Ganz schön bissig ...
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Juli 2006
Heimliche Verehrer
von Julia Breitenöder

Sonntag
Als ich im Joggingdress die Tür öffnete, stolperte ich über einen riesigen Blumenstrauß. Ungläubig musterte ich das duftende Meer aus Rosen. Wunderschön! Eine Karte lag nicht dabei. Ein heimlicher Verehrer? Ich ging zurück in die Wohnung und stellte den Strauß in meine schönste Vase.
Beim Laufen zerbrach ich mir den Kopf, von wem die Blumen sein könnten. Beim besten Willen fiel mir niemand ein. Wahrscheinlich hatte sich jemand in der Tür geirrt. Egal. Schön waren die Rosen auf jeden Fall, sie machten sich perfekt auf dem Wohnzimmertisch.

Montag
Mein Kollege Stefan hatte sich wieder einmal mit Migräne krank gemeldet, das bedeutete doppelte Arbeit für mich. Das Telefon stand keine Minute still. Ich wollte nur noch in mein Bett.

Beim Heimkommen erwartete mich die Hausmeisterin mit dem neusten Tratsch aus der Nachbarschaft. Ich ließ den Vortrag über mich ergehen. Herr Langer, der neue Nachbar, wäre ein Traummann. Ob der nicht vielleicht etwas für mich sei? Immer so allein, das wäre doch nichts … Frau Müller sei schon wieder schwanger, mehrere Mieter beschwerten sich über nächtliches Katzengeschrei, und bei Schulzes … Der Rest rauschte an mir vorbei. Schließlich endete die Litanei, ich flüchtete in die wohltuende Stille meiner Wohnung.

Der Anrufbeantworter blinkte. „Sie haben neunundzwanzig neue Nachrichten!“ So viele! Erwartungsvoll drückte ich den Abspielknopf. Neunundzwanzig Mal leises Rauschen, Atmen, ein leises Summen. Sonst nichts. Da hatte sich wohl jemand einen schlechten Scherz erlaubt. Der krönende Abschluss für diesen nervigen Tag!

Dienstag
Ich hatte verschlafen und war schlecht gelaunt. Nach einem schnellen Kaffee stürmte ich aus dem Haus. Hinter dem Scheibenwischer klemmte ein Briefumschlag, ich stopfte ihn in meine Tasche. Ein schwarzer Kater strich mir schnurrend um die Beine. Ich schob ihn energisch zur Seite und sprang ins Auto.

Im Büro erinnerte ich mich wieder an den Umschlag – und an den Kater. Wie oft hatte ich von meiner Oma gehört, dass Begegnungen mit schwarzen Katzen Unheil ankündigen. Ich war nicht abergläubisch, doch meine Überzeugung geriet ins Wanken, als ich fassungslos auf den Brief starrte.

Liebste Daniela!
Du bist meine Rose, Du bist mein Stern.
Du bist mein Leben, noch bist Du fern.
Doch nicht lang und wir werden zusammen alt,
und bist Du nicht willig, dann brauch ich …

Ich schüttelte mich. Stefan war immer noch krank, ich konnte niemandem mein Leid klagen. War das ernst gemeint? Ob ich lieber die Polizei anrufen sollte? Das Klingeln des Telefons unterbrach meine Überlegungen.

