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Juni 2006
Das Haarteil
von Anita Handlbaur

Regelmäßig besuchten die Schwestern Gundi und Shila den Wochenmarkt. Gundi betrachtete aufmerksam die verschiedensten Dinge und genoss die Atmosphäre, während Shila sich mehr für die anerkennenden Blicke der Händler interessierte.
Ein Stand mit Haarteilen in allen Farben und Variationen erweckte Gundis Neugier. Obwohl sie, im Gegensatz zu ihrer Schwester, nicht viel auf ihr Äußeres gab, fühlte sie sich magisch angezogen. Der Verkäufer, ein kleiner Mann mit langem, weißem Bart, er wirkte sonderbar und geheimnisvoll auf sie. Er erinnert an das Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“.
Shila musterte die Haarteile und überlegte, ob ihr eines davon stehen würde.
„Ah, welch eine Schönheit! Ich habe genau das Richtige für Sie!“
Shila zog die Augenbrauen hoch und fauchte: „Was brauch ich so ein gewöhnliches Haarteil? Bin ich nicht hübsch genug? Sieh mich doch an! Mein langes Haar braucht keinen deiner falschen Zöpfen.“ Sie war offensichtlich gekränkt. Ihre Augen funkelten böse. Nie wagte es ein Mann, ihr etwas für ihre Schönheit zu empfehlen. Normalerweise hörte sie nur: „Sie haben es nicht nötig, aber dies könnte ihre strahlenden Augen besser hervorheben.“ Denn wer Shila kannte, wusste sie hatte das Sagen und niemand sonst, wehe es wagte jemand Einspruch, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
„Fürwahr, Sie sind schön, mein Kind. Mein Wort galt der Dame hinter Ihnen.“ Während Gundi sich über die geschwollene Aussprache amüsierte, rümpfte Shila die Nase. „Was! Die? Schön? Du bist nicht nur klein, sondern auch noch blind!“ Shila lachte laut auf.
Gundis Wangen verfärbten sich tiefrot. Scheu blickte sie zur Seite und strich verträumt mit den Fingern über eines der Haarteile.
„Gute Wahl, dies würde Ihre Schönheit herrlich unterstreichen.“
„Aber ...“ Gundi war verwirrt. Kein Mann hatte sie je schön genannt.
„Glauben Sie mir, Kindchen.“
„Was soll dieses Kunsthaar an meiner Schwester verschönern?“, höhnte Shila.
„Es sind keine gewöhnlichen Haarteile“, flüsterte der geheimnisvolle Mann Gundi zu. „Sie sind voller Magie.“
„Ich nehme dieses hier“, bestätigte Gundi ihre Wahl.
„Sie werden staunen, die ganze Welt wird staunen!“
„Ich will das da!“, rief Shila. „Die Schöne hier bin ich!“
„Nicht alles was glänzt ...“
„Sei nicht frech, Zwerg! Weißt wohl nicht wen du vor dir hast!“ Erzürnt griff sie nach einem schwarzen, falschen Zopf. Kein Mann sprach je so mit ihr. Dieser lag nicht zu ihren Füssen, etwas schien hier total verkehrt zu sein.
„Ich wollte Sie nur warnen ...“
„Sei still, Hornochse!“, zischte sie ihn an.
Gundi schämte sich für ihre Schwester. Wenn sie doch nur im Erdboden versinken könnte ... Da spürte sie seine Hand auf ihrer.
„Mach dir keinen Kopf, Kindchen. Du kannst nichts für ihr Benehmen“, versuchte sie der geheimnisvolle Mann aufzumuntern.
„Können sie Gedanken lesen?“, staunte Gundi.
„Nein, ich kann nur die wahre Schönheit erkennen.“
Nachdem sie gezahlt hatten gab er ihnen eine merkwürdige Anweisung mit auf den Weg: „Flechte das Haarteil ein und trinke ein Glas Milch mit Honig, bevor du zu Bett gehst. Denn nur der gesunde Schlaf kann ein optimales Ergebnis erzielen.“


Shila schritt erhobenen Hauptes nach Hause, sie kochte vor Wut. „Du glaubst den Unsinn doch nicht etwa?“, herrschte sie ihre Schwester an.
Diese lächelte nur.
„Ach Herrje! Er hat dich eingewickelt mit seinem Charme. Graue Maus Klugkopf, denk nach! Ich dachte, du wärst clever.“
Gundi schwieg, ahnte längst was der kleine, geheimnisvolle Mann meinte.

In ihrem Zimmer flocht sie das magische Teil wie empfohlen in ihre glanzlosen blonden Haare ein und legte sich schlafen. Es dauerte nicht lange und sie war tief eingeschlafen.
Ein gellender Schrei weckte Gundi. Sie eilte ins Zimmer ihrer Schwester. In der Tür blieb sie wie angewurzelt stehen. Entsetzt fasste sie sich an den Mund, um nicht laut los zubrüllen. Shila stand in Reizwäsche vor dem Frisiertisch. Ihr Rücken war gekrümmt, wie der einer alten, schwachen Frau. Die pechschwarzen Haare, die sonst bläulich glänzten, waren matt und fettig. Die Haut war faltig und gelblich, die Mundwinkel hämisch nach unten gezogen; die Zähne braun und spitz, einer fehlte sogar; Die Augen völlig schwarz, funkelten böse. Gundi musste plötzlich an „Hänsel und Gretel“ denken, wie die Hexe den Hänsel in den Backofen schob. Nur die Katze fehlte.
„Dieser verlogene Zwerg! Gauner! Betrüger! Wenn ich den erwische ...“ Shila kreischte. Auch ihre Stimme hatte sich verändert, hoch und krächzend.
„Er hatte dich gewarnt, Shila!“, versuchte Gundi zu erklären und den Geheimnisvollen zu verteidigen.
„Hier ist alles falsch! Ah dieser Bastard! Abgedrehter Zwerg! Ich wusste es, er ist nichts weiter als ein Betrüger!“ Laut schrie sie ihr Spiegelbild an, blickte auf und sah Gundi. „Was zum Geier soll das? Wie siehst du aus? Du bist schön! Neiiiiiin!“ Neidisch, zähnefletschend sah Shila ihre Schwester an. Griff nach ihr: „Ich bin schöner als du, gib mir sofort dein Haarteil. Hörst du!“
Erst da sah Gundi in den Spiegel, der ihr ein unglaubliches Ergebnis präsentierte: Ein warmes Lächeln, freudig glitzernde Augen, porenreine Haut. Goldblond die Haare. Die graue Maus hatte sich in engelhaftes Wesen verwandelt. Bildhübsch, genau wie der Geheimnisvolle voraussagte. Gundi verstand welcher Zauber über ihr lag.
„Grins nicht so blöd! Das wird sich bald wieder ändern. Los gib mir dein Haarteil, dann ist alles wieder gut!“
Gundi schüttelt traurig den Kopf. „Es wird dir nicht helfen. In dir ist nichts Schönes. Selbst mein Haarteil würde nur dein schwarzes Herz widerspiegeln.“

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.29 Uhr
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