Honigfalter
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Juni 2006
Eine schlechte Schauspielerin
von Beatrice Frank

"Nun, Frau Roth, dann erzählen sie mir mal, wo sie sich am 21.03 um 14.30 Uhr befanden!" "Aber das habe ich doch ihnen und ihren Kollegen schon erzählt! Langsam halte ich das nicht mehr aus! Sie wissen ja gar nicht, wie nah mir sein Tod gegangen ist!" Ich blickte hinunter auf ihr in falscher Verzweiflung entstelltes Gesicht. Man konnte sehen, dass ihre Mundwinkel dabei zuckten und sie kurz davor war, in Lachen auszubrechen. Eine schlechtere Schauspielerin als sie hatte ich wohl noch nie gesehen. Mein Name ist Lionel Teubner und ich bin seit 13 Jahren im Dienst. Um genau zu sein, 13 sehr lange Jahre, deren einziger Vorteil darin lag, während dieser
Zeit die Gabe zu entwickeln, jeden zu durchschauen. Ich bearbeitete einen Fall, der eigentlich schon abgeschlossen sein sollte. Der Sohn aus erster Ehe klagte gegen seine Stiefmutter, die seinen Vater umgebracht haben soll. Aus Mangel an Beweisen kam sie frei, doch da er Revision einlegte, wurde der Fall neu aufgerollt. Und jetzt saß ich da und musste mir zum 10ten Mal an diesem Tag die Geschichte einer Frau anhören, bei der eh klar war, dass sie als Einzige kein Alibi und ein passendes Motiv hatte: denn wie es der Zufall so will, war der ermordete Mann der millionenschwere Chef einer Baufirma gewesen und die Ärzte wunderten sich schon seit drei Jahren, wie er bei dieser Arterienverstopfung noch unter den Lebenden wandeln konnte. Frederike Roth hingegen war eine attraktive Frau in den 30er Jahren, die vom Leben mit Sicherheit mehr erwartete als ein bescheidenes Leben in Demut mit einem Mann an ihrer Seite, der doppelt so alt war wie sie selbst. "Wie gesagt, beendete ich um etwa 13 Uhr meinen Frisörtermin und fuhr nach Hause, um meinem geliebten Mann (sie ließ einen markerschütternden Schluchzer hören) Mittagessen zu kochen." Ich blickte hinunter auf ihre perfekt manikürten Fingernägel. Wenn ihre zarte, sonnenstudiogebräunte Hand jemals einen Kochtopf gehalten hätte, dann war es bestimmt ein Versehen gewesen. Vielleicht um dem Putzpersonal an einem Beispiel zu zeigen, wo diese das nächste Mal besser putzen sollten. "Anschließend, ich kam gerade an und schloss die Haustür auf, hörte ich von oben einen Schrei." "Können sie mir sagen, von wem der Schrei stammte?", unterbrach ich sie. "Von meinem Mann. Ich bin mir absolut sicher!", fügte sie aufgrund meines fragenden Blicks hinzu. "Ich lief den 4. Stock hinauf, und da sah ich ihn." Sie verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Wahrscheinlich sollte es Verzweiflung darstellen. Er war tot! Sie legte die Betonung dramatisch auf das Wörtchen "tot", stand auf und schrie gellend: "NEEEEEEIIIIIIINNNNNNN!!!" Dann sank sie unter Schluchzen und Schütteln ihres Oberkörpers zurück in den Stuhl. Es sah aus, als ob sie sich vor Lachen kaum noch halten konnte. "Verstehe ich sie richtig", sagte ich ohne Anstalten zu machen, sie zu trösten oder eventuell in den Arm zu nehmen, "sie schlossen die Haustür auf, hörten einen Schrei aus dem 4. Stock, den sie sogleich hochrannten und ihren Mann sofort im etwa 500m von den Treppen entfernten Schlafzimmer tot daliegen, obwohl dazwischen bestimmt 12 Zimmer waren, in denen er hätte liegen können?" "Ja, das stimmt." erwiderte sie mit Nachdruck, ohne meinen spöttischen Unterton zu beachten. Vielleicht hatte sie ihn nicht mal bemerkt. "Und dann? Was taten sie dann?" "Ich bemerkte, dass ein Fenster offen stand und blickte hinaus. Ich meine, der Täter konnte ja noch nicht weit sein, oder?" Sie schaute mich mit Tränen in den Augen an. "Und tatsächlich entdeckte ich einen Mann, ganz in Schwarz gekleidet, der es offensichtlich sehr eilig hatte, zu verschwinden." Sie versuchte ihrer Stimme einen geheimnisvollen Klang zu geben. "Aus dem 4. Stock. Sind sie sicher?", fragte