An diesem Abend freute ich mich zum ersten Mal darüber, nur Rechnungen in meinem Briefkasten zu finden. Doch das Gefühl der Erleichterung verflog, sobald ich die Wohnung betrat. Siebenundvierzig neue Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Ich wollte sie nicht hören. Die Schlafzimmertür stand offen. Ich war mir sicher, sie am Morgen geschlossen zu haben. Ein Gefühl wie der siebte Zwerg bei Schneewittchen. Wer hat in meinem Bettchen geschlafen? Die Decke hing vom Bett, im Kopfkissen eine Kuhle. Nun rief ich die Polizei.
Der Streifenwagen vor unserem Haus war eine Attraktion und sorgte noch lange für Gesprächsstoff. Leider konnten Kommissar Deubel und seine Kollegin Wintergerst mir nicht weiterhelfen. Es wäre ja nichts passiert. Die Blumen, der Brief, die Anrufe – solange es keinen konkreten Verdächtigen gäbe, könnten sie in diesem Stadium nichts unternehmen. Und mein so genannter Einbruch – der Kommissar warf seiner Kollegin einen Blick zu, der deutlich sagte, was er von hysterischen, allein lebenden Frauen hielt – nun, es gäbe keinerlei Hinweise für ein gewaltsames Eindringen in die Wohnung. Die Tür war verschlossen gewesen, die Fenster in Kippstellung fest eingehakt. Zwar stand vor dem Küchenfenster ein großer Baum, doch auch an diesem Fenster gab es kein Zeichen für einen Öffnungsversuch von außen. Sollte es zu weiteren Vorfällen kommen, dürfe ich mich selbstverständlich gerne wieder melden.

Mittwoch
Nachts hatte in regelmäßigen Abständen das Telefon geklingelt. Immer das gleiche Spiel, Stille am anderen Ende, langsame Atemzüge, dann wurde die Verbindung unterbrochen. Um zwei zog ich entnervt den Stecker aus der Buchse.

Auf dem Weg zur Arbeit hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Mein Nacken kribbelte, mit feuchten Händen umklammerte ich das Lenkrad. Immer wieder schaute ich in den Rückspiegel. Einen Verfolger konnte ich im allmorgendlichen Berufsverkehrschaos nicht erkennen. Trotzdem war ich nass geschwitzt, als ich das Büro erreichte.
Stefan saß schon an seinem Platz. Ein Lichtblick! Die ganze Geschichte sprudelte aus mir heraus. Mein Lieblingskollege war wie erhofft ein einfühlsamer Zuhörer. Nur als ich zu dem Einbruch kam, schlich sich ein zweifelnder Ausdruck auf sein Gesicht. Er tröstete mich, es sei sicher ein harmloser Spinner, der von selber den Spaß an der Sache verlieren würde. Alles, was er sagte, hörte sich vernünftig an. Langsam beruhigte ich mich.

Mit der Ruhe war es vorbei, als ich den Briefkasten öffnete. Er war randvoll mit Blütenblättern und kleinen Herzen. Dazu ein neues Gedicht.

Mein Stern,
ich sehe Dich bei Tag und Nacht,
gebe immer auf Dich Acht.
Bin nie fern, bin immer nah,
Du siehst mich nicht, doch ich bin da.

In der Wohnung zog ich alle Vorhänge zu. Achtzehn Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Ich löschte sie ungehört. Lag angezogen auf dem Bett und lauschte in die Dunkelheit. Irgendwo da draußen war er.

Donnerstag
Nach einer schlaflosen Nacht konnte nur eine kalte Dusche meine Lebensgeister wecken. Das Wasser lief mir übers Gesicht, als ich ein Geräusch hörte. Durch den Duschvorhang konnte ich einen Schatten neben dem Waschbecken erkennen. Er bewegte sich! Ich schrie und riss den Vorhang zur Seite. Das Badezimmer war leer. Ein Krachen aus dem Wohnzimmer. Ich sprang aus der Dusche, rannte tropfnass über den Flur. Die Blumenvase war umgefallen, die Rosen lagen kreuz und quer auf dem Boden. Niemand war zu sehen. Ich suchte überall, in jedem Zimmer, hinter den Vorhängen, unter dem Bett, im Schrank – ich war allein.

