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August 2006
Die Glocke
von Albertine Sprandel

Ich vertraute dem Grummeln in meinem Bauch. Vor allem dem lauten, das sich wie eine Glocke am Brustkorb fest hing und jeden Atemzug in einen schweren Schlag verwandelte. Dum Dum, da stimmte etwas nicht. Bei Männern, besonders wenn ich sie vom Flughafen abholte, bedeutete dieses Gefühl: sie waren fremdgegangen.

Mit Andreas, meinem ersten Freund, fing es an.
„Murmel, ich fliege nur ungern allein“, hatte er gesagt. Ich war siebzehn und meine kleinkarierten etepetete Eltern erlaubten mir die Reise nicht. Wie ich sie hasste.
Andreas strich über meine Haare. „Halb so schlimm. Wir sehen uns sofort nach meiner Rückkehr. Du brauchst mich nicht abzuholen, hast ja noch keinen Führerschein.“
Drei Wochen später stand ich dennoch in der Ankunftshalle des neu eröffneten Terminals II in München. Das blitzende Chrom erschlug mich. Ich stellte mir Fliegen abenteuerlicher vor, nicht so glatt poliert.
In meinen Kopfhörern hämmerten Gianna Naninis schnelle Rhythmen. Unter mir eine gelbe Linie am Boden, die ich nicht zu überqueren wagte.
Andreas schob seinen Wagen durch die Schiebetür. Meine Arme reckten sich ihm entgegen. Er lächelte, beschleunigte seinen Schritt, durchquerte den freien Raum, strahlte– an mir vorbei. Eine andere Frau stand hinter mir. Sah er mich nicht? Ich vergrub mich in meine Musik und schielte zu den beiden. Sie war schon älter, fast dreißig und schlang ihre Arme um den Hals meines Freundes. Er warf einen kurzen Blick nach hinten. Andreas hatte mich doch bemerkt. Der Schuft. Ich wollte in die Granitfliesen versinken. Ich nahm die Kopfhörer ab, stellte auf volle Lautstärke, so dass alle Wartenden die Bässe hören konnten. Mit erhobenem Kopf drängelte ich mich zu einer Bank, ließ mich fallen und starrte auf die blauen Lichter im Boden, als ob sie die einzigen Helfer wären, die mir einen Ausweg zeigen könnten.
Seit diesem Tag schlug die Glocke in meinem Bauch, erbarmungslos. Nie hätte ich gedacht, dass es so viele untreue Männer gibt.

Zehn Jahre später stand ich wieder am Terminal II. Die Ankunftshalle wirkte für die Ferienzeit seltsam leer. Wo waren die Chartertouristen, die aus Mallorca, Spanien oder der Türkei zurückkehrten?
Ich folgte den blauen Lampen am Boden zur entscheidenden Schiebetür. Ich reihte mich in eine überschaubare Traube von Abholern ein. Gleich ihnen blieb ich wie ferngesteuert hinter der gelben Linie stehen. Vor mir die große Tafel mit den blinkenden Worten „im Landeanflug“ oder „gelandet“. Besonders verheißungsvoll waren die grünen Lichter vor den Zeilen mit den Maschinen, deren Gepäck bereits ausgeladen wurde. Zuerst eine aus Barcelona. Strandpartytouristen, vom Beachball gebräunte Mädels trabten laut schwatzend an uns vorbei. Ihre Sommerschühchen klackerten über den Boden.
Zum Glück erwartete ich keinen aus dieser Richtung. Mein Freund Raphael kehrte aus Rotterdam zurück. An der Tafel erschien der Schriftzug „landing“ für seine Maschine und auf einmal klang aus meinem Bauch die Glocke.
Nein! Nicht Raphael!
Diesmal musste sich mein Bauch irren. Raphael war doch anders. Ein Musiker, der eine Kreuzfahrt als Pianist begleitet hatte. Er war gut, nur für einen Konzertpianisten nicht gut genug. Sonst spielte er in Bars und hoffte jeden Abend auf eine ausgeflippte Jazzsession. Spät in der Nacht kam er zu mir. Manchmal ein wenig traurig, weil die Gäste seine Musik ignorierten, manchmal nur müde, aber er kroch immer zu mir unter die Bettdecke.

