'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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August 2006
„Melody“
von Ferenc Stefaniak


Terry war aus Liebe zur Musik Fischer geworden.
Er wollte es mit diesem Beruf nicht zu Reichtum bringen, nein, vornehmlich hielt er mit seiner Tätigkeit nach etwas anderem Ausschau, nämlich nach dem, was er - seltsam genug - seine erste große Liebe nannte.
Dabei wurde die Melody seine ständige Begleiterin.
Terry hatte einmal gelesen, dass in den ersten drei Sekunden eines Kennenlernens das menschliche Gehirn darüber entscheidet, ob man sein Gegenüber sympathisch findet.
Von jenem Augenblick, als er sie sah, bildeten beide eine Symbiose. Während Terrys Fingerspitzen ihren Rumpf berührten, ließ er sein Herz sprechen.
Terry hörte auf die Entscheidungen seines Herzens. Gegenüber seinem Gehirn brauchte es gerade mal eine Sekunde, um zu wissen: sie war das Schiff, nach dem er gesucht hatte.
So unheimlich es ihn anmutete, jedoch verspürte er für sie sehr bald eine innere Zuneigung. Oder sogar Liebe?
Er strich sie hellblau und weiß an, verzierte ihre Seiten mit roten Längsstrichen; und durch das Einsaugen der Farbe, signalisierte sie ihm ihr Einverständnis.
Der zukünftige Name ist für einen Menschen, ein Lebewesen oder manchen Gegenstand etwas sehr Wichtiges und will gut überlegt sein. Deshalb fiel Terry die Wahl ihres Namens nicht schwer. Für ihn stand fest, er würde sie Melody taufen und ihr, wenn es ein müsste, sein Leben anvertrauen. Ab jetzt würde sie ihn dorthin bringen, wo er am liebsten war, zu seiner ersten Liebe. Der Musik. „Wieso also“, so sagte sich Terry, “soll ich sie nicht Melody nennen? Melodie und Musik gehören doch zusammen.“
Nur ein paar neugierige Möwen waren als Zuschauer dabei, als er am Ende den geschwungenen Schriftzug ihres zukünftigen Namens anbrachte: Melody.
Terry war mit seinem Werk zufrieden. Melody würde ab jetzt die Hope, er hatte sie von seinem Vater übernommen, ersetzen.
Es kam einer Prozession gleich, als Terry sein neues Schiff kurz danach betrat. Langsam und gleichmäßig hob die Melody, in einer immer wiederkehrenden Rhythmik, ihm ihren Körper entgegen. An die Reling gelehnt genoss Terry diesen Augenblick.
Der Moment war günstig, sich Melody anzuvertrauen.
„Ich muss dir etwas gestehen“, sagte Terry und setzte sich auf die Stufen, die ins Steuerhaus mündeten, „du bist nicht meine einzige Liebe. Es gibt noch eine weitere. Eine große Liebe, der ich mich nie entziehen kann. Solange ich lebe, werde ich sie nicht vergessen.“ Terry machte eine Pause und horchte in Melody hinein. Wollte sie von alldem nichts hören?.
Gleichmäßig bewegte sich das Schiff, nichts ließ ihn erkennen, dass sie sich seiner bevorstehenden Geschichte widersetzen würde.
„Also gut, wenn es dich interessiert, dann werde ich dir von ihr erzählen. Ich finde, wir sollten keine Geheimnisse voreinander haben. Schließlich“, Terry lächelte verschmitzt, „kenne ich dein Innenleben ja auch.“
Terry überlegte, wie er beginnen sollte.
„Es ist jetzt etwa 35 Jahre her. Damals war ich zehn.“ Ihm wurde mit einem Mal bewusst, wie viel Zeit seitdem vergangen war. „Eines Abends kam Vater in mein Zimmer. Obwohl er mich liebte, war es nicht oft der Fall. Er machte nicht viele Worte. So wie Fischer eben sind. Dad beobachtete lieber und sprach nur, wenn er der Meinung war, es wäre wichtig.“ Terry lächelte bei dem Bild über seinen Vater, das sich in diesem Moment des Erzählens in seiner Erinnerung darstellte.
„`Liebst du Musik? `, fragte er mich geheimnisvoll. Ich zuckte mit den Schultern. Ich wusste ja damals nicht einmal, ob ich richtig lieben kann. Und was das eigentlich ist, die Liebe, darüber hatte ich mir bis zu jenem Abend noch nie Gedanken gemacht. Woher um alles in der Welt sollte ich also wissen, ob ich Musik liebe?“
Wie zur Entschuldigung schaute Terry zur Schiffsglocke, dem Herzen eines jeden Schiffes.
„Dann werden wir es morgen früh erfahren. Ich werde dich mit rausnehmen`, hörte ich ihn sagen. Vater, zeigte in Richtung des Meeres und zwinkerte mir zu.
