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August 2006
Die Blockflöte
von Luzia Fischer


Lena hatte einen Vogel.
Er hieß Flori, war zitronengelb und überaus musikalisch. Das Wohlergehen ihres kleinen Lieblings lag ihr sehr am Herzen. Seinen Käfig hatte sie mit Leitern, Stangen und einen Badehäuschen ausgestattet. Es gab einen Spielkameraden aus Plastik, dem er hin und wieder einen Schubs verpasste und einen runden Spiegel, in dem er sich bewundern konnte.
Das Glöckchen mochte Flori am liebsten.
Mittlerweile hing es an einer Paketschnur, weil die Plastikaufhängung zerbrochen war. Wenn er es mit seinem Schnabel anstieß, bimmelte es hell und der Kanarienvogel piepste erfreut. Daher wusste Lena, dass ihr Vogel musikalisch war. Nur singen wollte er nicht.

Sie träumte davon, gemeinsam zu musizieren. Lena wollte ihm eine Melodie vorspielen und Flori sollte dazu
ein Liedchen trällern.
Zu ihrem siebten Geburtstag wünschte sie sich eine Blockflöte. Andere Mütter hätten einen Luftsprung gemacht und sich ausgemalt, wie ihr Sprössling vor dem Weihnachtsbaum besinnliche Lieder flöten würde. Ihre Mutter hingegen versuchte es Lena auszureden.
„Was hältst du von einer Triangel? Ist doch ein tolles Instrument und ganz einfach zu spielen!“
Lena verschränkte die Arme und schob ihre Unterlippe weit vor.
„Die musste ich im Kindergarten schon spielen“, beklagte sie sich.
„Im Musikunterricht in der Schule ist es das Gleiche. Immer bekomme ich die Triangel. Dabei würde ich so gern auf dem Xylophon spielen. Beim Vorsingen hat die Lehrerin mich gebeten, aufzuhören. Ihr Kopf war ganz rot.“
Ihre Mutter wollte sie trösten, wusste aber nicht wie. Lena liebte Musik über alles und wollte den ganzen Tag singen. Nur ähnelte ihr Gesang den Tönen einer alten rostigen Gießkanne, durch die der Wind heulte.
Opa Reiner war der Einzige, der ihr gerne zuhörte. Er behauptete sogar, dass sie eine einzigartige Singstimme hätte. Als Kind wollte er auch ein Instrument lernen, aber seine Eltern zeigten an seinem musikalischen Talent keinerlei Interesse.
An ihrem Geburtstag war Lena ganz aufgeregt. Sie konnte es kaum erwarten, die hübsch verpackten Pakete zu öffnen. Als sie die Schachtel von Opa Reiner aufriss, stieß sie einen Freudenschrei aus.
Danach musizierten Lena und ihr Opa abwechselnd auf der nagelneuen Flöte. Es wurde ein unstimmiger Nachmittag, die Gäste verabschiedeten sich bald und verließen hastig die Wohnung.
Lena übte fleißig. Sobald sie aus der Schule kam, griff sie die Blockflöte und schmetterte los. Mutter verschanzte sich in der Küche, drehte den CD-Player auf volle Lautstärke und hörte „Highway to hell.“
Der Kanarienvogel flatterte kreischend in eine Ecke des Käfigs, sobald das Kind mit dem Flötenspiel begann.

Nach einigen Tagen betrachtete die Mutter den gelben Vogel besorgt. Teilnahmslos hockte er auf seiner Stange, fraß kaum, gab keinen Pieps von sich und verlor unentwegt Federn.
„Ich verstehe das nicht“, beschwerte sich Lena. „Er will und will nicht singen. Dabei übe ich doch so oft mit ihm. Vielleicht ist er schwerhörig und ich sollte lauter spielen?“
Allein die Vorstellung ließ die Mutter erschaudern und sie hoffte auf das Mitgefühl ihrer Tochter.
„Schau, es ist ein so kleiner Vogel. Du solltest ihm mehr Ruhe gönnen. Übe jeden Tag nur ein bisschen mit ihm. Mit der Zeit wird er es lernen. Nur Geduld.“
Für eine Siebenjährige war Geduld eine schwierige Sache. Deshalb übte Lena heimlich mit Flori. Sobald die Mutter die Wohnung verlassen hatte, holte sie ihre Flöte hervor und versuchte erneut, dem Vogel ein Lied beizubringen
Eines Morgens baumelte der zitronengelbe Kanarienvogel leblos in seinem Käfig. Die Paketschnur war eng um seinen Hals geschlungen und das helle Glöckchen bimmelte noch kurz, wurde leiser und leiser, bis es endgültig schwieg.
Lena trauerte lange um ihren gefiederten Freund. Er erhielt ein feierliches Begräbnis auf dem Balkon, unter dem blühenden Hibiskus. Zum Abschied flötete sie herzzerreißend auf ihrem Instrument, bis der erste Nachbar „Ruhe! Verdammt noch mal!“ wetterte.
Von da ab legte sie die Blockflöte beiseite und spielte keinen Ton mehr, nicht mal zu Weihnachten vor dem geschmückten Baum. Es wurde ein sehr besinnliches Fest.
Die Flöte ging an Opa Reiner zurück, der seine versäumte Kindheit nachholen wollte und seitdem ständig übte. Er musste daraufhin das Altersheim wechseln, aber für seine Liebe zur Musik war ihm kein Opfer zu viel.
Lena wuchs heran und wurde ein hübsches Mädchen. Sie hat jetzt einen Freund, der sogar in einer Band spielt. Zu ihrem sechzehnten Geburtstag wünscht sie sich eine Gitarre.
Die Aussichten, dass sie endlich mitspielen darf, stehen nicht schlecht, denn ihr Freund ist Frontmann in einer Punk-Band. Sie trägt den treffenden Namen „Dead Canary“.


P.S. Bei meiner Tochter Anja-Marlis entschuldige ich mich hiermit in aller Form, weil sie Blockflöte spielen musste.




Letzte Aktualisierung: 24.08.2006 - 14.45 Uhr
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