Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Juni 2006
Haar
von Eleonore Nickolay

Er wusste, dass es nicht rechtens war. Es gab Dinge, die tat man nicht, die dachte man nicht einmal und wenn der Gedanke einem doch kam, dann vertrieb ihn das Gewissen gleich wieder oder besser noch, vergrub ihn tief im Unbewussten, für das niemand zur Verantwortung gezogen werden konnte. Und die Menschen, die solche Dinge doch taten, waren krank, gestört, nicht normal.

Er war weder krank noch gestört und bislang hatte er sich auch für normal gehalten. Aber er spürte, wie seine Phantasien ihn langsam krank machten und er keine Kraft hatte, sich dagegen zu wehren. Oder wehrte er sich gar nicht mit all seiner Kraft? Wehrte er sich nur ein bisschen, um sein Gewissen zu beruhigen, eigentlich um es zu betrügen, ihm weiszumachen, alles getan zu haben, um das Verbotene zu verhindern? Die Wahrheit war, er konnte es nicht lassen und er wollte es auch gar nicht. Es war wie der Juckreiz, den ein Mückenstich hinterlässt und die Erleichterung, ja der Genuss, sich zu kratzen, wider des besseren Wissens, dass der Reiz damit ja nicht nachließ, sondern eher noch zunahm, solange bis die Einstichstelle blutete und wehtat.

Er hätte aufhören müssen, gleich zu Anfang, als er damit begann, sich abends vor dem Einschlafen Dinge mit ihr auszudenken. Es war unanständig, aber harmlos, beschwichtigte er sich. So harmlos wie Pornohefte ansehen. Das machte einen ja noch nicht zum Triebtäter so wenig wie das Lesen von Kriminalromanen zum Mörder. Andere lasen vor dem Einschlafen ein Buch. Er stellte sich ihr langes Haar vor wie einen dunklen, samtenen Vorhang, hinter dem sich ihr schmaler, nackter Körper verbarg. Langsam schob er den Vorhang zu beiden Seiten auf.

Er kam sich jung und verwegen dabei vor und hielt es für mutig, wissen zu wollen, wie weit er gehen würde in seiner Phantasie. Es überraschte ihn, wie weit er ging und es amüsierte ihn mehr, als dass es ihn beunruhigte, jedenfalls zu Anfang.

Aber als es kein Ende nahm, bekam er Angst. Es nahm kein Ende, so wie ihr Haar kein Ende nahm. Ohne dieses unglaublich lange Haar hätte es ja gar nicht angefangen. Warum ließen die Eltern es nur zu, dass sie es so lang trug? Fühlten sie nicht die Provokation, die Verführung, die davon ausging? Ahnten sie wirklich nicht, welcher Gefahr sie ihr Kind aussetzten? Er erwog sogar, sie darauf aufmerksam zu machen. Sein freundschaftliches, beinahe väterliches Verhältnis zu den jüngeren Nachbarn hätte es ihm erlaubt, aber er wusste nicht, wie er es anstellen sollte bei ihren belanglosen Gesprächen über den Gartenzaun herüber. Vorsichtig deutete er seine Bedenken seiner Frau an und traf auf Unverständnis. Die Kleine sei doch noch ein halbes Kind, meinte sie nur. Danach hütete er sich, noch einmal die Rede darauf zu bringen. Er wollte keinen Verdacht erwecken. Aber konnte sich einer wie er überhaupt verdächtig machen? Ein treuer Ehemann und fürsorglicher Vater zweier Söhne, zuverlässiger Freund, umgänglicher Kollege und Nachbar? Mit seinem gutmütigen Blick und dem ergrauten Schnurbart sah er aus wie ein altgewordener, freundlicher Seehund, sagte seine Frau. Was war in ihn gefahren?

Als der Sommer heiß wurde, schöpfte er Hoffnung, die Kleine würde sich das Haar schneiden lassen. Doch sie ließ es weiterwachsen, bis die Spitzen fast den Po berührten, und mit ihrem Haar wuchs seine Begierde, bis die Phantasien nicht mehr ausreichten, sie zu stillen. Als er sie an einer Bushaltestelle sah, hielt er an, noch bevor eine innere Stimme ihn warnen konnte, es nicht zu tun. Sie hatte den Bus verpasst und stieg vertrauensvoll zu ihm ein. Er beobachtete sie im Rückspiegel, wie sie fröhlich von einem Schulprojekt plapperte, and dem sie arbeiteten und nie pünktlich fertig wurden, sodass sie dauernd zu spät zum Bus kam. Sie war gar nicht besonders hübsch und dort, wo der Mittelscheitel die Stirn freigab, entdeckte er Pickel. Aber er hatte nur Augen für ihr langes Haar, das sie wie immer offen trug und plötzlich fielen ihm die Schlaftabletten seiner Frau ein.

Am Abend im Bett spann er seinen Plan weiter. Er würde es einrichten, des öfteren um dieselbe Zeit an der Haltestelle vorbeizukommen. Bei der Gleitzeit im Amt war das kein Problem. Es würde sich einen besonders heißen Tag auswählen und würde wie zufällig in einer Kühltasche kalten Saft dabei haben und ihn ihr anbieten. Vorher würde er ihr aber noch erzählen, dass er sie dieses Mal am Stadtpark absetzten müsste, weil er noch etwas zu erledigen hätte. Daran musste sie sich erinnern, wenn sie wieder aufwachte. Das war wichtig.

Erleichtert schlief er ein in dieser Nacht und fühlte sich am nächsten Morgen wie erlöst. Er überdachte noch einmal seinen Plan und blieb dabei. Er sah nur diese einzige Möglichkeit, sich von seinen Phantasien zu befreien. Schon heute würde er die Schlaftabletten kaufen, am anderen Ende der Stadt, wo ihn niemand kannte und eine Schere.

In einem Gebüsch am Rande des Stadtparks, einer Stelle, die Spaziergänger mieden, weil dort der Verkehr der vielbefahrenen Ringstraße toste, würde er sie ablegen.

Wenn sie dann dort aus tiefer Bewusstlosigkeit aufwachte, mit abgeschnittenem Haar, würde sie es sich doch sicher nie wieder so lang wachsen lassen. Das jedenfalls hoffte er inständig.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.25 Uhr
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