Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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September 2006
Der alte Mann
von Sabine Poethke

Jeden Tag, wenn ich nach Hause fahre, biege ich in die kleine Straße an der Kirche ein. Der Turm ist verfallen, ein Haufen Schutt liegt neben der Tür. Das Gras wächst wild. Aber unter der Woche, auch am Samstagabend, um achtzehn Uhr und sonntags halb zehn läutet der Pastor die Glocke.
Seit ich vor einem knappen Jahr hierher gezogen war, hatte sich daran nichts geändert.
Ich fuhr die Straße hinunter, um die Kurve herum, dann war es nicht mehr weit. Ich konnte weiter hinten ein Stück meines Zaunes erkennen. Ich musste bei Petersens und Tittels vorbei; war fast daheim.
Doch vorher lag auf meinem Nachhause-Weg noch das vergilbte Fachwerkhaus mit den kleinen Holzfenstern und dem Schilfdach; von dem einige Ballen sicher bessere Zeiten erlebt hatten.
Eine riesige Hecke umspannte mein Nachbargrundstück. Hohe Scheinzypressen ließen wenig Einblick zu. Es gab nur eine Lücke. Keine große, gerade so groß, dass ich über die Auffahrt in den Hof sehen konnte.
Das alte Pflaster wirkte holprig. Moos füllte kaputte Stellen aus. Eine baufällige Scheune lugte hinter dem Haupthaus hervor. Das ganze Gehöft wirkte nicht gerade einladend.
Ich hatte in den Wochen nach meinem Einzug versucht, einen Blick auf den Rest zu erhaschen. Aber die Nadelgehölze wucherten dicht, fast fünf Meter in die Höhe. Sie wehrten neugierige Blicke aus allen Richtungen standhaft ab. Mir war es recht. Ebenso wenig konnte jemand von der anderen Seite zu mir herüberschauen.
Mein Heimweg führte mich also, die enge Straße entlang, daran vorbei. Und unten, direkt in der Einfahrt, stand jeden Tag an dem ich nach Feierabend vorbei fuhr, ein Rollstuhl.
Der Rollstuhl mit dem alten Mann.
Egal ob Sonne oder Regen, ob Schnee oder Sturm.
Er saß da.
Immer, und ich meine wirklich immer, trug er einen Schlapphut. Alt zwar und speckig, doch tat er wohl seinen Dienst gegen jedes Wetter. Seine Kleidung hielt zusammen, aber auch hier war der Verschleiß zu erkennen. Gegen die Kälte schützte ihn eine grobe Pferdedecke. Vor Nässe eine Plane, wie das Regenverdeck eines Kinderwagens.
Das Gesicht des Mannes hatte tiefe Furchen. Ein frisch gepflügter Acker konnte nicht besser aussehen. Jede einzelne schien von seinem Leben zu erzählen.
Ein bewegtes Leben - das nun in der Einfahrt verharrte.
Jeden Tag, wenn ich nach Feierabend an ihm vorbei fuhr, grüßte ich ihn. Er nickte kaum merklich zurück. Dann hob er seine rechte Hand. Sie hatte vorher in seinem Schoß geruht, manchmal auf dem rotbraunen Kater; der oft mit dem Alten zusammen dort hockte oder um die Räder des Rollstuhls streifte.
Der Greis hob also ein Stück seine rechte Hand, nicht viel höher als bis zur Armlehne. Aber hoch genug, damit ich es sah.
Nicht länger als fünf Sekunden bot sich mir dieses Bild. Vielleicht sogar nur knapp fünf Sekunden. Unaufdringlich. Jedes Mal ein winziges Detail.
Ausreichend, um sich einzuprägen.
Ich bemerkte gar nicht, in der ganzen Zeit nicht, wie dieses Bild des alten Mannes ein gewohntes wurde.
Oft nahm ich mir vor anzuhalten. Ich wollte aussteigen, um seine Hand zu greifen und zu schütteln und ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Über das Wetter, die Leute, sein Leben.
Doch ich tat es nicht, nie. Fuhr vorbei, verschob es auf den nächsten Tag.
Oder ich überlegte, während ich meinen Wagen in der Garage abstellte, dass ich kurz die paar Meter zu ihm hinüberlaufen könnte. Um zu fragen, wie es ihm geht. Meistens vergaß ich es schon beim Abschließen des Autos. Spätestens bei einer Tasse Kaffee fiel das Vorhaben ganz von mir ab.
… Um beim nächsten Abbiegen an der Kirche in die kleine Straße, die zu meinem Grundstück führt, erneut aufzukeimen.
Der alte Mann, vermutlich als junger Bursche in den Krieg gerufen und kämpfend an der Front gewesen, sah sicher viele Menschen sterben.
Er selbst hatte vielleicht mit dem Leben gerungen. Gehadert, mit Gott und der Welt. Sammelte dabei die Furchen in seinem Gesicht ein.
Ehe? Arbeit? Ein erfülltes Leben?
Waren es seine Kinder, die ihn jeden Tag in die Einfahrt schoben? Oder lebte er im Altenteil bei den jungen Leuten?
War er zufrieden?
Oder gab es Dinge, die er nicht getan, sondern aufgeschoben hatte?
Träumte er von der vergangenen Jugend und längst verstorbenen Freunden, wenn er ganz allein dort saß? Was hatte er erlebt? Was hätte er anders gemacht und was genau so wieder und wieder?
Ich sollte endlich irgendwann anhalten und mit ihm reden!
Daran dachte ich, als ich heute die Straße hinunter fuhr und zum Gruß ansetzte.

Aber … Die Einfahrt war leer.




© Sabine Poethke

Letzte Aktualisierung: 27.09.2006 - 19.38 Uhr
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