ich. "Aber ja!" Sie nickte eifrig. "Und wie soll dieser Mann das Fenster heruntergekommen sein? Vielleicht ist er ja geflogen!?" Ich ließ ein amüsantes Lachen hören. "Nein, er...er...es stand eine Leiter dort!, rief sie aufgeregt. "Ja, jetzt weiß ich es wieder!" "Eine Leiter! Dass ich nicht eher darauf gekommen bin!" Ich schlug mir ironisch die Hand flach gegen die Stirn. "Ja, jetzt wissen wir alles. Ich danke ihnen für ihre tatkräftige Unterstützung, Frau Roth. Ich persönlich werde sofort eine Suchaktion einleiten." Sie nickte glücklich, stand auf und wollte schon hinausgehen, als ich sie zurückrief. "Ach übrigens, können sie sich erklären, warum ihr Mann ermordet wurde?" Sie drehte sich mit einem siegesgewissen Lächeln um, das dann sofort verblasste, und setzte ihre übliche Trauermiene auf. "Aber nein! Ich habe absolut keine Ahnung!" Gekünstelt stützte sie ihr Kinn in die Hand und tat so, als müsse sie in gespielter Kindlichkeit überlegen. "Nun, vielleicht wurde er...ausgeraubt! Das wäre doch möglich, nicht wahr?" Sie blickte mich fragend an. "Aber ja", rief ich mit übertriebener Betonung, jetzt wo sie es sagen! Das wäre tatsächlich eine plausible Erklärung!" Sie lächelte." Oh, aber nicht der Rede wert, das habe ich doch gern getan.", schloss sie glücklich. Ich überlegte kurz, dann- "Nun, aber wie kann es dann sein, dass der Mann mit einem Haarzopf erwürgt worden ist? An den Strangulationen am Hals kann man das sehr schön erkennen." Sie erstarrte. "Haben sie nicht eben gesagt, sie waren beim Frisör, bevor sie nach Hause fuhren? Was haben sie denn machen lassen?" Sie fuhr sich nervös durch die etwa schulterlangen , blonden Haare. "Nun, i-ich...was geht sie das überhaupt an?", fragte sie barsch. "Ich würde meinen, eine ganze Menge. Denn, könnte es nicht so gewesen sein, dass sie ihren laut Zeugenaussagen rückenlangen, stets geflochten Zopf haben abschneiden lassen, anschließend nach Hause fuhren, ihren Mann damit erwürgten, das Fenster öffneten, und dann der Polizei ein Ammenmärchen von einem ganz in Schwarz gekleideten Mann, der angeblich der Mörder ihres Mannes sein soll, auftischten?" Ihr Gesicht war zum ersten Mal während des Gesprächs unergründlich. "Nein, ich...hatte einfach...Lust auf eine Veränderung!", schrie sie verzweifelt, nun ganz ohne Falschheit. "Erzählten sie aber nicht ihrer Freundin Henriette 2 Tage vor dem Mord, dass sie ihre geliebten Haare niemals abschneiden würden? Wie es der Zufall so will, haben wir am Tatort gleich mehrere, etwa 40cm lange, und blonde Haare gefunden. Und nun raten sie, von wem diese stammen!?", beendete ich mein Schlussplädoyer. Wie nicht anders zu erwarten, gab sie unter dem Druck meinerseits auf und gestand. "Eines würde mich aber noch interessieren, Frau Roth, wie kamen sie darauf, ausgerechnet den Haarzopf als Mordwaffe zu benutzen?", fragte ich sie, kurz bevor sie abgeführt wurde. "Ach, wissen sie, er hat sich schon immer über meine langen Haare lustig gemacht. Er drohte sogar damit, mich zu enterben, sollte ich sie nicht abschneiden lassen.", sagte sie bitter. Deswegen fuhr ich ja erst zum Friseur. Aber als ich dann das Haus erreichte und er mich sah, meinte er, es sähe noch schlimmer aus als vorher. Ich war darüber so wütend, dass ich den abgetrennten Zopf, den ich als Andenken mitgenommen hatte, packte, und ihm um den Hals zog. Er war nicht besonders kräftig, wissen sie. Irgendwann bewegte er sich nicht mehr und da erst wurde mir klar, was ich eben getan hatte." Die Polizisten brachten sie nach draußen. Alles in allem, war es ein doch recht erquicklicher Nachmittag gewesen, und hätte es mich nicht so sehr beim zehnmaligen Hören gelangweilt, sie zu überführen, so würde ich wohl zugeben, dass dies der haarigste Fall meiner gesamten Berufsbahn war.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.28 Uhr
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