Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2006
Im Himmel
von Clementine Skorpil


Ich hätte ihm also das Leben genommen … zumindest alles, was das Leben lebenswert macht, sagen sie. Ich hätte ihn zerstört, ihn des höchsten Gutes beraubt, das der Mensch besitzt. Mein Gott, sie haben keine Ahnung! Das Gegenteil ist wahr. Ich habe ihm alles gegeben, alles! ICH habe ihm das Tor zum Himmel aufgestoßen.

Ich habe für ihn das größte Opfer gebracht, das ein Vater bringen kann.

Oh, ich rede nicht vom Finanziellen. Auch nicht von seinem Ruhm. Obwohl beides nicht zu verachten ist. Kein Konzertsaal der Welt, kein großes Opernhaus kann es sich leisten, ihn links liegen zu lassen. – Und kein Boulevard-Blatt, zugegeben. Aber das ist nun einmal die Kehrseite der Medaille. Alles hat seinen Preis. Und ich frage: Ist meiner nicht der weit größere? Während er in den teuersten Hotels logiert, mit den interessantesten Leuten, den größten Künstlern unserer Zeit parliert, sitze ich hier im Dunkeln. Allein, ausgestoßen, verhöhnt.

Was wurde nicht alles über Originalklang und Werktreue geredet und geschrieben. Pharisäer, allesamt! Kleinkrämer, die es nicht wagen, den wirklich großen Schritt zu tun. Den einzig wahren, den, den ich gewagt habe …

Gut, nicht ganz allein. Sonst wäre ich jetzt wohl an seiner Seite anstatt hier in diesem Loch. Ich konnte es einfach nicht … sosehr ich mit mir rang. Ja, ich versuchte, mich langsam an den Gedanken zu gewöhnen. Ich tastete mich heran, befahl mir, nur an das große Ziel zu denken … Es half nicht. Ich konnte es nicht.

Sie glauben, sie kennen mich. Sie denken, sie hätten mich durchschaut. Sie haben keine Ahnung. Das sagte ich schon.

Natürlich wusste ich ob der Konsequenzen. Wusste, dass es so enden würde, dass man mich eines Tages verraten und verkaufen würde. Für weit weniger als dreißig Silberlinge. Es war mir egal. Das ist die Wahrheit. Ich konnte es nicht. Das musste ich einsehen. Also begann ich nach jemandem zu suchen. Das war damals – vor über zwanzig Jahren – bei Gott nicht leicht. Da konnte man nicht einfach ins Internet schauen. Wie also den Richtigen finden? Und zwar so diskret und unauffällig, dass keiner etwas bemerkte?

Ich begann, Listen von Kriterien aufzustellen: braucht dringend Geld, ist entsprechend versiert (das stand an erster Stelle), hat wenig oder kaum Kontakte zu anderen Menschen … liebt die Musik. Ja, auch das habe ich aufgenommen. Insgeheim hoffte ich, eine verwandte Seele zu finden.

Wiewohl nie ein Freund von Multi-Kulti begann ich die Bekanntschaft von Türken zu suchen. Naiv. Bald merkte ich, dass sie mit ihren Vorfahren wenig gemein haben.

Lange Zeit wusste ich nicht, wie ich weiter vorgehen sollte. Alle Menschen, die mir begegneten, betrachtete und beobachtete ich unter dem Aspekt ihrer möglichen Brauchbarkeit für das Unterfangen.

Die Monate, die Jahre vergingen und mir war niemand untergekommen, mit dem ich das Thema auch nur hätte anschneiden können. Freilich wusste ich den Jungen in guten Händen, aber die Zeit drängte.

Und dann traf ich ihn. Ich hatte mir aus der Stadtbibliothek ein Buch über Monteverdi geborgt. Eigentlich wollte ich es nur zurückbringen, aber plötzlich fiel mein Blick auf einen Mann mit zerschlissenem blauem Sakko über einem rot-grün karierten Hemd mit speckigem Kragen. Er saß in einer der hinteren Reihen und er las – genau jenes Buch über die italienische Oper des 17. und 18. Jahrhunderts, das ich nicht nur einmal, sondern mehrmals genau studiert hatte. Der Mann hielt einen Bleistiftstummel in der Rechten und kritzelte seine Notizen in ein winzigkleines rotes Büchlein. Als ich auf ihn zutrat, fiel mir auf, dass seiner Brille der linke Bügel fehlte, weshalb sie ganz schief auf der Nase saß und er ständig beschäftigt war, sie zurechtzurücken. Die Bewegung führte er mechanisch durch, ohne sich irritieren zu lassen.

