinahe Ende zwanzig erschien.
Oder auf die besonders dichte, körperliche Nähe dieser Frau und daß ich sie ja auch „einfach nur sehr nett“ fände, als ich mich anschicke, im Badezimmer ihr Werk, das sie nach 45 Minuten mit einem lakonischen „Voilà!“ beendet hatte, zu begutachten.
„Wow“, kommt mir aus dem Spiegel entgegen, „Alter! Das ist der beste Haarschnitt deines Lebens“, sage ich mir voller Hochachtung Jasmins Handwerkskunst: „nicht einmal damals zur Hochzeit hatte es jemand vermocht, dir einen so perfekten Haarschnitt zu zaubern!“
Als ich nach getanem Talente- Tausch wieder vor der Haustüre Sonnenweg Nummro 21 neben meinem Fahrrad steh', kann ich mich eines Gedankengefühls nicht erwehren: „Ho, Jean-Pierre, gefährlich, gefährlich! Jasmin..., das ist eine Frau, in die könntest du dich verlieben!“

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.23 Uhr
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