Ich konnte förmlich sehen, wie Kommissar Deubel am anderen Ende der Telefonleitung die Augen verdrehte. Wenn die Wohnungstür und die Balkontür geschlossen und die Fenster nur gekippt wären, hielte er es für unmöglich, im zweiten Stock in eine Wohnung einzubrechen, ohne dabei deutliche Spuren zu hinterlassen. Die Türen waren doch geschlossen, oder? Ja, und die Sicherungskette lag auch noch vor der Wohnungstür. Aber wer hatte dann die Vase umgeworfen? Und der Schatten am Waschbecken … Kommissar Deubel versprach, bei den regulären Streifenfahrten ein Auge auf unser Haus zu haben und überließ mich meinen Spekulationen.
Ich fühlte mich krank. Stefan war besorgt, als ich anrief um zu sagen, dass ich nicht kommen würde. Ob ich für ein paar Tage bei ihm wohnen wolle? Ich war gerührt. Wir verstanden uns bei der Arbeit bestens, doch darüber hinaus lebte jeder sein Leben. Dabei wollte ich es auch belassen. Stefan nahm es mir nicht übel. Er war einfach der Beste!

Den Tag verbrachte ich im Freibad. Untergetaucht in der Menge der Sonnenanbeter, löste sich meine Anspannung langsam. Vielleicht hatte ich mir den Schatten wirklich eingebildet und der Wind hatte die Vase umgeworfen? Ein paar Tage Urlaub würden mir wahrscheinlich gut tun.
Abends war der Briefkasten leer, ebenso der Anrufbeantworter – kein Wunder, das Telefon war ausgesteckt. Ich ließ es so, gönnte mir ein Glas Wein und schlief erschöpft ein.

Freitag
Eine ruhige Nacht. Ich fühlte mich wie neu geboren. Als ich das Telefon einsteckte, blieb es ruhig. Na bitte, es ging doch!
Gegen Mittag klopfte es an meiner Tür. Herr Langer, der neue Nachbar. Er habe einen Mann beobachtet, der mein Auto mit Blumen schmückte. Zufällig fuhr gerade ein Streifenwagen vorbei, den er anhielt. Die Polizisten hatten den Mann mitgenommen. Ich rief sofort Kommissar Deubel an. Ja, der Mann habe gestanden, mir Blumen und Briefe hinterlassen und mehrfach angerufen zu haben. Die Einbrüche stritt er ab. Sie würden ihn über Nacht dabehalten, doch am nächsten Tag müssten sie ihn mit einer Verwarnung gehen lassen. Ob ich einen Stefan Hausmann kennen würde? Mein Kollege Stefan! Ich war fassungslos.

Rastlos lief ich den ganzen Nachmittag durch die Stadt. Ich hätte froh sein müssen, dass der Spuk vorüber war. Aber ich konnte einfach nicht verstehen, was mit Stefan los war. Hatte ich ihn unbewusst ermutigt, ihm Hoffnungen gemacht? Wir waren doch nur gute Kollegen!

Beim Heimkommen stand die Schlafzimmertür offen. Das Bett zerwühlt, eine Kuhle im Kopfkissen. Die Polizei reagierte gelassen. Herr Hausmann sei nach wie vor in Gewahrsam, es würde jemand vorbeikommen und sich die Sache ansehen. Zwei uniformierte Beamte nahmen lustlos die Wohnung in Augenschein. Ob ich sicher sei, das Bett am Morgen gemacht zu haben? Und die Tür? Machte ich sie immer zu? Ich war mir sicher. Die Polizisten blieben skeptisch. Sie versprachen, einen Bericht für die Akte aufzusetzen. Kein großer Trost …
An diesem Abend konnte ich lange nicht einschlafen.

Samstag
Ich musste doch eingenickt sein, das Quietschen der Schlafzimmertür weckte mich. Der Wecker zeigte halb fünf. Ein leises Tapsen. Ich lag stocksteif im Bett, die Augen fest zugekniffen. Ein Plumps am Fußende. Meine Kehle war wie zugeschnürt, ich konnte mich nicht bewegen. Sanfte Berührungen an meinen Beinen, meinem Rücken, meinem Hals, im Gesicht. Haare! Ein seltsames Geräusch. Klang fast wie … Schnurren? Vorsichtig öffnete ich die Augen. Mit einem leisen Maunzen ließ sich ein schwarzer Kater auf meinem Kopfkissen nieder und blinzelte mich zufrieden an.

Letzte Aktualisierung: 21.07.2006 - 06.51 Uhr
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