Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Juli 2006
Anonym
von Anita Handlbaur

Sonja schaltete den Computer ein und wartete, dass sich der Messenger öffnete. Nervös lief sie im Wohnzimmer auf und ab. Brauchte der PC immer so lange? Ewigkeiten vergingen.

„Verdammter Mist! Cyberdream ist nicht online! Mensch, ich brauch dich!“


Schimpfend lief sie in die Küche und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. Anrufen konnte sie ihn nicht. Sie chatteten seit zwei Jahren und wussten alles voneinander, aber telefoniert hatten sie noch nie. „Ding!“, hörte sie aus dem Wohnzimmer. Sonja hastete zurück an den Monitor.

‚Endlich! Er ist da!'

Hektisch nahm sie die Maus in die Hand, klickte auf den Namen, der sich blau färbte, um das Chatfenster zu öffnen.

„Gott sei dank, Dream! Kuss!“, schrieb sie.

„Huhu Schätzchen! Kuss, Kuss! Na, Sehnsucht nach mir?“

„Im wahrsten Sinne! Ich brauch dich! Weißt du noch, der Kerl, der mir nachstellte, als wir uns kennen lernten?“

„Sicher! Du warst ziemlich verstört *gg* und ich hab dich aufgebaut!“

„Das ist nicht witzig! Es passiert wieder!“

„Was? Dein Ex ist da? Ich dachte, du bist von Traun nach Fügen gezogen? Hat er dich gefunden?“

„Ich weiß nicht, ob es Alex ist.“

„Beruhige dich, Süße. Erzähle, was los ist. Ich hole mir ein Bierchen.“ Sonja wartete nicht und schrieb ihren Frust wie wild in das Fenster. Es dauerte eine Weile, ehe Antwort kam.

„Ist er noch unten? Konntest du ihn erkennen?“

„Er hatte ein Kapuzenshirt an, sein Gesicht war verdeckt. Ich war voller Panik und bin heim gelaufen.“

„Kann es nicht ein Missverständnis gewesen sein? Vielleicht hatte er lediglich das gleiche Ziel.“

Sonja stand auf, ging zum Fenster, presste sich gegen die Wand und lugte vorsichtig hinaus. Ihr Herz schlug schneller, ehe es in die Hose rutschte. Sie duckte sich und kroch beinah zum Schreibtisch zurück.

„Er sitzt im Auto, direkt unter meinem Fenster. Verdammt, keine Ahnung wer es ist. Könnte jeder sein.“

„Was macht er?“

„Kann ich nicht sagen, ist nicht klar zu erkennen.“

„Hat er dich gesehen?“

„Glaub nicht. Ich bin fix und fertig. Was soll ich tun?“

„Ruhig Blut. Polizei?“

„Scherzkeks! Was soll ich denen sagen? Solange er kein Verbrechen begeht, kann er da unten stehen bis er verwest. *grml*“

Panik kroch in ihre Knochen. Der Alptraum zog in Bildern an ihr vorbei.

Alex hatte ihr die Hölle auf Erden bereitet und die Polizei sie abgewimmelt. „Sehen´s, wir sind machtlos. Er bedroht Sie nicht! Wenn Sie ihm keine Beachtung schenken, wird er von alleine aufhören“, hatte der Beamte gemeint und ließ sie mit ihrem Schicksal allein. Denen war es egal, wie bedroht sie sich fühlte. Kein Gesetz gegen Stalker, keine Strafe - daher keine Hilfe! Es war okay, wenn Alex mitten in der Nacht ins Telefon stöhnte und unschöne Szenen veranstaltete, überall auftauchte, wo sie den Fuß hin setzte. Solange er sie nicht tätlich angriff, war es in den Augen des Gesetzes vollkommen in Ordnung.

Bis Sonja es nicht mehr aushielt und alle Brücken abbrach. Sie zog nach Tirol.

Seit Monaten hatte sie nichts von Alex gehört.


