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Juni 2006
Zurück ins Leben
von Diana Krewald

Es lag ein Gewitter in der Luft. Düstere Wolkenschiffe türmten sich am Horizont auf. Blitze zuckten und schließlich peitschte ein Heer von Tropfen zur Erde hinab wie eine neue Sintflut. Bei dem Lärm dieses überirdischen Orchesters überhörte ich fast das Klingeln des Telefons. Ich rannte zum Apparat und riss den Hörer von der Gabel. „Hallo?“
„Eve?“ fragte eine dunkle Männerstimme.
„Ja?“
„Sie ist fertig.“ Bei diesen Worten brach mir kalter Schweiß aus.
„Dr. Martin?“, fragte ich ungläubig.
„15:00 Uhr in meinem Haus und bringen Sie das Geld mit.“ Aufgelegt.

Noch immer den Hörer in der Hand haltend, sank ich zitternd auf die Knie. Das Telefon schlitterte über den glatten Tisch und stieß dabei die Vase zu Boden. Wasser spritze mir ins Gesicht. Nun badeten malvefarbige Anemonen in einem See aus Licht und Kristallsplittern. Es waren die Lieblingsblumen meiner Tochter Anna.
„Ist was passiert?“, rief George die Treppe hinauf. Ich reagierte nicht. Das Glas auf den Eichendielen zog mich magisch an. Behutsam hob ich ein Fragment hoch und drehte es in der Hand. Regenbogen, wie das geheime Feuer darin tanzte.
„Eve?“, schrie er. Erschreckt zuckte ich zusammen und ließ das Glas fallen. George polterte die Stufen hinauf.
„Nur die Vase, halb so wild!“ Ich holte Kehrschaufel, Aufnehmer und begann eifrig das Chaos aufzuräumen. George kannte mich zu gut, um meine Erregung nicht zu bemerken. „Verdammt!“, geschnitten.
Energisch packte er meine Hand und inspizierte die Verletzung.
„Ist nicht tief“, unsanft ließ George sie wieder los.
„Aua, das tat weh!“ Ich steckte meinen blutenden Finger in den Mund.
„Wer hat vorhin angerufen?“ Lüg ihn an! Seine braunen Augen durchbohrten mich. „Dr. Martin“, ängstlich zog ich den Kopf ein.
„Dieser Scharlatan?“ George lachte, schlimmer als Schläge. Das Kichern einer hysterischen Hyäne. Sei endlich still! Eine gebührende Antwort prickelte auf meiner Zunge wie säuerlicher Wein. Gefahr. Ich besann mich und schluckte den Wortschwall hinunter.
„Und was wollte er?“ Sein Blick registrierte jede noch so kleine Unachtsamkeit. „Statistik. Angaben für seine Patientenkartei“, log ich.
„Statistik? Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“, fauchte er.
„Es ist die Wahrheit“
„Hast dem alten Bock schöne Augen gemacht. Sind wir jetzt eine kleine Hure?“ Noch immer krankhaft eifersüchtig!
„George, ich liebe dich. Nur dich!“ Er holte zum Schlag aus. Ich schloss die Augen. Wann hatte er unsere Liebe getötet? An dem Tag, als er das erstemal zuschlug? Nein, Annas Beerdigung. George sperrte mich in den Keller. Ihr Sarg glitt ohne mein Beisein in die kalte Grube, artig beweint von den lieben Verwandten. Ich spürte keinen Schlag.
„Liebe?“, höhnte er. Ich riss die Augen auf und sah diesen seelenlosen Dämon an. Äußerlich noch immer der galante Börsenmakler im dunklen Maßanzug. Sizilianer, umweht von einer Wolke Bazar pour Homme.
„Wer könnte so ein Monster wie dich lieben!“ Angewidert spuckte er auf den Boden und stieß mich zum Wandspiegel. Das Spiel. „Die Perücke“, kommandierte er. Resigniert zog ich sie vom Kopf. „Sieh hin!“, schrie er.
„George, bitte“
„Nun mach schon!“ Tränen liefen mir über die Wangen, auch jene Fremde im Spiegel weinte. Gebrandmarkt vom Feuerteufel, der tief seine Klauen in ihren haarlosen Schädel gegraben hatte.
„Oh Verdammt, der 13:00 Uhr Termin!“ George starrte auf die Armbanduhr. Mit voller Wucht schlug er mir ins Gesicht. Ich fiel hart gegen die Kommode. Seit dem Tag des Autounfalls war alles meine Schuld. Eilig marschierte er zur Treppe. Beinahe in Sicherheit.
Aber der Dämon war noch nicht besänftigt, mein Folterknecht kehrte zurück. Stur blickte ich gegen die helle Tapete. „Und Schatz, kochst du uns nachher was Leckres?“ Mein George, wie früher.
„Ja?“ Grob tätschelte er meine Wange. Ich nickte. „Brav“, die Antwort gefiel dem Scheusal. George ging pfeifend die Stufen hinab. Ich vergrub das Gesicht in den Händen.

