Ganz schön bissig ...
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August 2006
Marche funèbre
von Melanie Conzelmann

7. Oktober 1849:
Frédéric Chopin wusste, er würde bald erlöst werden. Er spürte die Agonie in jeder Faser seines Körpers. Mehr noch in seinem Herzen. Dennoch hatte er keine Angst davor. Er freute sich, dass ihm die Möglichkeit gegeben wurde, bewusst zu sterben.
Seine Schwester Ludwika kümmerte sich abwechselnd mit Solange und anderen Freunden um ihn. Als er ihr von seinen Empfindungen erzählte, traten Tränen in ihre Augen. Schweigend legte sie ihre Hand auf seine Wange und versuchte zu lächeln.

12. Oktober 1849:
Atmen – Frédéric konnte nicht atmen. Obwohl er ruhig dalag, bereitete es ihm große Mühe, Luft in seine Lungenflügel zu pressen. Kalter Schweiß bedeckte ihn von Kopf bis Fuß und sein ganzer Körper schmerzte qualvoll. Sollte dies das Ende sein? Dr. Cruveilhier befürchtete es und ließ den Priester holen.

„Der Pater ist eingetroffen, Frédéric.“ Solange sprach leise, passte sich unbewusst seiner schwachen Stimme an.
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Du willst ihn nicht empfangen? Aber Frédéric! Es ist Pater Jelowicki, dein Freund!“ Frédéric winkte in Richtung der Tür und nickte. Solange bat den Pater herein.
Jelowicki trat an sein Bett und Frédéric ergriff seine Hand.
„Mein Sohn …“, begann der Pater, aber Frédéric unterbrach ihn:
„Sprecht … nicht“, sagte er und schloss die Augen. Er wollte nichts hören. Nichts, bis auf die Musik in seinem Innern.
Verwirrt sah Jelowicki Solange an.

Schließlich hatte Frédéric dem Drängen seiner Schwester und der Freunde nachgegeben und unter großer Anstrengung gebeichtet, um das Abendmahl und die Krankensalbung zu empfangen.
Jelowicki trug ein wenig Öl auf die Lider Chopins auf und sprach:
„Durch diese heilige Salbung und seine mildreichste Barmherzigkeit lasse dir der Herr nach, was du durch das Sehen gesündigt hast. Amen.“ Dasselbe wiederholte er mit Ohren, Nase, Mund, Händen und Füßen, wobei er jedes Mal die passenden Worte sprach.
Als der Pater seine Hände salbte, fühlte Frédéric einen Stich im Herzen.
„… was du durch das Berühren gesündigt hast. Amen.“
Es erinnerte ihn schmerzlich daran, dass er schon monatelang nicht mehr arbeiten konnte. Viel zu lange hatten seine Finger nicht mehr die weißen und schwarzen Tasten des Klaviers berührt, oder die Schreibfeder in der Hand gehalten, um seine Kompositionen aufzuzeichnen.
An die geschwollenen Füße wollte er gar nicht denken. Durch das Gehen konnte er schon lange nicht mehr sündigen.

15. Oktober 1849:
Delfina sang wie ein Engel. Sie begleitete sich selbst auf dem Klavier. Man hatte es bis an die Schlafzimmertür geschoben, damit er sie von seinem Bett aus sehen konnte. Frédéric schloss die Augen und verlor sich ganz in der schönen Musik, träumte von vergangenen Zeiten, als er unterrichtete, Konzerte gab und viel komponierte. Nichts in seinem Leben hatte ihm so viel Freude bereitet, wie die Musik.
Als Delfina geendet hatte, fühlte sich Frédéric beschwingt. Er wollte den Frohsinn weiter genießen und verlangte nach mehr Musik. Zwei seiner engsten Freunde begannen mit einer Sonate aus seiner Feder. Lächelnd entspannte sich Frédéric in seinen Kissen, schloss erneute die Augen und sah im Geist Note für Note vor sich.
Plötzlich krampfte sich seine Brust zusammen und er wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Rote Flecken erschienen auf dem Taschentuch, das er sich vor den Mund hielt. Zwischen den einzelnen Hustenattacken war es ihm kaum möglich zu atmen. Erschöpft sank er in eine Ohnmacht.