Ich räusperte mich. Der Mann sah nicht hoch. Allen Mut zusammennehmend, sprach ich ihn auf das Buch an. Die Konversation verlief schleppend. Mein Herz schlug höher. Innerlich hakte ich bereits drei meiner Kriterien auf der Liste ab. Allerdings nicht das wichtigste, das erste nämlich: fachlich versiert. Ich wusste auch nicht, wie ich das herausfinden sollte, es sei denn ich fragte ihn um Namen und Adresse und fände ihn dann im Telefonbuch. Wieso sollte ich ihn aber danach fragen? Wir kannten uns nicht und er zeigte seinerseits wenig Interesse an meiner Person. Ich sah ein, dass ich so nicht weiterkam. Alles auf eine Karte setzend ging ich in medias res, sprach von der heutigen Aufführungspraxis und den Versuchen, die Werke möglichst originalgetreu zu inszenieren.

Endlich hob er den Kopf und sah mir in die Augen. „Ach“, sagte er mit einer wegwerfenden Geste, „solange sie so weiterpfuschen, wird das nichts werden. Wenn sie sich nicht endlich dazu durchringen, Frauen von der Bühne zu verbannen, können sie alte Instrumente verwenden, wie viel sie wollen. Es wird doch nie wie damals klingen.“

Mein Herz machte einen Satz. Jetzt nur nichts verpatzen, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Wer weiß, was hinter dieser Rede stand. Wie oft hatte ich mich in dem Punkt schon getäuscht?

Unaufgefordert setzte ich mich neben ihn und redete auf ihn ein. Was ich genau sagte, weiß ich nicht mehr. Aber mehr und mehr kam ich zu der Überzeugung, dass ich er der Richtige war.

Es hatte Jahre gedauert, den Mann zu finden. Die Durchführung des Vorhabens selbst war dann erstaunlich einfach. „Ein kühner Plan“, sagte er, als ich mich endlich getraut hatte, mich ihm anzuvertrauen. „Wollen Sie das wirklich durchziehen?“ Ich nickte.

Wir trafen uns um ein Uhr nachts vor dem Internat der Sängerknaben. Er hatte Chloroform und ein sauberes Baumwolltüchlein mitgebracht. Ziemlich primitiv, wie ich feststellte, aber die Zeit, da er ordinierte, war eben lang vorbei. Wir zerbrachen ein Kellerfenster, stiegen ein und gingen hinauf zu den Bubenzimmern. Das Bett neben dem Jungen war leer. Mein neuer Freund – nennen wir ihn K., das klingt nach Kafka – nahm ein kleines Sieb aus der Tasche, legte das Tüchlein auf den Mund des Jungen und stellte das Sieb darüber. Dann träufelte er langsam Chloroform darauf.

Der Junge schlief tief und fest, als wir ihn hinaustrugen. Die Operation führten wir in meinem Haus durch, K.s Wohnung war einfach zu schmuddelig. Ich fürchtete, der Junge könne sich infizieren.

Als K. fertig war, wusste ich, dass mir das Schlimmste noch bevorstand. Und so war es auch. Wir schafften den Jungen zurück zu den Sängerknaben. Am nächsten Morgen erhielt ich einen Anruf der Schulleitung, eilte zum Direktor und wurde gleich auf die Krankenstation geführt. Ärzte, Polizei, Lehrer und mittendrin der Kleine, blass, verweint, vollkommen aufgelöst.

Er hat es überlebt! Und das ist das wenigste, was man sagen kann! Er wurde zum einzigen Sopranus dieser Welt. Seine Stimme klingt … göttlich! Wenn ich sie höre, bin ich im Himmel!

Der Junge besucht mich nie. Wo K. ist, weiß ich nicht. Bei der Verhandlung trug er eine neue Brille.



Letzte Aktualisierung: 23.08.2006 - 12.23 Uhr
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