Der Tod aus der Teekiste
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August 2006
Aufgewacht
von Manuela Gantzer

Melanie kam gerade von der Arbeit nach Hause. Noch bevor sie Handtasche und Jacke weglegte, schaltete sie die Stereoanlage ein und legte ihre Lieblings-CD von Robbie Williams ein. Ihre Augen begannen zu glitzern und schließlich bahnten sich die Tränen ihren Weg.
Sie hatte mit Sandra telefoniert und die erzählte voll Freude, dass sie einen wirklich tollen Mann kennen gelernt hat, mit dem sie sich seit ein paar Tagen trifft.
Was mache ich nur falsch, überlegte Melanie und legte die Stirn in Falten.
Sie freute sich für Sandra, aber nun hatte jede ihrer Freundinnen einen Partner, nur sie nicht.

Sie kuschelte sich auf die Couch und flüchtete mit der Musik in ihre Traumwelt. Max erwartete sie bereits. Er stand an einem menschenleeren Strand. Als er Melanie erblickte, lief er los, um sie so schnell wie möglich in die Arme nehmen zu können. Sie spazierten Hand in Hand dem Sonnenuntergang entgegen. Sie liebte diese Momente, da fühlte sie sich geborgen und geliebt.

Plötzlich riss das Handy sie aus ihrer Traumwelt. Im Moment wollte Melanie mit niemandem reden und ignorierte das Klingeln.
Schniefend rollte sie sich zur Seite, wieder kullerten Tränen über ihre Wangen. Heute war die Zeit bei Max viel zu kurz geraten und munterte sie nicht auf.
Letzte Woche hatte sie ihn wirklich gesehen.
Er bemerkte sie nicht, als sie beim Café in dem er saß, vorbei ging.
Ob er überhaupt wusste, dass sie existierte?

Den Rest des Abends verbrachte sie zusammengekauert auf der Couch, ständig lief Robbies CD im Hintergrund.
Ohne Musik konnte Melanie nicht leben. Schon als Kind lief der Radio beim Hausaufgaben machen und lernen. Später waren es die CDs ihrer Lieblingsgruppen.
Egal ob sie im Auto unterwegs war, durch den Wald joggte oder unter der Dusche stand, sie hörte immer und überall Musik.
Sie gehörte zu ihrem Leben wie das Atmen.

Der Freitagabend kam und Melanies Laune hatte sich, nach einem Anruf von Jasmin, gebessert. Jasmin wollte einen Frauenabend machen. Mit dieser Idee machte sie Melanie die größte Freude. Sie telefonierten herum und schließlich gingen sie zu viert ins "Eck". Melanie war so guter Laune, wie schon lange nicht mehr. Endlich konnte sie wieder einmal ausgiebig mit den Freundinnen quatschen und wer weiß, vielleicht würde auch Max dort sein? Oder jemand anderer?

Um einundzwanzig Uhr trafen sich die vier Freundinnen im Lokal, um einen guten Platz zu ergattern und in Ruhe reden zu können, bevor es dann zu späterer Stunde so voll und laut war, dass dies unmöglich wurde.
Melanie amüsierte sich köstlich bis sie plötzlich mutterseelenallein beim Tisch stand.
Sie sah sich um, jede ihrer Freundinnen unterhielt sich mit alten Freunden oder Bekannten und hatte Spaß.

Überraschend tauchte neben ihr eine Gestalt auf. Nach einem kurzen Blick hatte Melanie ihn bereits als uninteressant und langweilig abgestempelt.
Er versuchte mit ihr ins Gespräch zu kommen, nach fünf einsilbigen Antworten zog er eilig ab.
Enttäuscht ging Melanie nach Hause. Erst als sie daheim angekommen war, klingelte das Handy. Jasmin war am Telefon, sie wollte sicher nachfragen, wo sie steckte, aber Melanie hob nicht ab. Sie war viel zu fertig, heulend legte sie sich ins Bett.

In der nächsten Zeit zog sich Melanie von ihren Freunden zurück.
Meistens war sie daheim und flüchtete in ihre Traumwelt zu Max. Mit ihm konnte sie stundenlang im Wasser toben, ihn küssen bis ihr schwindelig wurde. Hier war sie so glücklich wie nie zuvor.
Sie wurde süchtig danach und vernachlässigte alles andere immer mehr.

Eines Abends klingelte es. Nach dem zehnten Läuten raffte sie sich doch auf und öffnete die Tür.
Es war Susanne.
"Hallo! Wie geht's dir?"
Aus dem Wohnzimmer tönten Fetzen von "0ne" U2 nach draußen.
"Danke, es geht. Komm rein. Möchtest du einen Cappuccino?"
Susanne folgte ihr in die Küche.
Eine Weile unterhielten sich die zwei über belanglose Themen. Plötzlich brauste Susanne auf.
"Melanie, so kann es nicht weitergehen mit dir! Du igelst dich völlig ein und hörst ständig irgendwelche Liebeslieder. Davon wirst du noch depressiver und lernst bestimmt keinen Mann kennen!"
"Das weiß ich", gab Melanie kleinlaut zu.
"Du musst aus dir herausgehen. Es wundert mich nicht, dass dich beim Fortgehen wenige ansprechen.
Wenn wir gemeinsam unterwegs sind, dann stehst du nur da, schaust verbissen und finster drein. Falls sich trotzdem jemand traut dich anzusprechen, verjagst du ihn mit deiner abweisenden Art."
"Ach, komm jetzt übertreibst du aber. Hast du dir außerdem schon einmal die Typen angesehen, die mich ansprechen?!"
"Ja, ich habe mir diese Männer angesehen und es waren durchaus wirklich nette dabei. Was erwartest du denn? Ein Robbie Williams wird nicht zu dir kommen und dich auf Knien anbetteln mit ihm auszugehen. So läuft das nicht.
Wie ist das denn mit mir und Werner gelaufen? Das hast du selbst erlebt. Wir haben uns kennen gelernt und ich hab mich erst Wochen oder Monate später in ihn verliebt."

Die beiden unterhielten sich die halbe Nacht und überlegten sich verschiedene Dinge, um Melanie aus ihrem Alltagssumpf herauszureißen. Als erstes beschlagnahmte Susanne alle CDs mit Liebesliedern, dafür wollte sie ihr ein paar Hitparaden-Sampler vorbeibringen.
Dann meldeten sie Melanie bei einem Badminton-Verein an, damit sie mehr unter Leute ging.

Mit der Zeit ging es Melanie besser. Die Trainingsstunden fingen an ihr Spaß zu machen. Sie unterhielt sich mit den verschiedensten Leuten und versuchte ohne Erwartungen auf andere zuzugehen.
Die Musik war nach wie vor unentbehrlich für sie, aber sie hatte verstanden, dass erst die Vielfalt das Leben ausmacht.
Abends flüchtete sie mit einer zurückbehaltenen Kuschelrock CD gelegentlich in ihre Traumwelt, aber sie brauchte diese Ausflüge zu Max immer weniger.

Wochen später traf sich Melanie wieder einmal mit ihren Freundinnen im "Eck". Sie unterhielt sich gerade, als ihr jemand auf die Schulter tippte.
Lachend drehte sich Melanie um und blickte geradewegs in das Gesicht von Max ....


© Manuela Gantzer 2006

Letzte Aktualisierung: 27.08.2006 - 19.31 Uhr
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