Ein gebräunter Mann, jugendlich, doch nicht mehr jung, schob seinen Gepäckwagen durch die Schiebetür. In der ersten Reihe raunte eine Mutter ihrer Tochter zu: „Da ist der Papa!“ Das Mädchen versteckte ihren Kopf hinter dem Bein der Mutter. Als der Vater mit einem breiten Grinsen näher kam, löste sie sich und rannte über die gelbe Linie auf ihn zu. „Papi!“.
Mit einem Satz sprang sie in seine Arme, vergaß die lächelnden Zuschauer, plapperte, küsste und hielt den Kopf ihres Vaters fest.
Meine Fingernägel gruben sich in die Handflächen. Wie ich sie um ihr Vertrauen beneidete!

Die Anzeige auf der Tafel sprang auf „Baggage“ um.
Ob die anderen Ankommenden ihre Partner betrogen hatten?
Der Familienvater sah wie ein großgewordener Lausbub aus, der seine Streiche gut vertuschen konnte. Trotz der Liebe zu seiner Tochter war er sicher fremdgegangen. „Es ist so passiert“, würde er seiner Frau erzählen. Vielleicht gestand er auch nichts.
Ein Glatzköpfiger, der augenscheinlich von Vater, Mutter und Frau abgeholt wurde, war vermutlich treu geblieben, denn er begrüßte seine Mutter vor seiner Frau.
Eine Langhaarige zog ein feines Köfferchen hinter sich her. Ich glaubte Abdrücke heißer Küsse auf ihren Lippen wahrnehmen zu können. Sie wölbten sich mit jedem Atemzug und zuckten, als sie unerwartet von dem eigentlichen Partner geküsst wurden.

Wie Raphael. Manchmal blieb er tagelang unnahbar für meine Liebkosungen, als ob er in einer anderen Welt leben würde. Dann dachte ich, dass meine Liebe zu ihm stärker sei als seine zu mir. Aber ich spürte bis zu diesem Morgen noch nie die Glocke.
Jetzt war sie da. Dum Dum.

Raphael trat durch die Schiebetür, die Reisetasche um die Schulter. Er blieb kurz stehen, sah mich und setzte sich mit seinem typischen schlurfenden Schritt wieder in Bewegung. Um seinen Mund flatterte ein Lächeln. Die Glocken donnerten in meinem Bauch. Meine Knie sackten ein.
Mein Freund strich mit einer Hand über meine Wange. Dann zupfte er mir die Kopfhörer aus den Ohren.
„Es ist passiert!“ Seine Stimme zitterte vor Erregung.
„Ich freue mich auch dich zu sehen“, antwortete ich.
„Stell dir vor, es ist passiert!“
„Ja, das höre ich.“ Ich wendete mich ab.
„Ich habe sie getroffen!“
„Willst du noch lauter schreien? Meine Demütigung vor Publikum perfekt machen?“
„Es war wundervoll.“
Die Menschen bildeten einen Kreis um uns. Ich platzte.
„Wie du willst, dann eben vor all dem Publikum: es ist aus. Wenn du dich mit einer anderen abgibst, dann ist es aus!“ Meine Stimme überschlug sich und ich stapfte davon.
Die Wartenden murmelten zustimmend.
Mein I pod! Raphael hielt meinen einzigen Wertgegenstand in den Händen. Musik gehörte auch zu meinem Leben.
Ich drehte mich um. Er stand unverändert, wie eingefroren. Die eine Hand ausgestreckt mit meinem Gerät, die andere am Bügel der Reisetasche, eine Haarsträhne rutschte ihm in die Stirn. Ich ging zurück und griff nach dem I pod.
„Ich habe Carla Bley getroffen“, flüsterte er.
Der Name ratterte durch mein Hirn. Carla Bley, Carla ... Auf einmal stockte in mir für eine Zehntelsekunde jede Bewegung. Dann japste ich nach Luft, krümmte mich vor Lachen und schüttelte mich. Mir war nichts mehr peinlich.
Die Glocke konnte ich einmotten. Zumindest solange ich mit diesem Mann zusammen war.
Die Jazzkönigin Carla Bley. Die betagte Diva hatte mit meinem kleinen Musiker improvisiert und ihm damit seinen größten Traum erfüllt. Carlas Musik war seine erste große Liebe gewesen.

Letzte Aktualisierung: 27.08.2006 - 19.36 Uhr
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