Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juli 2006
Warum nicht ich?
von Stephanie Braun

Sonja rannte. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Die Schritte kamen näher. Immer näher. Blindlings lief sie davon. Schneller, schneller.

Hilfe!

Aber da war niemand.

Das Mädchen hastete weiter, stolperte, fiel hin.

Das wars, dachte sie, vergrub den Kopf in den Armen, igelte sich zusammen, als könne sie sich verstecken.

Nichts geschah.

Keiner packte sie.


Vorsichtig hob sie den Kopf, erkannte, wo sie war.

Da stand er, der Stein.

Tränen rannen über ihre Wangen.

„Sophia!“

Sie schrie den Namen ihrer Schwester, wünschte, sie würde antworten.

Nichts geschah.

Sonja war allein. Kein Verfolger, keine Sophia und keine Mutter.

Am liebsten läge sie bei ihnen unter der weichen Erde. Sie schloss die Augen, umarmte ihre geliebte Schwester, als stünde sie wirklich vor ihr.

Ein Geräusch, wie ein leichter Flügelschlag, riss sie aus den Gedanken.


Sie blickte auf. Kniete am Grab ihrer Schwester. Da stand die Steinfigur.

„Meine Schmetterlinge“, hatte Mutter sie immer genannt.

Niemals wurde der eine Zwilling ohne den anderen gesehen. Niemals, bis zu jenem Tag.

Sonja blinzelte, starrte die kleine Statue an. Hatte sie sich bewegt?

Sie schimmerte zart rosa. Nein, das musste die Sonne sein.

Beide hatten sie Schmetterlingskleider gehabt, Sophia in rosa, sie in violett.

An jenem Tag hatte Sophia ihres getragen.

„Wäre ich nicht krank gewesen, läge ich jetzt bei dir“, schluchzte die Neunjährige. „Warum du? Warum nicht ich?“


„Sonja!“

Wer sprach da?


„Sonja, weine nicht! Es geht ihnen gut.“

Der lichtgewordene Schmetterling erhob sich, schwebte über das Grab und landete sanft auf ihrer Hand.

„Du, du ...“

„Hab keine Angst, Sonja. Es ist vorbei. Niemand wird dir etwas antun.“

„Er hat sie umgebracht! Ich weiß es! Das war kein Unfall!“

„Das ist wahr. So traurig es auch ist.“

„Aber wieso? Was soll das für eine Liebe sein? Wieso hat er Mama verfolgt, ihr all das angetan? All diese Anrufe, die Blumen und Briefe. Es war schrecklich, einmal bin ich ans Telefon gegangen.“

Die Erinnerungen an das Stöhnen ließen sie erschauern.

„Überall ist er aufgetaucht. Wir haben und kaum aus dem Haus getraut. Das alles aus Liebe?“

„Er war ein kranker Mann.“

„Ja, das ist er! Ein Mörder!“

Sonja lag weinend am Boden, sanft streifte der Schmetterling sie mit seinen Flügeln.

„Warum hat er sie umgebracht? Warum lebe ich noch?“

„Darauf kann ich dir keine Antwort geben.

Glaube mir, dir wird nichts geschehen. Der Mann ist geflohen und hat inzwischen selbst den Tod gefunden.“
„Sogar dorthin folgt er Mama. Kann er sie nicht einfach in Ruhe lassen?“

„Er kann ihr nichts mehr anhaben.“


Eine Weile blieb Sonja schluchzend am Boden liegen.

War das wahr?

Brauchte sie ihn nicht mehr zu fürchten?

Das war nur ein kleiner Trost.


„Kannst du mir helfen, zu ihr zu gelangen?“

„Nein, für dich ist es noch nicht an der Zeit.“

„Ich kann aber nicht ohne sie leben!“

„Ihr werdet euch wieder sehen, wenn es so weit ist. Deine Schwester wartet auf dich, egal wie lange es dauert.

Du wirst es schaffen. Du musst leben, für euch beide - und für euren Papa.
Lerne ihn kennen und gib ihm eine Chance. Er wird für dich da sein.“


Sonja richtete sich auf. Der steinerne Schmetterling stand auf Sophias Grab. Die Abendsonne tauchte ihn in ein wunderschönes Licht, so dass er rosa und violett schimmerte.


„Papa“, flüsterte das kleine Mädchen. Er war ihr so fremd.

Seit der Beerdigung war er einfach da. Neun Jahre lang hatte er nichts von seinen Zwillingen gewusst. Nun wollte er sich um Sonja kümmern, ohne Sophia jemals gesehen zu haben. Er würde sie nie kennen lernen.


Sonja wandte sich noch einmal zu den Gräbern ihrer Schwester und ihrer Mutter.

„Ich werde euch nie vergessen. Ich liebe euch.“


Langsam ging sie nach Hause.

Zum ersten Mal seit Wochen rannte sie nicht, fühlte sich nicht verfolgt. Daheim umarmte sie ihren Papa.


Ein neues Leben wartete auf sie.

Letzte Aktualisierung: 27.07.2006 - 17.02 Uhr
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