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Juli 2006
Die Gnade der Mittelmäßigkeit
von Albertine Sprandel

Trotz der Jalousien quoll schwüle Luft in das Büro. Der Tag versprach mühsam zu werden. Kriminaloberrat Karl-Heinz Pflaume fächelte sich mit einem Stück Papier Luft zu, während er Annamaria Wimmer lauschte. Die jüngste Beamtin aus seinem Team saß vor dem Schreibtisch und las aus ihren Notizen vor, ohne ein einziges Mal aufzublicken: „Ludwig Kruschke, 47, ledig, heute Morgen am Mainuferweg tot aufgefunden. Todesursache: ein Schlag mit einem stumpfen Gegenstand, vielleicht der dicke Ast, der neben dem Toten lag.“
Sie sprach nicht weiter, Pflaume hakte nach: „Und?“
„Tatzeit: zwischen sechs und sieben Uhr morgens. Fußspuren in der Umgebung, die auch älter sein könnten.“
„Wer fand die Leiche?“ Pflaume schwang mit dem Drehstuhl, das Papier in seiner Hand flatterte schneller. Wimmer war eine fähige Beamtin, warum war sie heute so unsicher?
„Eine Joggerin.“ Sie brach ab.
Jedes Wort musste er ihr aus der Nase ziehen. „Weiter?“
„Sie heißt Julia Schön, früher eine prominente Sportlerin, heute die Gattin eines Tennisprofis.“
„Laut Statistik“, warf Pflaume ein. „spielen Angehörige von Zeugen nur in drei Prozent der Fälle eine Rolle.“ Er legte das Papier auf den Schreibtisch und pochte mit einem Bleistift darauf. „Befragungen vor Ort? Angehörige?“
„Alles in die Wege geleitet. Bisher keine nennenswerten Anhaltspunkte. Frau Schön behauptet, den Toten nicht zu kennen.“ Die Beamtin schob ihren Notizblock von einer Hand in die andere. Sie sah auf ihre Knie.
„Sie glauben ihr nicht. Warum?“
„Ein Gefühl, ihre Art zu reden, ihr gehetzter Blick.“
„Soso.“
Kriminaloberrat Pflaume dachte an die mäßige Erfolgsquote seiner Abteilung, dann an Wimmers Personalakte. Sie hatte die Polizeischule mit Auszeichnung bestanden. Seit sie der Mordkommission angehörte, arbeitete sie vorbildlich, aber zurückhaltend. „Gehen Sie dem nach.“

Bis zum Nachmittag quälte sich Pflaume durch einen Berg Akten. Als er vor fünfzehn Jahren zum Kriminaloberrat befördert worden war, strahlte vor allem seine Frau. Endlich Innendienst. Ihr zuliebe verschanzte er sich hinter dem Schreibtisch. Waren die Resultate der Mordkommission deshalb so mittelmäßig?
Annamaria Wimmer kam gerade recht. Durch sie konnte er die Aufklärungsquote wieder hochschrauben. Er musste sie nur geschickt anleiten.

„Wie kommen Sie voran?“
„Verschiedene Anwohner am Sanderring sahen das Opfer regelmäßig um 6.30 Uhr zum Mainufer spazieren. Allein.“ Wieder zögerte die Beamtin, aber diesmal sprach sie ohne Aufforderung weiter. „Kurz davor pflegte Frau Schön denselben Weg zu nehmen.“
„Aha! Guter Riecher. Was treibt sie sonst?“
„Sie leitet ein Fitnessstudio und begleitet ihren Mann zu Turnieren.“ Wimmer blickte dem Kriminaloberrat direkt in die Augen. „Sie sagte heute alle Verabredungen ab, wirkte auf ihre Angestellten unruhig und gejagt.“
„Erklärten sie das wörtlich?“
„Das ist meine Zusammenfassung ihrer Aussagen.“
„Vergessen Sie das Umfeld des Opfers nicht“, warnte Pflaume. Er sah die Wimmer an. Sie sprühte vor Eifer. Die Frau hatte Zukunft! Aktiv, begeistert und motiviert, sie durfte sich nur nicht verrennen.
„Es gibt nur einen Onkel in Leipzig. Er ist informiert, allerdings kann er nicht viel beitragen, da das Opfer bereits vor zehn Jahren jeden Kontakt abgebrochen hatte.“
Ihre Worte klangen unwillig. „Kruschkes finanzielle Situation schien solide, keine besonderen Kontobewegungen, er lebte nach einem Arbeitsunfall von der Frührente. Die Nachbarn erzählen, er wäre immer höflich und korrekt gewesen, ohne sich häufig blicken zu lassen. Ich glaube, von dieser Seite können wir nicht viel erwarten.“
„Keine Freunde, Partnerin?“
Wimmer zuckte mit den Schultern. „Nein.“
Zu wenig Konkretes, so kamen sie nicht voran. Morgen würden die Zeitungen groß die Frage stellen, ob die Polizei für die Sicherheit der Würzburger Bürger sorgen könne. Keinen interessierten die Gefühle einer kleinen Beamtin. Pflaume seufzte. Er musste die Sache selbst in die Hand nehmen. Jetzt würde er der Anfängerin zeigen, wie man ein Verhör führte!
„Bringen Sie Frau Schön her!“

