Der Tod aus der Teekiste
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Juni 2006
Das Haar in der Suppe
von Kerstin Amenitsch

Es wurde gezupft und gewickelt. Ersteres an meinen Brauen, letzteres auf Majas Kopf. Ersteres war bitter nötig, weil sich über der Nasenwurzel bereits Härchen auszubreiten begannen; letzteres dagegen ein wenngleich angenehmes, doch unnotwendiges Vergnügen, da Majas Haare sowieso durch nichts in ihrer natürlichen Wuchsrichtung – stur nach oben - zu stören waren.
Autsch. Die Friseurin hatte ein besonders widerspenstiges Brauenhaar erwischt. „Autsch“, stöhnte auch Maja. „Mit dir hat man es schwer. Du bist einfach so negativ. Immer findest du etwas, an dem du herumnörgeln kannst. Niemand kann dir etwas recht machen. Warum wirst du nicht endlich ein bisschen positiver?“
Wozu?
Um dann wieder enttäuscht zu werden? Danke, das hatte ich schon. Lieber immer mit dem Schlimmsten rechnen, sich auf das noch Schlimmere gefasst machen und dann dem Allerschlimmsten gelassen entgegentreten. Das war meine Lebensphilosophie. Und bislang fuhr ich damit nicht schlecht – ich malte mir stets Negatives aus und meist trat es auch ein, wie ich zufrieden konstatierte.
„Schätzchen, mit deiner Miesmacherei machst du dir ja bloß selbst das Leben schwer“, fuhr Maja fort. Sie war wohl nicht zu bremsen, ehe ihr nicht endlich die Trockenhaube über den Kopf gestülpt wurde.
„Was du jetzt wieder mit Franz hast... ich verstehe dich einfach nicht. Woher willst du bloß wissen, dass er es mit dir nicht ernst meint? Wie oft hast du schon gedacht, dass es aus ist zwischen euch? Und stets hast du dich geirrt! Und zwar gründlich! Wieso glaubst du, dass du ausgerechnet jetzt weißt, dass er nicht mehr will?“
Weil ich es einfach wusste, deshalb. Self-fullfilling-prophecy. So heißt diese Gabe. Oder der Fluch, je nachdem. Ich verfüge darüber. Alles Schlechte, was ich mir vorstelle, tritt dann auch prompt ein. Ich hatte gewusst, wenn ich mich einmal wirklich verliebe, dann wird es kompliziert. Keine 0815-Beziehung. Keine einfache Sache. Nein, es musste richtig und wirklich ein unlösbares Dilemma werden. Mit verlassenen Partnern, heulenden Kindern, verwaisten Hunden und erzürnten Chefs.
Und in meinem Fall hieß das Dilemma auch noch ausgerechnet Franz. Auch das hatte ich vorhergesehen. Es konnte kein Mann mit einem ansprechenden modernen Namen wie Julian oder Patrick oder wenigstens Roman sein. Nein, es musste Franz sein. Wie hört sich denn das an? „Oh, Franz, ja, gib´s mir, ich brauche es, ich will dich, Franz...“ Furchtbar hört es sich an. Daher hatte ich es in gewissen Momenten eben immer vermieden, seinen Namen auszusprechen.
Dass diese gewissen Momente nun endgültig vorbei waren, das wusste ich auch schon länger, da konnte mir Maja nichts anderes mehr weismachen. Franz hatte sich für eine andere entschieden; für eine, die unkomplizierter und vielleicht optimistischer war. Für den Augenblick zumindest. Sie würde schon noch merken, wie weit sie mit dieser Sonnenscheineinstellung kommen würde. Ich kannte Franz schließlich. Er würde mit ihr das gleiche machen wie mit mir – zunächst sich rar, und dann den Abgang. Ich konnte mit dieser Situation umgehen, weil ich schon darauf eingestellt war. Aber für Kimberley, Klaudia oder Krista oder wen auch immer würde es eine bittere Enttäuschung werden.
„Was grinst du so blöd?“, fragte Maja. Sie nimmt zwar den Job meiner besten Freundin ein, aber mitunter lässt ihre Liebenswürdigkeit mir gegenüber ziemlich zu wünschen übrig.
Ich hatte gar nicht gemerkt, dass mir die Vorstellung einer heulenden Superblondine die Mundwinkel nach oben wandern ließ. Wenigstens schmerzte das Brauenzupfen nicht mehr.
„Franz liebt dich“, sagte sie plötzlich, ohne auf eine Antwort von mir zu warten. „Obwohl ich fürchte, dass du das gar nicht zu schätzen weißt.“
Da mochte etwas dran sein. Im Spiegel sah ich, dass ich mir nicht nur auf die Unterlippe gebissen hatte, sondern dass die Friseurin ganze Arbeit geleistet hatte. Die Brauen waren endlich gelichtet, meine Augen wirkten größer, der Blick offener, freundlicher, jünger.
„Du findest einfach bei allem ein Haar in der Suppe. So bringst du dich letztlich ja doch nur selbst um dein Glück.“
Was heißt Glück?
Ein Glück war es, dass Maja endlich unter der Trockenhaube verschwand. Und auch, dass ich nicht auf das Glück vertraute, sondern auf meinen Realitätssinn. Ich war es gewohnt, den negativen Seiten des Lebens ins Auge zu blicken, mich nicht vor ihnen verstecken zu wollen, sondern auf sie zuzugehen. Aktiv statt passiv.
Aus diesem Grund hatte ich auch Franz meine Demütigung erspart und ihm zuvor per SMS das Ende unserer Affäre verkündet. Sollte er doch gleich zu Kimberley, Klaudia oder Krista gehen. Es würde uns allen Zeit ersparen und uns erlauben, unser Augenmerk wieder auf Wesentlicheres zu richten. Ja, mein Herz war gebrochen, meine Seele zerstört, mein Ego zersplittert – aber das waren Nebensächlichkeiten, mit denen ich allein fertig werden würde.
Irgendwann.
Mein Handy piepste. Franz. Herzklopfen. Hör auf, hör auf, befahl ich dem Herzen. Es gehorchte nur zögernd, eigentlich gar nicht. Doch es war so sinnlos. Jede Hoffnung meinerseits war Realitätsverweigerung. Er wollte nicht mehr. Ich hatte es in seinem Gesicht gesehen, in seinen Gesten, in der Art, wie er „Ich liebe dich“ gesagt hatte. Ohne Tiefgang. Wirklich. Maja hatte keine Ahnung, wie sehr ich unter der Gewissheit meines neuerlichen Versagens litt.
„Haha, Süße“, las ich auf meinem Display. „Ein guter Scherz. Wenn du mich jetzt stehen lässt, verzeihe ich dir das nie. Also schwing deinen süßen Hintern endlich ins Brautkleid und komm. 14 Uhr. Hochzeit. Wie ausgemacht. Mit den drei K´s als Brautjungfern... :-). Lieb dich, sei pünktlich!!!!“
Nun ja.
Vielleicht sollte ich doch einmal Weiß tragen zur Abwechslung.

Letzte Aktualisierung: 27.06.2006 - 23.27 Uhr
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