Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Juni 2006
Totalverlust
von Julia Breitenöder

Ich habe sie verloren. Alle. Noch nie habe ich mich so allein gefühlt.

Als ich noch ganz klein war, hat meine Mutter sie mich lieben gelehrt. Jeden Abend vorm Schlafengehen bürstete sie mir lange die Haare. Wie sehr habe ich diese Liebkosung genossen!
„Vergiss nie, die Haare abends mit hundert Strichen zu bürsten, mein Schatz. Nur so bleiben sie schön.“
Ich vergaß es nie und sie blieben tatsächlich schön. Honigblond, voll, mit leichten Wellen, reichten sie mir schließlich bis zur Hüfte. Ich frisierte sie zu komplizierten Hochsteckfrisuren, flocht sie zu Zöpfen oder bändigte sie mit einem Pferdeschwanz; doch so richtig wohl fühlte ich mich nur, wenn die Haare mir offen über den Rücken hingen, mit meinen Bewegungen mitschwangen und meinen Körper umspielten.
In der Schule waren sie mir mehr als einmal sehr nützlich. Kein Lehrer konnte genau sehen, was hinter dem Haarschleier, der mir ins Gesicht fiel, vorging. Zettelchen schreiben, die Hausaufgaben für die nächste Stunde erledigen oder auch ein kurzes Nickerchen halten – das war alles kein Problem.
Auf der Straße sahen die Menschen mir oft nach. Ich gebe zu, ich habe die Aufmerksamkeit genossen.
Sogar das Studium konnte ich dank meiner Haare finanzieren. Sicher haben etliche Frauen die von mir beworbenen Haarpflegemittel gekauft, weil sie hofften, dass ihre Haare durch die Anwendung dieser Mittelchen genauso wachsen würden wie meine.
Die Werbeaufträge brachten mir nicht nur Geld, ich lernte bei einem Fotoshooting auch Marc kennen. Er war der Fotograf und ich erinnere mich noch genau an seine ersten Worte: „Darf ich diese traumhaften Haare einmal anfassen?“ Er durfte. Es blieb nicht beim Berühren der Haare. Eine Woche später zog ich bei ihm ein. Und egal, wie oft wir miteinander schliefen, jedes Mal wickelte er sich danach Strähnen meiner Haare um die Hände, vergrub sein Gesicht darin und machte mir die schönsten Liebeserklärungen. Alles war perfekt.

Bis mir eines Abends beim ersten der hundert Bürstenstriche eine dicke Haarsträhne in der Bürste hängen blieb. Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Das konnte nur ein Albtraum sein. Aber die Strähne hing zwischen den Borsten, die Haare stumpf, keine Spur vom üblichen Glanz, schlaff lagen sie in meiner feuchten Hand. Das Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich die Bürste erneut durch die Haare zog. Wieder blieb ein Büschel hängen, es waren sogar noch mehr als beim ersten Versuch. Ich sprang auf, warf die Haare in die Toilette und betätigte energisch die Spülung. Es war der erste Abend in meinem sechsundzwanzigjährigen Leben, an dem ich mir nicht hundert Mal die Haare bürstete. In dieser Nacht schlief ich sehr schlecht.
Der Morgen brachte keine Besserung, das Kopfkissen war mit losen Haaren bedeckt. Mir drehte sich der Magen um. Meine Haarpracht lichtete sich von Tag zu Tag mehr. Ich war verzweifelt. Meine Haare und ich, das gehörte doch untrennbar zusammen. Sie waren mein Markenzeichen, ich definierte mich über sie, ich liebte sie – die Haare waren mein Ich!
Ich machte einen Termin bei meinem Hausarzt aus. Er nahm mehrere Blutproben, erklärte mir, dass es mehrere Möglichkeiten für die Ursache dieses Haarausfalls gäbe. Eisenmangel, eine Schilddrüsenfunktionsstörung und etliches mehr. Als ich die Praxis verließ, schwirrte mir der Kopf. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Untersuchungsergebnisse abzuwarten. Auf dem Heimweg kaufte ich mir mehrere Schals, unter denen ich meine Haare verstecken wollte.