Die Zeugin betrat Pflaumes Büro. Zuerst fielen dem Kriminaloberrat die Beine auf. Schlanke Fesseln, braungebrannt unter einem weißen Rock mit türkisem Muster. Er musste sich zwingen, seinen Blick zu lösen. Das Gesicht der Frau überraschte ihn. Das Make-up überdeckte notdürftig die dunklen Augenringe. Dunkle Haare, zu einem strengen Zopf gebunden, betonten den blassen Teint.
Sie nahm sein Angebot, Platz zu nehmen, mit einem Kopfnicken an und setzte sich neben Annamaria Wimmer.
„Vielen Dank, dass Sie kommen konnten, Frau Schön“, begann Pflaume.
„Wozu brauchen Sie mich noch einmal? Ich habe meine Aussage bereits gemacht.“ Die Frau bedeckte ihre Knie mit einer schlichten Handtasche.
„Gestern ist Herr Ludwig Kruschke erschlagen worden. Sie kannten den Toten.“
Frau Schön öffnete den Mund und schnappte nach Luft, um sie sofort wieder auszustoßen. Sie sah von Annamaria Wimmer zu ihm und wieder zurück. Sie fasste sich schnell, fast zu schnell. „Nein. Ich kannte ihn nicht.“
Diese Frau hatte mehr zu sagen. Pflaume wartete. Die Schön fuhr fort: „Ich begegnete ihm. Hundertmal, tausendmal. Jeden Morgen, jeden Abend, manchmal auch dazwischen. Aber ich habe nie mit ihm gesprochen. Auch seinen Namen wusste ich nicht.“
„Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“, fragte Frau Wimmer.
„Ich beantwortete jede Ihrer Fragen korrekt.“
Wimmer fuhr mit den Fingern durch ihr kurzes, strubbeliges Haar, schien sich zur Ruhe zu zwingen.
‚Gutes Mädchen. Nicht in die Enge treiben lassen’, dachte Pflaume, stand auf und schritt um den Schreibtisch herum. Vor der Zeugin hockte er sich auf die Schreibtischkante.
„Ein Stalker?“
Frau Schön erwiderte seinen Blick, sie lächelte nicht. „Ich glaube, das ist der Fachbegriff.“
„Und an diesem Morgen reichte es Ihnen.“ Der Kriminaloberrat sprach so sanft, wie er konnte. „Er bedrängte Sie, Sie griffen zu ...zu einem Knüppel? Sie wollten endlich Ihre Ruhe haben, Sie schlugen zu, einmal, zweimal.“
Das Gesicht der Frau bekam einen unendlich traurigen Ausdruck. Gleich. Er hatte sie so weit. Annamaria Wimmer erntete einen positiven Eintrag in die Akte und er konnte den Fall in Rekordzeit abschließen.
„Als nächstes werden Sie behaupten, ich hätte ihn provoziert, mir nachzustellen. Wie bei einer Vergewaltigung.“ Frau Schön presste die Worte hervor. Unterdrückte Wut färbte ihr Gesicht rötlich. „Das Mainufer ist meine Oase, niemand hält mich davon ab, dort zu laufen, auch wenn es manche versuchen. Ich habe den Mann gefunden, nicht getötet.“ Sie stand abrupt auf.
Das war logisch, warum sollte sie die Polizei alarmieren, wenn sie den Mann getötet hatte? Andererseits wirkte der Stimmungswechsel gerissen. Vielleicht legte sie bewusst eine falsche Fährte.
Pflaume erhob sich nicht. Er lauerte. „Mit dieser Aussage haben Sie ein Motiv und Sie waren zur Tatzeit am Tatort.“
Frau Schön hielt ihre Handtasche mit beiden Händen und drückte sie vor den Bauch. Sie sah gehetzt aus. Eine Haarsträhne war ihr aus dem Zopf gerutscht.
„Er war überall, zu jeder Zeit. Ich konnte ihm nicht entgehen. Ständig Telefonanrufe, E-Mails, Briefe.“
„Ist Ihnen an diesem Morgen etwas besonderes aufgefallen, etwas, das wir nicht angesprochen haben, das uns vielleicht weiterhelfen könnte?“, sagte Pflaume.
„Haben Sie andere Läufer gesehen?“, mischte sich Frau Wimmer ein.
Das Parfüm der verdächtigen Zeugin verbreitete einen angenehmen Duft. Eine frische Brise in der schwülen Sommerluft. Die Arroganz war verflogen, die Frau erinnerte an eine Blüte, die von bösen Stürmen ein klein wenig zerzaust war und nun beschützt werden musste.
„Ich sehe mich nicht mehr um“, sagte sie. „Ich nehme keine Menschen wahr. Ich achte nur noch auf Bäume und auf den Fluss.“

