Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
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Juli 2006
Drei Jahre, ohne Bewährung
von Claudia Späth

Laura lehnt am Fenster, in der einen Hand einen Cappuccino, in der anderen ein Fernglas. Vorsichtig schaut sie rechts und links die Straße rauf. Sie beugt sich weit nach vorne um den Eingangsbereich sehen zu können.
„Nichts“, sagt sie zu Marlen, die auf dem Sofa sitzend Milchschaum von ihrem Latte Macchiato schlürft.
„Na, da haben wir aber mal Glück gehabt.“
Marlen hatte schon daran gedacht, in einer Nacht- und Nebelaktion aus der Wohnung auszuziehen. Aber immer, wenn sie fest entschlossen war, Wohnungsanzeigen studiert oder gar etwas passendes gefunden hatte, gab er Ruhe. Als würde er wittern, dass sein Opfer zu fliehen droht.
„Ganz sicher?“, vergewissert sich Marlen, die sich seit ein paar Wochen gar nicht mehr wohl fühlt.
„Also, ganz im Ernst, ich seh’ nichts“, antwortet Laura während sie sich noch einmal, mit dem Fernglas vor den Augen, in alle möglichen Richtungen umschaut. Marlen stellt sich hinter ihre Freundin, so, dass man sie von draußen nicht sehen kann. Laura dreht sich zu ihr um, stößt ihr Glas gegen Marlen’s und prostet ihr zu.
„Siehste, der hat gar keinen Bock mehr sich vor deinem Haus die Füße blutig zu laufen. Glaub’s mir, der Idiot hat es aufgegeben, man, du warst aber auch eine harte Nuss.“ Laura lacht, schüttelt den Kopf und schlürft den Cappuccino.
„Wenn du nur recht hättest.“ Marlen kennt das Spiel, dass er mit ihr trieb. Wie Ebbe und Flut kam und verschwand er, nur hähieltlt er sich an keine Gezeiten- Regel. Einmal hatte er sich vier Wochen nicht blicken lassen. Keine emails, keine SMS, keine Briefe. Marlen hatte gedacht, er hätte tatsächlich aufgehört ihr aufzulauern. Dann aber, gerade als sie von der Spätschicht nach Hause kam, müde und hungrig ins Treppenhaus trat, saß er unter den Briefkästen. Bis heute weiß sie nicht, wer ihn ins Haus gelassen hatte.
Er reichte ihr einen Brief, Himmel blaues Papier, kein Umschlag. Für den Briefkasten sei er zu schade, hatte er gesagt, lieber wollte er ihn gleich in ihre Hände reichen. Marlen war aus dem Haus gerannt und bei Laura untergekommen. Später fand sie den Brief unter ihrer Fußmatte.
Liebste Marlen,
ich weiß, du hast mich vermisst. So lange habe ich mich nicht um dich gekümmert. Jetzt gehört alle Liebe wieder dir, für immer, Marlen, bald komme und hole ich dich.
Dein V.
Marlen schüttelt sich, als hätte sie etwas ekliges aus dem Latte Macciato geschlürft.