Stell dir vor, sagte Terry, man konnte am nächsten Morgen nicht einmal die Hand vor Augen sehen, als ich bereits neben meinem Vater im Steuerhaus stand und gegen die Müdigkeit und Kälte ankämpfte. Doch mit der aufkommenden Helligkeit verschwand beides und die Neugierde trat an ihre Stelle.“ Terry zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich zurück. „Irgendwann, die ganze Zeit über hatten wir beide nicht ein Wort gesprochen, drosselte er den Motor und sah mich an.
Völlig verunsichert schaute ich ihm in die Augen. Was sollte das alles? Was hatte das hier mit Musik zu tun? Im selben Augenblick fragte mich mein Vater: `Hörst du sie? `
So sehr ich mich auch anstrengte, ich hörte nichts. Außer klatschende Wellen an das Schiff und das gedrosselte Stampfen des Motors. `Was meinst du? `, fragte ich ihn. Während ich schon an meinem Gehör zweifelte, drückte er an einem Gerät, das im Steuerhaus stand, einen Schalter nach unten und drehte an einem Rad.
`Es ist eine stumme Musik, aber trotzdem kann man sie hören. Pass auf, Junge.` Dad sprach leise.“
Terry zündete sich die nächste Zigarette an. „Und dann geschah es. Obwohl ich nichts auf dem Meer sah, hörte ich etwas so Seltsames, dass es auch gleich wieder wunderschön war. Es schien, als wäre es eine Musik, die nicht von dieser Welt stammte. So zart, so schwebend, auch wehmütig – jedoch atemberaubend schön. Das was ich hörte, schien mir fast unwirklich. Es war der Moment, als ich mich verliebte. In die Musik. Ich weiß nicht, wie lange Vater und ich schweigend nebeneinander standen und auf den Kasten starrten, aus dem diese Töne kamen, ehe ich flüsternd fragte, was das ist.
`Sie sind es`, sagte er und deutete mit seinem Kopf geradeaus auf die See. Vor unserem Schiff erhob sich eine riesige Schwanzflosse aus den Wellen, es dauerte nur wenige Sekunden bis es zwei, drei, vier und noch mehr waren. Melody, mir stockte der Atem.“ Terry bemerkte wie ihn die Erregung der Vergangenheit einholte.
„`Es ist ihre Musik, die sie sich gegenseitig in den Tiefen des Meeres vorspielen. Jeder von ihnen hat eine eigene Melodie. So können sie sich untereinander erkennen und verständigen. Es ist die für uns stumme Musik der Wale`, sagte mein Vater ehrfurchtsvoll, während vor uns majestätisch drei Walrücken aus dem Wasser auftauchten.
`Ich habe sie schon oft gehört und dadurch kann ich unterscheiden, wer von ihnen welche Melodie singt. Wenn du mich öfters begleitest, dann werde ich sie dir alle nacheinander vorstellen. Möchtest du?`, Vater sah mich fragend an.
Dieser Augenblick war nicht zum Reden geschaffen. Ich konnte ihm nicht antworten. Es war“, Terry rang nach Fassung, „ es war ergreifend. Deshalb nickte ich nur und starrte aus dem Fenster des Steuerhauses.
`Ich glaube du magst sie`, flüsterte mein Vater und legte seine riesige Hand auf meine Schulter.“
Terrys Stimme zitterte in Gedanken an die Erinnerung. „So war das, Melody. Den Rest der Geschichte werde ich dir nach und nach erzählen. Schließlich werden wir beide doch ab jetzt viel Zeit miteinander verbringen.“
Er räusperte sich. Terry hatte das Empfinden, seine Stimme würde ihn gleich im Stich lassen.
Stumm blickte er hinaus auf das Meer. Mehr gab es im Moment nicht zu erzählen über seine erste Liebe.

„Es wird Zeit, dass ich sie dir vorstelle. Vorausgesetzt, du hast nichts dagegen.“ Terry schlug sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel und schaute wieder fragend zur Schiffsglocke.
Ruhig lag die Melody an der Hafenmauer. Terry allein wusste, dass das gleichmäßige Ächzen und Knarren der Taue ihre Zustimmung war.

An diesem Nachmittag verließ Terry den kleinen Hafen an Bord seines Schiffes, das Kurs auf den Horizont nahm. Die Fahrt dorthin war ruhig und schön, wie eine Fahrt auf das Meer nur sein kann. Von einem Schwarm Möwen begleitet und im Inneren aufgeregt, wollte er Melody seine erste große Liebe vorstellen, deretwegen er Fischer geworden war.
Die Musik. Die stumme Musik der Wale.


Ende



05.08.2006

Letzte Aktualisierung: 15.08.2006 - 10.48 Uhr
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