Marc ging auf Abstand. Statt mich zu trösten, ließ er mich immer öfter allein. Ich ahnte, woran es lag. Seit er bei unserem letzten Liebesspiel unzählige Haare im Mund, zwischen den Fingern und weiß Gott wo noch hängen hatte, war seine Leidenschaft merklich abgekühlt. Ich konnte es ihm nicht wirklich verdenken.
Mittlerweile hatte ich es satt, ständig eine Spur ausgefallener Haare zu hinterlassen. Ich rief bei meinem Friseur an. Als er mich sah, war er schockiert. Ich musste ihn nicht lange überreden, mehr als die Spitzen meiner früheren Haarpracht abzuschneiden. Bei einem kurzen Schnitt würden die ausgefallenen Haare nicht so sehr auffallen, wenn sie sich auf dem Badezimmerboden ringelten oder an meinem Pullover hingen, hoffte ich. Doch das Ergebnis war eine Katastrophe. Die Frisur hätte mir vielleicht gut gestanden, doch überall waren komplett kahle Stellen deutlich zu sehen. Ich konnte nur noch die Hände vors Gesicht schlagen, den Anblick meines Spiegelbilds ertrug ich nicht. Mein Friseur auch nicht. Als er sich von seinem Schreck erholt hatte, riet er mir dringend zur Radikallösung: alles ab! Mir war es mittlerweile egal, schlimmer konnte es kaum werden. Und so kam es, dass ich den Friseursalon völlig kahl rasiert verließ, die Glatze gut verborgen unter einem meiner Schals.
Marcs Gesicht, als ich zu Hause den Schal abnahm, war noch entsetzter als meins kurz zuvor im Spiegel. „Wo sind deine Haare?“ Mehr brachte er nicht heraus. Ich setzte zu einer Erklärung an, doch er musste dringend weg – ein Arbeitsessen. Bevor er ganz zur Tür hinaus war, legte er mir noch nahe, mich nach einer anderen Bleibe umzusehen. Die Situation sei für ihn zu belastend, er wolle mich nicht tagtäglich so sehen, er habe meine Haare so sehr geliebt und könne nicht nachvollziehen, wieso ich nun freiwillig wie eine Vogelscheuche herumlief. Peng! Die Tür fiel ins Schloss. Freiwillig? Gut, ich hatte mich dazu entschlossen, den kläglichen Rest meiner Haare abzurasieren, doch die Alternative wäre die Frisurvariante „Zerrupfter Wischmopp“ gewesen. Und für IHN wäre die Situation zu belastend? Das konnte doch alles nicht sein Ernst sein?! Meine Tränen mischten sich mit einem leise brodelnden Zorn.
Der Arzttermin am nächsten Morgen brachte leider keine Wunderheilung. Das Blutbild war völlig in Ordnung, mein körperlicher Zustand auch. „Sie sind beneidenswert gesund!“, so der Kommentar meines Arztes. Aber meine Haare? Er vermutete, der Haarausfall wäre die Folge einer schweren Grippe, die ich vor drei Monaten hatte. Mitunter käme es nach Infekten zu solch außergewöhnlichen Spätfolgen. Aber ich solle mir keine Sorgen machen, die Haare würden wieder ganz normal nachwachsen, das brauche einfach seine Zeit. Und ich würde ja auch ohne Haare recht apart aussehen. Zur Unterstützung des Haarwuchses verschrieb er mir ein Vitaminpräparat, außerdem sollte ich regelmäßige Kontrolltermine wahrnehmen, um eine andere Ursache komplett auszuschließen.