Ein Rascheln an der Tür ließ sie hochschrecken. Auf Zehenspitzen schlich sie ans Fenster. Das Auto! Es war leer! Wieder ein Geräusch im Flur. Sonja rannte in den Vorraum. Ein Blatt Papier fiel durch den Briefschlitz. Sie spähte durch das Guckloch. Es war blind, da sich eine Hand darüber befand. Ihre Gefühle fuhren Ringelspiel, Schweißperlen standen auf der Stirn und eine Gänsehaut zog sich über Arme und Beine. Sie sank auf den Boden und wimmerte. Durch den Tränenschleier schwammen fette, rote Buchstaben:


Ich bin da: für dich!

Zu jeder Zeit

An jedem Ort!

Ich liebe dich

Immer noch!


Sonja fischte nach dem Blatt und ging zurück an den Computer. Dream, er würde sich bereits Sorgen machen.

„Es ist Alex!“ schrieb sie.

„Woher weißt du das? Konntest du ihn sehen?“

Nachdem sie ihrem Internetfreund alles erzählt hatte, leuchteten plötzlich in giftigem Grün Zahlen auf. Sonja staunte.

„Ruf mich an!“ Cyberdream hatte ihr tatsächlich seine Telefonnummer gegeben. Ihr Herz machte einen Sprung.

„Danke! Du bist ein Schatz!“

„Wenn ich nicht online bin und du mich brauchst! Vergiss nicht, die Null wegzulassen nach der Vorwahl.“

„Wart mal, ich probier es kurz.“ Sonja tippte mit zitternden Fingern die Nummer in das Handy. Endlich würde sie seine Stimme hören. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als das Freizeichen ertönte. Dann eine tiefe, rauchige Stimme am anderen Ende: „Sunshine?“

Sie schwieg kurz ehe sie ein „Jap, ich bin´s“ hauchte.

„Okay, dann ist alles gut, speichere sie ab für den Notfall. Ich leg jetzt auf. Wir lesen uns im Chat.“


Sie redeten die ganze Nacht. Dream versuchte, Sonja auf andere Gedanken zu bringen. Sie trafen sich auf einer Internetseite, die Spiele anbot, und spielten unendliche Runden. Nebenher lief der Messenger heiß.

Sonja war leicht benebelt von der Flasche Spätlese, die sie trank und dem Glücksgefühl mit ihrer Liebe die Nacht durchzuzechen. Genial dieses Medium Internet. So anonym und doch so vertraut. Wozu braucht man das Leben außerhalb der vier Wände?

Sonja entspannte sich und hatte Alex beinah vergessen.


Plötzlich klingelte das Telefon. `Um die Zeit? Wer kann das sein`, fragte sie sich, es wurde keine Nummer angezeigt. Sie hob ab.

„Ja?“

Ein Stöhnen auf der anderen Seite, dann Stille. Sonja ließ das Handy fallen. Wer konnte das gewesen sein? Sie stand nicht im Telefonbuch und seit Tirol hatte sie eine neue Nummer, die Alex nicht wissen konnte.

In der Nacht lag sie wach, wälzte sich von einer Seite auf die andere. Ständig hörte sie Alex, wie er ihr ins Ohr stöhnte.


Der Wecker rasselte. Kalte Dusche - Kaffee und eine Zigarette im Stehen, dann ab ins Geschäft. Beim Verlassen der Wohnung stolperte sie über eine Schachtel „Mon Chérie“ und eine weiße Orchidee - ihre Lieblingsblume. Sie warf beides in den Müll. Ein Zettel flatterte zu Boden:


„Ich vermisse Dich!

Bin da, ganz nah!

Du bist mein

Für immer!


Sie knüllte den Brief zusammen und warf ihn den Pralinen hinterher.

Selbst während der Arbeit fühlte sie sich beobachtet. Sie bediente die Kunden an der Kasse. Durch die Fensterfront konnte sie ihn sehen. Alex saß im Auto, direkt gegenüber. Er lächelte und winkte ihr fröhlich zu.