Früher liebte Pflaume seinen Job für solche Begegnungen. Wenn er die Frau als Täterin überführen musste, hasste er ihn, das wusste er. Dann blieb ihm nur die Belobigung für den Ermittlungserfolg.
„Waren Sie bei der Polizei?“, fragte Wimmer.
„Solange nichts Konkretes geschieht, fühlt sich die Polizei für solche Fälle nicht zuständig, sagte man mir.“
„Wenn Sie ihn nicht getötet haben, wer könnte es dann gewesen sein?“
Ihre Augen flackerten und die Mundwinkel wurden hart, als ob sie etwas verheimlichte. „Das herauszubekommen, ist Ihre Aufgabe“, sagte sie. „Jetzt ist die Polizei zuständig.“
„Wir könnten Ihren Mann vorladen. Vielleicht wollte er Sie schützen? Wir können ihn mit dem Polizeiwagen vom Trainingsgelände abholen. Die Presse erfährt es sofort.“
Ein kurzer girrender Schrei entfuhr Frau Schöns Mund. „Die Worte des Stalkers.“ Sie öffnete ihre Handtasche mit einem Klick und reichte Pflaume ein Stück Papier. „Gestern erhielt ich diesen Brief per Post.“
‚Was auch immer geschieht, Dein Leben wird die Hölle sein ohne mich’, las Pflaume und gab den Zettel an seine Kollegin.
„Ist das seine Handschrift?“ fragte er die Schön.
„Ja.“
„Warum um Himmels willen, haben Sie uns das alles verschwiegen?“, schrie Pflaume.
Draußen ballten sich Gewitterwolken, Windböen wirbelten heiße Luft durch den Raum.
Frau Schön wandte sich zur Tür. „Ich will ein für alle Mal meine Ruhe haben. Vor diesem Mann und allem was damit zu tun hat. Leben Sie wohl.“
„Auf Wiedersehen“, nuschelte Pflaume und lockerte seinen Schlips. Er ließ sie gehen.

Das Gewitter hing direkt über dem Polizeipräsidium. Blitze wechselten im Sekundentakt, ein Donner ging in den nächsten über. Hagel prasselte auf die Metallverkleidungen an den Fensterrahmen. Zu laut, um sein eigenes Wort zu verstehen. Pflaume schloss das Fenster, obwohl er sich nichts sehnlicher wünschte als Abkühlung.
„Könnte der Ast neben dem Toten von einem Baum in der Nähe stammen?“, fragte er gedehnt.
„Die Spurensicherung schließt es nicht aus, obwohl der Fallwinkel einzigartig wäre“, antwortete die Beamtin.
„Schreiben Sie den Bericht. Wir gehen von Unfall aus.“
Kriminaloberrat Pflaume dachte an die Statistik. Wieder vermasselt. Seine Abteilung würde in der Gesamtbewertung der aufgeklärten Mordfälle mittelmäßig bleiben.

Letzte Aktualisierung: 22.07.2006 - 08.13 Uhr
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