***


Wenig später jagte der BMW davon. Meine Chance! Ich zog mich um und packte den Koffer. Der Safe. Pralle Geldbündel räkelten sich ungeniert neben Großmutters Schmuck. Ich nahm das Kästchen und warf noch etliches Bargeld in die Umhängetasche.
Am frühen Nachmittag spiegelte sich die Sonne in den Wasserpfützen vor unserem Haus, armselige Überlebende des großen Unwetters. Das Taxi. Meine cremeweiße Kutsche. Hinter ihrem Steuer ein reifer Prinz mit Bierbauch. Ich nannte dem ergrauten Pedalritter Dr. Martins Adresse. Bedächtig setzte er sein Gefährt in Bewegung und als es die Auffahrt hinabschaukelte, sah ich noch mal zurück. Ohne Furcht, mein steinernes Gefängnis hatte seinen Schrecken verloren.
Glücklicherweise wusste George nicht wo Dr. Martin wohnte. Es existierte kein Telefonbucheintrag unter diesem Namen. In Sicherheit!

***


Dr. Martins Anwesen glich einem Märchenschloss, eingesponnen in jenen verzauberten Garten. Wild und ungezähmt, von Gargoyls und andere Fabelwesen bewacht. Spione, die zwischen Rosen und Zypressen schweigend und mit aufgerissenen Mäulern das Treiben der Lebenden beäugten.
Das Taxi hielt vor dem Haupthaus. Ich sah keine anderen Autos, Termine nur nach Voranmeldung. Der Kies unter meinen Füßen knirschte und Krähen schimpften in luftigen Höhen. Ich erklomm die Treppe und drückte den Klingelknopf. Wenig später wurde innen der Riegel zurückgeschoben.
„Frau Nicoletti?“, fragte Käthe, die Haushälterin.
„Ja.“ Ich lächelte.
„Folgens mir bittschön.“ Resolut führte mich die Wienerin durch das eigenwillige Kuriositäten-Kabinett. In der Vitrine entdeckte ich etwas Neues. Ein präparierter Pavian, lebensecht wie gerade aus dem Urwald eingeflogen.
„Frau Nicoletti, Herr Doktor lässt bitten“, zögernd trat ich ein.
„Eve, schön dass sie gekommen sind.“ Er wies auf den freien Stuhl. Neonlicht fiel hart von der Decke.
„Kann ich sie jetzt sehen?“
„Nicht so schnell, haben Sie das Geld?“ Abwartend lehnte er sich im Sessel zurück und blickte skeptisch. Sein Haar besaß die Farbe von Eisenspänen.
„In der Tasche, wollen Sie nachzählen?“ Ich schob sie über den Tisch.
„Nein Eve, ich vertraue Ihnen. Kommen Sie“, Dr. Martin führte mich ins Nebenzimmer. Frankensteins Laboratorium. Mixturen und futuristische Instrumente. Scheu strömte Tageslicht durchs Dachfenster.
„Da drüben.“ Auf dem Tisch standen zwei Behälter mit einem grünen Tuch abgedeckt. Dr. Martin legte den ersten frei. In der Nährlösung schwebten winzige Hautpartikel. Sternenstaub. Das sollte meine neue Haut werden. „Bereit für die zweite Überraschung?“, fragte er.
„Ja“, mein Herz raste.
Der Doktor zog vorsichtig den Stoff zurück. Darunter granatrote Fülle. Lange, seidige Locken flossen über die dunkle Oberfläche. Ich seufzte. „Fühlen Sie mal, echtes Menschenhaar.“ Stolz streichelte ich meine neue Haarpracht.
Schließlich erklärte Dr. Martin den komplizierten Eingriff. In jahrelanger, mühevoller Forschung hatte er diese Methode entwickelt. Für meine Ohren klang das Ganze nach Science-Fiction. Die erstaunlichen Fotos früherer Patienten zerstreuten meine Restzweifel. Ich war bereit für diesen Schritt, mein neues Leben. Kein George, kein Monster mehr!