In der Mittagspause las sie die Tageszeitung. Eine einzelne Schlagzeile sprang ihr ins Auge:

„Gesetz gegen Stalker tritt morgen in Kraft!“

Freudig griff sie zum Telefon, wollte es Dream erzählen.

„Süße ich bin unterwegs zu dir!“

„Was?“

„Ich dachte, du könntest seelische Unterstützung brauchen. Bin mit dem Nachtzug nach Österreich gefahren. Wenn du mir erklärst wie ich vom Bahnhof Fügen zu dir komme …“

Sonja schluckte. Klar sie liebte Dream und wollte ihn kennen lernen, doch so unvorbereitet? Sie schlug die Bedenken in den Wind und ließ ihr Herz reden. Sie verabredeten sich für zwanzig Uhr bei ihr zu Hause.

Noch genug Zeit, das Make-up und die Wohnung in Ordnung zu bringen. War hier wirklich der richtige Ort sich zu treffen?

„Blödsinn!“, sprach ihr Herz, welches wie wild vor Freude sprang. „Immerhin kennen wir uns seit zwei Jahren, es ist, als wüsste ich alles von ihm. Wir haben uns doch jeden Tag geschrieben, uns alles erzählt …


Beim Betreten der Wohnung schluckte Sonja schwer. Ein Meer aus Papier in Postkartenformat verzierte den Vorzimmerboden. Auf jedem Zettel stand ein Satz in fettem Rot:


„Ich liebe Dich!“

„Bin bei dir!“

„Du wirst mich lieben!

„Für immer mein!“



Es läutete auf die Sekunde genau. Sonja öffnete die Tür, ohne durch das Guckloch zu sehen. Fataler Fehler! Der Schreck saß in ihren Knochen, wie gelähmt stand sie da und starrte ihn an. „Alex!“

„Hei Süße!“

„Lass mich in Ruhe! Verschwinde! Mein Freund muss gleich hier sein!“

Schallendes Gelächter seinerseits. Alex machte einen Schritt auf Sonja zu und flüsterte in ihr Ohr: „Cyberdream!“

Sonja zitterte. Mit glasigen Augen sah sie ihren Ex an, wollte etwas sagen, brachte kein Wort über ihre Lippen.

„Das Internet ist anonym und doch so vertraut!“ Er kicherte. „Tolles Medium, führte mich direkt in deine Arme. Das Beste daran: du selbst hast mir all deine geheimen Gedanken und die neue Adresse verraten, mich angerufen und deine Nummer mitgeschickt.“

„Deine Stimme?“

„Hast sie nicht erkannt? Blind und taub vor Liebe?“ Alex wirkte fröhlich. Er umarmte Sonja und hauchte: „Nun bist du mein! Für immer!“

„Das Bild? Das warst nicht …“

„Auf einer Homepage gefunden und kopiert. Süßer Knabe, was?“ Seine Augen funkelten böse auf. Eifersucht war der Grund für die Trennung, damals.


Sonja fühlte sich ausgeliefert. Alex stand dicht vor ihr, neigte den Kopf und näherte sich ihrem Hals, sein Atem kitzelte auf ihrer Haut. Ihr graute, denn seine Hand lag auf ihrem Po und bewegte sich Richtung Bauch und abwärts. Sonja wurde schlecht. Plötzlich sah sie die Schlagzeile, vor ihrem geistigen Auge „Gesetz gegen Stalker“.

Sie hielt die Luft an und sammelte alle Kraft, fasste Alex an den Schultern, zog ihr Knie an und stieß es ihm in die Eingeweide. Er taumelte und schrie.

Sonja nutzte den Augenblick seiner Schwäche und beförderte ihn zur Tür hinaus. Schnell sperrte sie ab und lehnte sich erschöpft dagegen.

Sie wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. ‚Nun müssen sie mir helfen', murmelte sie und griff nach dem Handy.



© Anita Handlbaur im Juli 2006

Kontakt: anita.handlbaur@gmx.at

Letzte Aktualisierung: 27.07.2006 - 17.06 Uhr
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