Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juli 2006
Barney
von Claudia Göpel

„Frau von Kampfhund vergewaltigt“

Ein Grinsen gräbt sich in mein Gesicht, als ich an die Schlagzeile in der BILD denke.


Das Persönchen vor mir läuft mit trippelnden Schritten an der Leine eines massigen Staffordshires. Immer wenn der Hund stehen bleibt, fliegt ihr Arm ruckartig zur Seite. Sie hat Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Geduldig wartet sie, bis das gelb gestromte Monstrum seine Schnüffelorgie beendet hat und wieder die Führung übernimmt. Jeden Tag zur selben Zeit geht das ungleiche Paar in den Park. Ich erkenne den mädchenhaften Gang schon von weitem, suche in ihrer Körperhaltung nach Anzeichen, Hinweisen. Ich meine, eine gewisse Angst zu spüren. Nun, ich habe Zeit.

Beinahe tut sie mir leid. Aber nur beinahe.

Schließlich ist es mein Plan gewesen.


Mikes Gesicht hätte ich sehen wollen, als Jonny mit dem Hund vor seiner Tür stand.

„Herzlichen Glückwunsch. Hier Mike, der ist für dich, den hat deine Alte bei mir bestellt, als sie noch bei dir wohnte. War doch immer dein größter Wunsch gewesen, einen echten Staffordshire zu besitzen. Du wirst keine Probleme bekommen, ich habe etwas getrickst, ihn in den Papieren als Mischling eingetragen. Sein Name ist Barney.“

Jonny ist Inhaber einer Hundeschule. Er trainiert die Exemplare, vor denen selbst ihre Besitzer Angst haben und die sie nur zu gern loswerden wollen. Einer davon war Barney, ein kräftiges Tier mit sanften Augen und faszinierendem Muskelspiel unter der senffarbenen Haut. Sein einziges Manko war, dass er angeblich keinem Rock widerstehen konnte und die Frau seines Vorbesitzers permanent begatten wollte. Jonny bekam das hin, machte einen perfekten Begleiter aus ihm. Sie wollten das Tier trotzdem nicht zurück. Ich verliebte mich auf Anhieb. Besuchte ihn täglich, ging mit ihm spazieren. Später absolvierte Barney anstandslos den Hunde-Parcours, gehorchte aufs Wort. Von den Problemen seines früheren Herrchens keine Spur.

Leider wurde nichts aus meiner Überraschung. Mike teilte mir eine Woche vor seinem Geburtstag mit, dass er eine neue Freundin hätte, schon seit längerem. Ich müsse ausziehen. Er sei dankbar, dass ich ihm über die schwere Zeit seiner ersten Trennung hinweg geholfen, ihn umsorgt und getröstet hätte. Aber nun wäre es an der Zeit, dass jeder von uns wieder sein eigenes Leben führte. Er meinte es tatsächlich ernst, hatte sich wahrhaftig verliebt. Bereits einen Tag später zog sie ein. Ich war verzweifelt. Vorbei mein Traum, mit Mike und Barney zusammen im Garten zu tollen, dem Hund von meinem Platz im Esszimmer heimlich die besten Brocken hinzuwerfen und mich bewundern zu lassen, wie hervorragend meine Erziehung bei dem Tier funktionierte.

In meiner Ein-Raum-Wohnung war kein Platz für Barney. Seine Ausbildung führte ich trotzdem weiter, holte ihn bereits am Morgen und brachte ihn erst spät zu Jonny zurück. Fünf Tage blieben mir bis zu Mikes Geburtstag. In einem abgelegenen Waldstück versuchte ich, die abnormen Gelüste des Hundes neu zu wecken. Fasziniert beobachtete ich, wie er einen Slip beutelte, ihn zerschnaubte und knurrend zerpflückte. Mike würde wieder mir gehören, mir allein. Bald.

Es war ein Leichtes für mich, an die Unterwäsche seiner kleinen Freundin zu kommen. Ich besaß schließlich einen Schlüssel.


Das zerbrechliche Wesen muss schon wieder stehen bleiben, weil Barney genussvoll seine Nase in einen Haufen steckt. Ich lasse mich schnell auf eine Bank fallen und vergrabe mich hinter der mitgebrachten Zeitung. Seit Wochen schon beobachte ich aus sicherer Entfernung diese kleine Schlampe, die mir meinen Jungen, meinen Lebensinhalt geraubt hat. Und noch immer kein Anzeichen, dass der Hund seinen Auftrag ausgeführt hat. Ich begreife das nicht!

Barney hebt schnüffelnd seine Schnauze, wedelt mit dem Schwanz. Er hat mich bemerkt. Begeistert zieht er das Mädchen hinter sich her, macht brav vor meinen Knien Platz und stupst gegen die Leipziger Allgemeine. Ganz langsam senke ich das Blatt und bohre meinen Blick in seine Augen. Jaulend legt er sich nieder und vergräbt die Nase unter seinen Pranken.

„Oh, entschuldigen Sie bitte, hat er Sie belästigt? Das ist der Hund meines Freundes, ich komme nicht so recht mit ihm klar. Kenne ich Sie nicht von irgendwo…?“

Schützend halte ich die Zeitung vor mein Gesicht, schüttele den Kopf, springe von der Bank und eile dem Parkausgang entgegen.

Das hat mir gerade noch gefehlt! Mikes Freundin quatscht mich an. Will mir ein Gespräch ans Knie nageln. Mir! Und der schwanzwedelnde Barney an ihrer Seite.

Meine wohlüberlegte Intrige scheint nicht aufzugehen. Dabei hätte es so gut funktionieren können! Jede Nacht male ich mir bildhaft aus, wie die kleine Schnepfe schreiend das Haus verlässt, nachdem Barney sie besprungen hat.


Tage später erhalte ich einen Anruf.

„Kannst du den Hund zu dir nehmen?“

Ich bleibe sprachlos.

„Nun tu doch nicht so. Es war ja nett gemeint, aber Nadine ist Barney nicht gewachsen. Er kann nicht bei uns bleiben. Du musst dir etwas einfallen lassen. Übrigens möchte meine Freundin dich endlich kennen lernen, komm doch am Wochenende zum Essen vorbei. Und sag nicht wieder, du hättest keine Zeit. Du hast keinen Grund sauer zu sein. Wir haben eine Überraschung für dich.“

„Überraschung?“, hauche ich.

„Du wirst bald Oma“, sprudelt es aus Mike heraus und ich kann förmlich spüren, wie er sich die Hand vor den Mund hält.


Himmelherrgott, Barney, so hatten wir nicht gewettet!


© Claudia Göpel

Letzte Aktualisierung: 21.07.2006 - 17.15 Uhr
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