Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juni 2006
Immer noch dieselbe
von Johanna Scharinger

Aus den Boxen säuselt Robbie Williams mit sanfter, trauriger Stimme seine Ballade „Feel“. Das eigenartige Gefühl, das ich momentan im Bauch habe, wird durch das leise knirschende Geräusch der Friseurschere verstärkt. Da sitze ich, auf einem Friseurstuhl, direkt vor einem riesigen Spiegel und kann dabei zusehen, wie mir die junge, rothaarige Friseurin meine fast vierzehn Jahre alte Haarpracht nimmt. Seit ich denken kann, hab ich lange Haare. Bis über den Po hinunter – so lang waren sie. Jetzt sind sie’s nicht mehr. Ich soll ja den Kopf still halten, aber ich sehe trotzdem, wie viele Strähnen schon am Boden liegen. Viel zu viele, kommt mir vor. Vor etwa drei Wochen habe ich beschlossen, dass ich einen neuen Haarschnitt bräuchte. Einen, der mein Gesicht „schöner umrahmt“, hat Mama gemeint. Ich habe nämlich ein ziemlich rundes Gesicht. Dabei hätt’ ich gern ein schmales...
Mit dem richtigen Haarschnitt könnte man das schon machen, sagte sie mir. Und heute ist also der große Tag. Ein bisschen in den Stylingzeitschriften geblättert, die im Friseursalon herumliegen, kurz nachgefragt, was man mir empfehlen täte und – zack – die Friseurin war schon am Haare waschen, Schnipseln und Schneiden.
Strähne um Strähne fällt nun auf den Boden.
„Ich weiß schon, jetzt kann man sich noch nicht viel drunter vorstellen“, sagt die Rothaarige, „aber zuerst muss ich mal alles auf die gleiche Länge schneiden. Und dann wird’s stufig.“
Juhu – ich freu mich schon! Wenn ich danach überhaupt noch Haare auf dem Kopf hab...
Immer wieder zupft sie an meinen Haaren herum, schneidet da hinten was weg und kürzt dort hinterm Ohr eine Strähne. Sieht ja alles gut und schön aus – aber langsam hab ich das doofe Gefühl, dass ich, wenn ich aus dem Studio hinausgehe, nur mehr ein Drittel von der Haarmenge besitze, die ich vorher hatte...
Die Friseurin fragt mich, in welche Schule ich gehe. „Gymnasium.“, antworte ich. Es heißt ja immer wieder, seinem Friseur erzählt man alles. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wieso ich das ebenfalls tun sollte. Dafür hab ich mein Tagebuch und meine beste Freundin. Die rothaarige Friseurin kann zwar nicht viel älter sein als ich, aber ich entschließe mich doch dazu, nicht viel aus meinem Privatleben preiszugeben. (Dazu hätte nämlich auch die Tatsache gehört, dass der Besuch in diesem Friseursalon der erste meines Lebens überhaupt war, und so was wollte ich nicht gerade an die große Glocke hängen...)
Jetzt hält sie einen zweiten Spiegel hinter meinen Kopf, so dass ich mich in dem großen Spiegel vor mir von hinten sehen kann. Sieht seltsam aus, meine Hinteransicht. Nicht der Haarschnitt, der ist schon okay.
Hinten ist sie fertig. Die Stirnfransen sind dran. Robbie Williams hat seine Ballade zu Ende gesungen. Die Siebzehn-Uhr-Nachrichten kommen. Massenkarambolage auf der A7. Das gibt eine ganze Menge Leichen. Und dabei weiß man eh nicht, wohin mit den ganzen Verkehrstoten.
Skitourengeher von Lawine verschüttet. Suchtrupps mit Lawinenhunden unterwegs. Und das Wetter: Höchstwerte von bis zu minus achtzehn Grad.
In Spanien hat’s fünfundzwanzig. Ich wäre gern bei meiner Firmpatin, die hat dort ein Haus.
„Boah – diese Kälte dauert aber auch schon lange an, meinst du nicht?“
Hä? Ach so – ja. Für gewöhnlich antwortet man, wenn man was gefragt wird. Oder wenn von einem eine Antwort erwartet wird.
„Ja, ich wünsch mir auch manchmal, es wär’ schon Frühling...“, meinte ich.
Die Haare, die mir über die Stirn herunterhängen, kitzeln mich in den Augen. Vielleicht sollte ich sie schließen. Die Schere kommt ein paar Mal gefährlich nahe an meine Augäpfel heran. Hätte ich den Mund offen gehabt, hätte ich Haare geschluckt. Mahlzeit!
Ich sehe im Spiegel, wie eine andere Friseurin einen neuen Kunden zu einem freien Stuhl führt und ein fahrbares Waschbecken heranrollt. Kurz darauf kommt das knirschende Geräusch schon von zwei Scheren und wird noch einmal komischer.
„Voilá – was sagst du zu deiner neuen Frisur?“
Ich blinzle und schaue in den Spiegel. Das bin ja gar nicht ich! Hilfe!!! Gebt mir meine Haare zurück! Ewig haben sie gebraucht, bis sie so lang waren! Und diese Rothaarige schnipselt daraus in nicht einmal einer halben Stunde eine komplette Kurzhaarfrisur, die nicht das Geringste mit mir zu tun hat!
Zwar hab ich noch Haare auf dem Kopf (wenigstens diese Befürchtung hat sich nicht erfüllt) aber ... Mensch – ich erkenn mich gar nicht wieder!!!
„Bist du zufrieden?“, reißt sie mich plötzlich aus meinen Überlegungen.
„Äh ... hm ... ja“, bringe ich hervor. Dabei weiß ich gar nicht, ob mir diese Frisur jemals gefallen wird...

Mamas Gesicht hat sich zu der herrlichsten, erstaunten Grimasse verzogen, die ich jemals gesehen habe. „Whow – boah...“, mehr sagt sie nicht dazu. Das ist auch noch nie passiert, dass es meiner Mutter die Sprache verschlagen hat...
Ich fühle mich nicht anders, als ich mich gestern gefühlt habe, aber wenn ich in den Spiegel sehe, erschrecke ich manchmal noch vor mir selbst, weil ich so anders aussehe. Aber nach ein paar Sekunden hab ich mich dann an den Anblick gewöhnt und irgendwie gefällt mir die Frisur bei jedem Mal in den Spiegel schauen besser. Obwohl das Ganze jetzt schon eine Weile her ist, sprechen mich immer wieder Leute darauf an, dass sie zwei Mal hinsehen mussten, bevor sie mich erkannt haben. Das erstaunt mich irgendwie, weil ich ja immer noch dieselbe bin. Da sieht man wieder, welch große Rolle die Haare eigentlich im Leben spielen – sie können dich von einem Augenblick auf den nächsten total verändern...

Letzte Aktualisierung: 28.06.2006 - 08.23 Uhr
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