***


Der 29. Juli, Annas Geburtstag. Heute wäre sie neun Jahre alt. Die Sonne schien und ohne Eile ging ich den Friedhofsweg entlang. Vögel zwitscherten und irgendwo plätscherte ein kleiner Bach. Der Tod mitten im Leben, direkt gegenüber einer Grundschule. Dort auf der linken Seite lagen die Kindergräber. Viele Ruhestätten vom Efeu überwuchert, andere liebevoll bepflanzt, beharrlich gegen das Vergessen ankämpfend.
Ihr Grab: Anna Nicoletti. Oben auf dem weißen Marmor wachte ein kleiner Engel über ihren ewigen Schlaf. Mein Blick fiel auf die vertrockneten Blumen. Wütend riss ich die toten Stiefmütterchen aus. Also, das war ihm seine Tochter wert! Befriedigt zog ich Grabvase und Wasserflasche aus der Tasche. Malvefarbige Anemonen, Annas Lieblingsblumen. „Für dich mein Schatz“, Tränen liefen mir über die Wangen.
An diesem Ort, in diesem Moment fand ich die Kraft mich der Realität zu stellen. Die Nacht des Autounfalls, unwirklich und aus meiner Erinnerung verbannt. Nicht geschehen! Doch diese Nacht existierte. Sie hatte Annas Lebensfaden durchschnitten und einen Teil meiner selbst mit in die Dunkelheit gerissen. „Anna kannst du mir vergeben?“, fragte ich. Der Engel blickte gütig. Verzweifelt grub ich meine Finger in die ausgedörrte Erde, als könne ich so dort unten ihre kleine Hand erreichen.
Ich schloss die Augen und brach das Siegel an dem Tor meiner Erinnerung. Der LKW und das Reh auf der Straße. Mein Auto stürzte die Böschung hinab und überschlug sich. Die Flammen und Annas Schreie. Stille.
Langsam öffnete ich die Augen. Sonnenschein, warm und tröstlich.
„Ich komme wieder“, sagte ich zum Abschied. „Achte gut auf sie“, an ihren steinernen Beschützer gewandt.
Vor dem Friedhof begegnete ich einem Mann. Dieser lässige, arrogante Schritt. Durch die überhängenden Zweige lag sein Gesicht im Schatten. George! Gierig musterte er mich, ein Filetstück. „Eve?“ Rüde packte George mich bei den Schultern.
„Was wollen Sie? Los lassen!“, schrie ich.
Ein Rentner mit Hund überquerte die Straße. „Was geht hier vor?“ Der Alte versetzte ihm einen Stoß, sein Dackel kläffte.
„Diese Ähnlichkeit, wie meine frühere Frau Eve“, George starrte. Mit zitternden Fingern strich ich das leuchtendrote Haar zurück.
„Ich heiße Gloria“, erwiderte ich kalt. Ein Name der funkelte, wie meine neuen Hochhackigen in der Sonne. Ich sah meinen Mann nie wieder. Endlich in Sicherheit!

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.25 Uhr
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