Mainhattan Moments
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August 2006
Ewige Stille
von Sabine Poethke

Dicke Wolken schoben sich zusammen, schwarz und drohend. Der Wind brauste auf und erste Blitze zuckten wie wilde Tänzer über den gewitterschwangeren Himmel.
Sarina hielt die Zeitung fest, überlegte, ob es lohnte, draußen sitzen zu bleiben. Die Tropfen schlugen lautlos auf den Asphalt vor dem Haus.
Schneller und schneller.
Der Wind peitschte den Regen bis zu Sarina, bevor sie sich erhoben hatte und in ihr Wohnzimmer geflüchtet war. Sie schloss die Balkontür, erahnte das Donnergrollen.
Noch drei Tage, fiel ihr ein, dann war es endlich soweit. Nur noch drei Tage warten.
Ihr Herz machte kleine Hüpfer, wenn sie daran dachte. Hoffentlich würde es dann nicht regnen! Das Konzert sollte im Freien, im Schlosspark, stattfinden.
Ganz nah würde sie sein … an der Musik!
Sie ging zur Stereoanlage und legte eine CD ein. Eine, deren Klänge sie fühlte. Laut, über den Fußboden kriechend, sich hochpeitschend. Unaufhaltsam auf sie zu.
Wumm, wumm, wumm.
Die Bässe dröhnten. Die tiefen Töne hämmerten in ihrer Brust.
Wumm, wumm, wumm.
Blieben in ihr hängen und schlugen in wildem Rhythmus. In Sarinas Körper tobte der Sturm wie draußen vor der Tür.
Den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen geschlossen, begann sie sich dem Takt der Musik anzupassen.
Hin und her.
Die Musik schwoll an, versetzte sie in einen Rausch und sie träumte, selbst auf der Bühne zu stehen. Am Schlagzeug.
Sie hatte einen Kurs belegt. Die Stöcke zu halten, mit ihnen zu schlagen, zu spüren, wie die Töne durch sie hindurch wanderten. Unglaublich!
Während draußen der Himmel brannte, glühte in ihr die Liebe zu den Bässen, zu lauter Musik. Dem Tor, durch das sie der tonlosen Welt, dieser Leere in ihr und um sie herum, entfliehen konnte.
Stille.
Kein Beben mehr.
Sarina öffnete die Augen. Ihr Blick glitt zur Anlage. Wie die Zeit verflog im Rausch der Musik! Sie drückte die Play-Taste erneut.
Wumm, wumm, wumm.
Die Schreie der Nachbarn, ihr empörtes Klopfen, hörte sie nicht.
Die Musik und Sarina bildeten eine Einheit. Unerschütterlich.

Schon wieder eine Kündigungsdrohung. Beschwerden der Nachbarn über den Lärm aus ihrer Wohnung häuften sich.
Sarina würgte, drohte an dem Kloß im Hals zu ersticken, spürte Tränen aufsteigen. Spiegel des Schmerzes ihrer jungen Seele und der Wehmut ihrer Gedanken.
In ihren Augen glänzte die Frage: Warum kann ich nicht den Krach der Nachbarn hören?
Ein Donnergrollen, wie der Regen auf den Boden klatscht, Vogelgezwitscher, Kinderlachen?
Doch das konnte sie nicht, würde sie niemals können!
Mit fahrigen Händen zerteilte sie den Brief des Vermieters in unzählige kleine Schnipsel, ging zum Radio und drehte den Lautstärkeregler voll auf.
Kopfhörer empfahl er ihr. Leise sollte sie ihre Musik hören!
Wumm, wumm, wumm.
Unter Sarinas Füßen vibrierten die Dielen. In Wellen robbte die Musik durch die Wohnung, drang in jeden Winkel. Bis in ihr Gehirn. Das Brummen der Bässe wandelte sich dort zu herrlicher Musik, ihrer eigenen Musik. Verursachte ein Kribbeln in ihrem Bauch.
Die Sorgen über die Beschwerden schwanden. Versanken im Schwung der Gitarrenklänge und Drums, wurden von ihnen übertönt.

Endlich! Heute Abend! Das Ereignis, auf das Sarina seit Wochen voller Ungeduld wartete. Das sie herbeigesehnt hatte wie einen Geliebten.
Seit sie denken konnte, gehörte Musik zu ihr wie der rechte Schuh zum linken.
Sarina hoffte, einen Platz direkt bei den Boxen zu ergattern. Sie würde zeitig losgehen müssen.
Ein letzter Blick in den Spiegel, die Karte eingesteckt und eilig machte sie sich auf den Weg.
Noch zwanzig Minuten trennten sie … Ihre erste, ihre einzige Liebe und Sarina!
Die Sonne strahlte, nicht eine Wolke schwebte am Himmel.
Sie entdeckte die kleine Gruppe Mädchen. Winkend lief sie auf ihre Freundinnen zu. Formte schon aus der Ferne die Lippen und Hände zum Gruß. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.
Ungeduldig beschleunigte sie ihre Schritte. Schnell über die Straße, noch wenige Meter.
Je näher sie an ihr Ziel kam, umso intensiver spürte sie die Vibrationen der Erde. Sie sah sich schon neben den Boxen tanzen.
Das Einstimmen der Band lief durch den Boden, vermischte sich plötzlich mit eigenartigen Wellen.
Die Freundinnen schwenkten die Arme, gestikulierten wild. Das Entsetzen in ihren Gesichtern passte nicht zur Vorfreude.
Irritiert drehte Sarina den Kopf.
Der Lastwagen füllte übermächtig die Straße, raste unaufhaltsam auf sie zu. Der Geruch verbrannter Reifen stieg in ihre Nase.
Mit aufgerissenen Augen starrte sie in das erschrockene Gesicht, sah den stummen Schrei des Fahrers.
Die Musik blieb Sarinas einzige Liebe …

Nach einer Schweigeminute zu Beginn des Konzertes kündigte die Band an, Sarina M. zu Ehren einen Song schreiben zu wollen.




© Sabine Poethke 2006

Letzte Aktualisierung: 26.08.2006 - 11.47 Uhr
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