***

Frédéric sitzt unter dem Klavier, auf dem seine Mutter spielt. Er ist vier Jahre alt und hört konzentriert zu. Die Töne, die Mutter dem großen Instrument entlockt, sind sehr schön.
Oft setzt er sich neben sie und beobachtet, wie ihre Finger über die Tasten fliegen. Er wünscht sich so sehr, das zu können! Bestimmt beginnt Mutter bald mit seinem Unterricht.
Hin und wieder darf er ein wenig herumklimpern. Wenn er einmal angefangen hat, muss ihn Mutter von dem Instrument wegzerren, denn von alleine hört er nicht mehr auf zu spielen.

Sein erster Klavierlehrer ist ein lustiger Mann. Als der Berufsmusiker das erste Mal zu ihm kommt, ist Frederic acht Jahre alt. Er riecht das Aroma des Tabaks, den er ständig kaut. Frédéric kann den Unterrichtstag nie erwarten. So begierig ist er darauf, dem Lehrer vorzuspielen, was er sich ausgedacht hat. Oft spielt er mit Ludwika vierhändig. Meist lobt der kauzige Musiker ihn für seine Kompositionen, manchmal schlägt er auch Verbesserungen vor.

Seine erste gedruckte Polonaise - mit sieben Jahren hält Frédéric sie in den Händen. Er kann nicht begreifen, auf was seine Eltern so stolz sind. Dies sind doch die gleichen Noten, die Vater aufgeschrieben hat. Nur gedruckt.

Er liegt in einer duftenden Wiese und schaut in den Himmel. Die schönsten Melodien fallen ihm dabei ein. Hier ist er glücklich. Auf dem Land in Polen. Vater schickt ihn jeden Sommer zur Stärkung seiner Gesundheit hin und Fréderic geht gerne. Er liebt die volkstümliche Musik, sie passt so gut zu den bunten Wiesen, den intensiven Gerüchen und den einfachen Leuten.

Als 17-jähriger sitzt Frédéric an seinem Schreibtisch. Verzweifelt schaut er auf den Brief, den er soeben erhalten hat. Emilia ist tot. Die geliebte jüngere Schwester, einfach fort. Er weint so lange bis seine Augen brennen, und er denkt, nie wieder weinen zu können. Dann komponiert er. Einen Trauermarsch.

***

16. Oktober 1849:

„Frédéric, hörst Du mich?“ War das Emilia? Nein, nicht Emilia. Emilia war tot, schon lange Zeit tot.
Zögernd erwachte Frédéric, wurde sich seiner Umgebung bewusst.
„Ludwika?“ Langsam nahm das Gesicht seiner älteren Schwester vor ihm klare Konturen an. Sie weinte.
„Frédéric, du erkennst mich? Heute Nacht ging es dir sehr schlecht. Du warst zeitweise bewusstlos und hast uns nicht erkannt.“
Er nickte. „Es geht … zu Ende. Ludwika, ich möchte … Mozarts Requiem … Beerdigung.“ Ludwika legte erschrocken eine Hand auf ihre Brust. Dann fasste sie sich.
„Du möchtest dass Mozarts Requiem bei deiner Beerdigung gespielt wird?“
Er nickte. „Natürlich. Hast Du noch einen Wunsch, mein Bruder?“
Er griff schwach nach ihrer Hand.
„Verbrennt … alle Werke … die nicht fertig … sind. Klavierschule … Alkan. Und …“ er drückte die Hand die er hielt,
„… mein Herz … bringt es nach Polen!“

In der Nacht, 16. auf 17. Oktober 1849:

Frédérics vier engste Freunde wachten mit seiner Schwester bei ihm. Er war tief berührt von der Liebe die sie ihm entgegenbrachten, und spürte, dass es Zeit war sich zu verabschieden. Langsam hob er die Hand und versuchte auf sich aufmerksam zu machen. Solange erhob sich und holte ein Glas Wasser. Als sie es ihm brachte, hatte sein Herz bereits aufgehört zu schlagen.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2006 - 14.24 Uhr
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