Marc konnte auch die Aussicht auf bald wieder sprießende Haare nicht aufheitern. Nein, er könne es nicht länger ertragen, diese Belastung wirke sich schon negativ auf sein künstlerisches Schaffen aus. Um sein inneres Gleichgewicht zu erhalten, müsse er sich mit schönen Menschen umgeben. Mir war klar, dass ich momentan nicht zu dieser Kategorie zählte, aber konnte es sein, dass ich jahrelang die Augen vor der erschreckenden Oberflächlichkeit meines Freundes verschlossen hatte? Wer war dieser Mann? Nicht der Mensch, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte, das stand fest. Ich schäumte vor Wut. Keinen Tag länger wollte ich mit diesem Trottel zusammenleben! Kurzerhand packte ich meine Sachen und zog wieder bei meiner Mutter ein.
Als sie die Tür öffnete, erkannte sie mich erst nicht. Dann traten ihr die Tränen in die Augen. „Ach, Kind, das ist ja fürchterlich!“
Ich fühlte mich in meinen Befürchtungen bestätigt. Mit meinen Haaren war ein Teil von mir gestorben, anscheinend der Teil, den die anderen an mir geliebt hatten. Ich zog wieder in mein Teenager-Zimmer, verhängte den Spiegel und verbrachte die meiste Zeit zusammengerollt auf meinem Bett vor dem laufenden Fernseher. Das Haus verließ ich nur einmal, um mir einen Rasierer zu besorgen. Die Haare wuchsen zwar, allerdings nur vereinzelt zwischen kahlen Stellen. Dann lieber konsequent haarlos. Mama wollte mir Mut machen. Sie recherchierte im Internet und fand tatsächlich viele Geschichten von Frauen, denen es so wie mir ergangen war, und deren Haare schließlich nachgewachsen waren. Auch der Arzt war nach wie vor überzeugt, dass die Haare wieder normal wachsen würden, also nahm ich weiterhin die Vitamine. Ich selber war nicht so optimistisch.
Eines Tages lag ich wieder auf meinem Bett und starrte stumpf auf den flimmernden Bildschirm. Nach und nach drangen die Fernsehbilder in mein Bewusstsein. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf die laufende Talkshow. Das Motto: „Du machst Dich hässlich!“ – da war ich ja genau richtig! Eine Mutter belegte ihre Tochter mit wüsten Flüchen ob ihrer 42 Piercings; ein junger Mann schimpfte auf seine Schwester, die sich dazu entschlossen hatte, ihre Haare komplett abzurasieren. Sie saß neben ihm, ein hübsches Mädchen. Ihre Haare wären nach jahrelangem Bleichen völlig kaputt gewesen, deshalb wolle sie ihnen die Chance geben, neu und gesund nachzuwachsen. Gebannt verfolgte ich die Sendung bis zum Ende. Das Mädchen mit der Glatze bekam viel Rückendeckung aus dem Publikum. Nachdenklich schaltete ich in ein anderes Programm. Und je länger ich schaute, desto mehr Menschen ohne Kopfhaare entdeckte ich – junge, alte, gesunde, kranke, arme, reiche. Und keiner war hässlich. Vielen verlieh die Glatze eine außerordentliche Attraktivität und Würde. Mir wurde leichter ums Herz.
Gut, ich hatte alle Haare verloren, ich hatte meinen Freund verloren, und ich wohnte wieder bei Mama. Aber anderen Leuten passierten schlimmere Dinge. Meine Haare konnten doch nicht das einzig Liebenswerte an mir gewesen sein, oder? Schließlich existierte ich auch noch ohne sie. Ich setzte mich vor den Spiegel, befreite ihn von der darüber hängenden Decke und schaute mich an. Langsam wickelte ich den Schal von meinem blanken Kopf. Ein zaghaftes Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Überraschenderweise gefiel mir, was ich im Spiegel sah.

Sie sind weg. Alle. Aber sie werden wieder wachsen, ich weiß es und ich fühle es inzwischen auch. Ich freue mich über jedes einzelne von ihnen, doch ich werde ihnen nie wieder erlauben, mein Leben zu bestimmen.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.22 Uhr
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