„Jetzt lass dich mal nicht so hängen. Entspann dich Kleines.“ Laura legt Fernglas und Glas auf den Tisch und beginnt Marlens verkrampfte Schultern zu massieren. Dennoch schafft es Marlen nicht, sich zu lockern und die Anspannung der letzten Wochen abzulegen. Der gutaussehende Kerl mit den knall grünen Augen war ihr das erste Mal an der Tankstelle aufgefallen. Später begegnete er ihr beim Bäcker, bei Edeka, in der Bücherei, im gleichen S-Bahnabteil, im Schwimmbad, vor der Hautüre. Als er auf dem Friedhof drei Gräber weiter neben dem ihrer Mutter stand, sprach sie ihn an. Zufälle, alles Zufälle, die ihm gar nicht aufgefallen waren, sagte er. Sie gingen ins Moskito, der teuersten Cocktail Bar in der Gegend, er bezahlte ihre Drinks. Eine Woche lang trafen sie sich, er lud ein, sie nahm an. Zu den exklusiven Einladungen kamen erst zwei, dann drei, dann fünfzig Anrufe am Tag. Etwas später verstopften seine SMS Marlen’s Handy, dann seine Briefe ihren Briefkasten. Er sprach von Liebe, Liebe, Liebe. Bald schon nahm Marlen das Telefon nicht mehr ab, löschte die ungelesenen SMS und öffnete auch seine Brief nicht mehr. „Du gehst mir auf die Eierstöcke“, hatte sie ihm gesagt, „lass mich endlich in Ruhe, du tickst ja nicht ganz sauber“ Als er sie weder über das Telefon, noch über die Briefe erreichen konnte, lauerte er überall auf sie. Wie klebriger Pollenstaub hatte er sich in der Stadt verteilt. Marlen hatte sich Urlaub genommen und hinter vorgezogenen Gardienen auf Rettung gehofft. Wer oder was sie retten sollte, wusste sie nicht. Die Polizei konnte nichts tun und der Beamte lächelte, als er sie nach Hause schickte. Irgendwie hatte Marlen es geschafft, einigermaßen damit fertig zu werden. Wenn er neben ihr die Straße langgeht und ihr seine Liebe gesteht, tut sie so, als liefe sie alleine. Wenn er auf der Motorhaube ihres Wagens sitzt, auf der er die ganze Nacht gewartet hat, steigt sie ein und fährt los. Ist er am Telefon, legt sie wieder auf. Alle weiteren Anrufe überlässt sie dem Anrufbeantworter. Wie viel Angst sie hat, spürt Marlen immer dann, wenn sie alleine ist.
„Was meinst du, soll ich bleiben?“, fragt Laura. Marlen weiß, dass sie eigentlich mit ihrer neuen Flamme zum Italiener möchte. Marlen weiß auch, dass Laura kein Verständnis für ihre Angst hat. Für sie war das ganze eine blöde Anmache von einem verdammt hübschen, durchgeknallten Kerl.
„Ist schon o.k., geh du nur“, sagt Marlen, während Laura schon ihr Tasche greift.
„Bestimmt?“, fragt Laura dann noch einmal.
„Bestimmt. Trink einen Chianti für mich mit und schmier dir nicht die Spaghetti ins Gesicht.“ Die Freundinnen werfen sich einen Handkuss zu. Als Laura die Türe ins Schloss zieht, geht Marlen ans Fenster zurück. Die Freundin schaut noch mal zu ihr hoch als sie auf die Astraße tritt. Marlen legt ihr Gesicht an die Scheibe und hofft, dass es wirklich vorbei sein würde. Als Laura aus ihrem Blickfeld verschwindet sieht sie ihn gegenüber am Geldautomaten stehen. Sie sieht ihn nur von hinten, aber wahrscheinlich würde Marlen ihn auch mit einer Tüte über dem Kopf erkennen. Laura war genau an ihm vorbei gegangen, hatte sogar noch in seine Richtung geschaut. Marlen zuckt von der Fensterscheibe weg und wagt dann noch mal einen vorsichtigen Blick. Er steckt gerade das Geld in die Brieftasche und schaut geradewegs zu ihr hoch. Er winkt ihr.
„Das ist doch alles nicht wahr“, Marlens Stimme klingt erbärmlich. Sie greift ihr Handy und schaltet es aus, zieht den Telefonstecker aus der Dose.
„Verlier jetzt bitte nicht die Nerven“, versucht sie sich selber zu beruhigen, „ Stalker greifen ihre Opfer nicht an.“
Nervös knetet Marlen ihre Hände, läuft durch das Zimmer wie der Tiger im Zirkuswagen.
„Handeln, hat meine Mutter immer gesagt, handeln.“ Das Herz schlägt ihr bis zum Hals als sie durch das Treppenhaus und auf die Straße rennt. Ungebremst stürmt Marlen auf den lästigen Verehrer zu, schubst ihn, packt ihn, lässt ihn ein paar Schritte rückwärts laufen.
„Hau ab!“, brüllt sie aus trockener Kehle.
„Marlen“, säuselt er, „Marlen, so schön dich zu sehen. Du bist alles was ich brauche, alles was ich WILL.“
„Hau ab, hau ab, hau ab!“ Mit Fäusten trommelt sie auf ihn ein.
Es greift ihre Handgelenke, packt fest zu.
