Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Martina Michel IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
August 2006
Die Herbstzeitlose
von Martina Michel

Es roch herrlich nach frisch gebackenen Keksen. Ganz normale Kekse. Vom Aussehen her unterschied sie in Nichts von all den anderen Keksen, die auf dieser Welt schon gebacken wurden. Mit diesen aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere …

Neun Wochen später.

Die Schulglocke läutete. Bei den Kindern gab es kein Halten mehr. Während sie die Taschen zusammenpackten, grölten und johlten sie, als sei heute Ferienbeginn.
Auch Amelie packte, lächelnd über die Schüler, ihre sieben Sachen.
Ja, endlich Wochenende! Ein letzter Blick in den Klassenraum, dann schloss sie die Tür und ging den Flur entlang. Naja, eigentlich ging sie nicht, sondern tänzelte dahin, so dass das weich fallende Sommerkleid um die Beine schwang. Auch die weiß-graue Lockenmähne tat es dem Kleid gleich und hüpfte auf den Schultern zum Takt fröhlich auf und ab.
Auf dem Weg zum Parkplatz mied sie den Blickkontakt zu den Kollegen, stieg in den alten Ford und fuhr zu ihrem Cottage Richtung Crondall. Es lag in der Grafschaft Hampshire, sie hatte es vor vierzehn Jahren von der verstorbenen Grußmutter geerbt.
Als sie in ihre Einfahrt bog, hielt sie einen Moment inne und blickte verzückt in den Garten. Für Anfang September war es noch wunderbar warm.
Dort unter der großen Eiche standen sie in voller Blüte - ihre ´Herbstzeitlosen`. Klein und zart waren sie überall vertreten und schienen im Wind einen Elfentanz zu vollführen. Ihr Blick wurde schlagartig finster: „Pah, ´Herbstzeitlose. Sie dachte an das Getratsche der Kollegen, die sie gern so nannten. „Pah!“. Sie benutzte lieber ´Nackte Jungfer`! Obwohl … für so manchen Kollegen würde sie ihre kleinen Lieblinge gern mal als Strauß ´Leichenblume` zusammenstellen. Bei dem Gedanken musste sie kichern.
Sie stellte den Motor ab, ging ins Haus, legte die Sachen auf die abgegriffene Kommode und entledigte sich des Kleides sowie ihrer Leibwäsche. Ging in die Küche und machte sich erst einmal einen schönen heißen Tee. „ Pah, ´Herbstzeitlose`!“ Eigentlich hatte sie schon bei Ferienbeginn im Sommer die Pflicht als Kollegin getan. Doch auf Grund des plötzlichen Todes einer von ihnen, hatte man sie gebeten bis auf weiteres die Klasse zu übernehmen. Dies war einer der schöneren Momente in ihrem Leben gewesen. Sie liebte den Beruf als Lehrerin, das war schon ein Wunsch als sie selbst in die Schule ging.
„Pah, ´Herbstzeitlose`“, brummelte sie wieder vor sich hin. Kurz nach ihrem Studium bildeten sich die grauen Haare und nach weiteren vier Jahren sah sie aus wie die eigene Großmutter nur ohne Falten. Warum hatte der dumme, dumme Liam Fisher auch immer wieder so schlecht über sie geredet. Warum hatte er sie nicht einfach in Ruhe gelassen. Wieder und wieder ließ er Bemerkungen fallen, die nur sie hören konnte: „Ach, ich dachte ich wäre hier in der Schule und nicht im Altenheim?“. Aber der dicke, kleine Liam Fisher wollte einfach nicht aufhören damit. Ausgerechnet er mit seinem gedrungenen Körper, übergewichtig und mit fettigem Haar. Gerade er.
Sie nahm den heißen Tee und machte sich auf den Weg raus zum Teppich ´Hundshoden´ unter der Eiche. Wieder kicherte sie und gluckste vor sich hin, während sie über eine kleine feine weiße Blüte strich. Sie liebte diese Vieldeutigkeit ihrer kleinen Lieblinge. Aber auf einem Teppich ´Hundhoden´ wollte sie heute nicht tanzen. „Auf einem Teppich ´Nacktarsch`?“ fragte sie sich selbst. Eine kleine Windböe ließ sie erschauern. „Ah, ein Teppich ´Winterhauch´!“ Und so stellte sie den Tee auf einen kleinen Tisch um sich als ´nackte Jungfer` zusammen mit ihren ´Zeitlosen` im Wind zu wiegen. Und wieder tat es ihr die weiß-graue Lockenpracht gleich.

Nach einer Weile, fern ab der Realität, holte der Alltag sie in Form von übel stinkender Jauche wieder ein und sie blieb abrupt stehen. Diese dämliche Kuh Ellen Peterson. „Pah, blöde ´Kuhditze`! Obwohl, so wie die sich an den neuen Konrektor ranmacht, wohl eher ´Nackthure`!“

Als die frühabendliche Kälte über Amelies nackte Haut kroch merkte sie, dass es eben doch schon September war. Sie nahm den kalt gewordenen Tee und lief zum Haus zurück; schlüpfte in eine verschlissene Jeans, zog sich ein blaues Sweatshirt über und ging in die Küche. Während sie einen neuen Tee aufsetzte, ging sie die alten Rezepte durch. Vielleicht konnte man auch ein anderes Rezept verfeinern.

„Ach hier, wie wäre es mit den ´Butterwecken` oder hier ´Teufelsbrot`“, fragte sie sich selbst.
Am besten schienen die Safrankekse zu sein. Mit echtem ´Wiesensafran` oder hatte sie ´Wildsafran` genommen. Auf jeden Fall kam es auf die richtige Menge der kleinen Lieblinge an.
Und wenn sie schon dabei war, dann konnte sie doch auch gleich für den ollen Bauer, der immer die Gülle hinter ihrem Grundstück lagerte, ein paar ´Bauernärger` oder ´Bauernfeind` herstellen.

Zwei Wochen Später.

Ellen Peterson war gerade in ihren luftigen Morgenmantel geschlüpft, als es an der Tür klingelte
Sie öffnete sie und nahm erfreut das Paket entgegen. Es hatte keinen Absender, aber es roch herrlich nach frisch gebackenen Keksen. Während sie in die Küche ging, um Kaffee zu machen, öffnete sie das Paket. Nach einem Schluck Kaffee und drei Keksen hörte man nur noch ein lautes Klirren, als der Kaffeebecher zu Boden fiel und hinter ihm her Ellen Peterson.

Zwei Orte weiter.

Amelie stand summend in ihrer Küche und bereitete für das jährliche Spätsommerfest des Dorfes ihre ´Bärlauchbutter` zu. Auf Amelies Arbeitsfläche lagen ausgesuchte Blätter der ´Wiesenlilien`. Mit dieser Butter würde sie dem Bauern mal ordentlich eins aufs Brot schmieren.
„Pah, Herbstzeitlose!“

Fünf Stunden später.

Ihre weiß-graue Lockenpracht tanzte hin und her, das weich fallende Sommerkleid wog sich im Schritte ihrer Hüften, als der Bauer tot zusammensackte.

Letzte Aktualisierung: 24.06.2008 - 20.07 Uhr
Dieser Text enthält 5730 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2020 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.