„Du bist für mich bestimmt, Marlen, ich liebe dich, du solltest das nicht mit Füßen treten, ich habe mir so viel Mühe gegeben, du wolltest das doch auch, wie du mich angeblinzelt hast, dein Parfüm, Moschus, nicht wahr, der rote Lippenstift, dein Arsch, der so schön gewackelt hat in der engen Jeans. Und jetzt tritt mich nicht mit Füßen!“
„Ich will dich nicht. Du kotzt mich an!“
Marlen hatte keine Kraft sich aus seinem Griff zu winden.
„Du widerlicher Kotzbrocken!“, brüllt sie, ein paar Leute drehen sich um, wechseln die Straßenseite.
„Komm mit“, zischt er, zieht sie hinter sich her, „Komm mit und ich werde dir Liebe einvögeln.“
Marlen kreischt, windet sich, sie sind alleine auf der Straße, alleine im Treppenhaus, alleine in der Wohnung, inmitten der Großstadtbevölkerung.
„Pack mich nicht an.“ Marlen’s Stimme zittert, während sie sich an die Wand drückt. Ihre Handgelenke pulsieren schmerzhaft, er reißt sich den Gürtel auf.
„Marlen, ich habe es so lange im Guten versucht. Wer hat schon das Glück geliebt zu werden und du bewirfst es mit Scheiße.“ Er öffnet die Knopfleiste seiner Jeans.
„Ich war immer da, wo du warst, Marlen, war immer in deiner Nähe, habe dich beschützt.“ Sein Hemd fällt zu Boden, hektische Flecken ziehen sich über seine blasse Haut.
„Meine Freundin Laura kommt gleich, sie hat einen Schlüssel“, lügt Marlen in Verzweiflung.
„Wieso lügst du mich an?“ Er wirft sein T-Shirt auf die Couch. „Du kleine Lügnerin, böses Mädchen.“
„Hör mal“, Tränen steigen ihr in die Augen „Wir können ja was trinken, unten, bei Stefano, dem Italiener, was meinst du, reden, komm, wir gehen.“ Marlen ballt die Hände zu Fäusten, hat ihren Atem nicht mehr unter Kontrolle. Er kommt ganz nah an sie heran, seine Körperwärme strahlt zu ihr herüber, er greift nach ihrem Gesicht, streicht eine Haarsträhnen nach hinten, streichelt ihre Wange. Marlen wagt nicht, ihm in die Augen zu sehen.
‚Handeln’, hört sie die Stimme ihrer Mutter, ‚wehre dich, du bist nicht das Opfer.’ Vorsichtig schiebt sie sich an der Wand entlang, er folgt ihr, seine Hand in ihrem Haar. Er küsst sie, sanft, atmet laut, aufdringlich. Marlen presst die Augen zusammen, schiebt sich weiter an der Wand entlang, bis sie gegen das kleine Regal stößt.
„Gib mir doch, was ich haben möchte“, zischt er aufgeregt, greift unter Marlens Shirt, drückt sich an sie.
„Ich liebe dich so sehr, so sehr, wir gehören zusammen, du weißt das, Marlen, Marlen, wie habe ich um dich gekämpft, wenn du meine Frau bist, wird dir nie wieder jemand etwas tun.“ Marlen ertastet das Cappuccinoglas, fasst es, versucht seinen Küssen, seinem hechelnden Atem zu entkommen.
„Dich fasst niemand mehr an Marlen“, stöhnt er, „Nie wieder.“
Mit ungeahnter Kraft schlägt sie ihm das Glas auf den Kopf. Dickflüssiger Kaffee spritzt gegen die Tapete, Blut rinnt über seine glühenden Augen. Eine lange, schmale Scherbe hat sich in seine rechte Schläfe gebohrt. Nach ein paar Minuten sinkt er zu boden, wortlos, dumpf.

Er wollte doch nur mit dir vögeln; wird Laura sagen.
Wieso haben Sie nichts unternommen; wird man sie fragen.
Erst heiß gemacht, dann weggeschickt; wird man ihr vorwerfen.
Drei Jahre, ohne Bewährung, wird sie bekommen.

Letzte Aktualisierung: 06.07.2006 - 06.17 Uhr
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