Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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September 2006
Das kleine, hutzelige Männchen macht Urlaub
von Esther Schmidt

Es war einmal ein kleines, hutzeliges Männchen, das lebte in einem hohlen Baum tief im grünen Wald. Jeden Abend saß es auf der Bank neben seiner Tür, rauchte sein Maispfeifchen und ließ den Duft des Tabaks behaglich in die Büsche schweben. Meistens gesellte sich dann das Eichhorn zu ihm, und sie unterhielten sich über alles schöne, was ihnen Freude machte und alles trübe, was sie traurig stimmte.
„Kleines, hutzeliges Männchen“, sagte das Eichhorn einmal. „Jedes Mal, wenn ich zu deinem Baum komme, mag es sein, wann es will, finde ich dich hier auf deiner kleinen, hölzernen Bank sitzend und dein Maispfeifchen rauchend.“
„Das ist wahr“, antwortete das Männchen und nickte bedächtig.
„Bist du niemals fort gewesen?“, fragte das Eichhorn.
„Warum sollte ich denn fort gehen?“, fragte das Männchen zurück und schüttelte den Kopf. „Habe ich nicht alles, was ich brauche? Meine Bank ist hier, mein Baum, mein Pfeifchen und mein Freund, mit dem ich mich unterhalten kann.“ Dabei sah es das Eichhorn vielsagend an.
Das Eichhorn wurde recht verlegen und freute sich über die Worte des kleinen, hutzeligen Männchens. Dennoch genügte ihm die Antwort nicht. Es lebte am Rande des Waldes und manchmal sprang es in den Gärten der Menschen umher um ihr Tun zu beobachten.
„Viele Menschen gehen für eine Weile in die Welt hinaus und kommen dann zurück. Sie nennen es ‚Urlaub machen’.“
„Warum tun die Menschen das?“, fragte das Männchen.
„Weil sie etwas lernen, wenn sie viel von der Welt sehen“, entgegnete das Eichhorn. Das erschien dem kleinen, hutzeligen Männchen sehr klug, und so beschloss es, ebenfalls Urlaub zu machen.
So packte es seine Siebensachen: Sein Niespulver, sein Taschentuch, seinen Sonnenhut, seinen Regenschirm, seinen Tabak und sein Pfeifchen. Und dann legte es noch eine Nuss hinzu, denn sonst wären es ja nur sechs Sachen gewesen. Das alles band es in das Taschentuch und machte sich munter auf den Weg.

Bald erreichte das kleine, hutzelige Männchen eine große Stadt. Als es auf dem Marktplatz stand, staunte es nicht schlecht über die fremden und bedeutsamen Dinge, die es sah. Am meisten aber staunte es darüber, dass so viele Leute auf den Straßen unterwegs waren.
„Wie viele Menschen es gibt!“, sagte es verwundert, „viel mehr, als man zählen kann!“
Es dachte an seinen Baum, den niemand mit ihm bewohnte, und an seinen Wald, den niemand mit ihm teilte, und plötzlich kam es sich sehr einsam vor. Hier gab es so viele Menschen, die alle miteinander reden konnten. Das Männchen hatte nur das Eichhorn, das mit ihm auf der Bank saß, und auch das kam nur am Abend, denn es hatte sein eigenes Nest hoch oben in den Baumwipfeln. Diese Menschen hier lebten nahe zusammen in einer großen Stadt, und es erschien dem Männchen selbstverständlich, dass sie alle gute Freunde sein mussten.
Aber seltsam, die Menschen saßen weder auf Bänken, noch redeten sie miteinander. Statt dessen liefen sie durcheinander. Jeder von ihnen schien ein eigenes, geheimnisvolles Ziel zu haben, so wie die Ameisen, die über ihren Hügel huschen, alle beisammen und doch jede für sich. Das kleine, hutzelige Männchen begann sich zu fragen, wohin denn jeder von ihnen so dringend wollte, und warum der eine dorthin strebte, wo ein anderer gerade her kam. Gab es denn nicht einen Ort, wo sie alle sein wollten?
Da bemerkte das Männchen eine Handvoll Leute, die einem gleichen Ziel zustrebten, und beschloss, ihnen zu folgen.
Mitten in der Stadt erreichten sie einen großen Garten mit Wiesen und Bäumen. Hier gefiel es dem kleinen, hutzeligen Männchen viel besser, als auf den grauen Straßen zwischen den eckigen Häusern. Aber die Leute ließen sich nicht auf den grünen Wiesen des Gartens nieder, sondern liefen immer weiter hinein. So ging auch das Männchen hinterher. Mehr und mehr Menschen gesellten sich zu ihnen, und das Männchen war schon sehr gespannt, was es am Ziel des Weges, finden würde.
Schließlich gelangten sie an einen Zaun, der war aus Holz und Draht gebaut, und viele Menschen standen davor und konnten nicht hinein, obwohl sie es gerne wollten. Doch weil das Männchen so klein und hutzelig war, konnte es durch ein Loch zwischen den Brettern schlüpfen. Neugierig trat es hinter einen Vorhang und stand plötzlich einem großen Mann mit langen, schwarzen Locken gegenüber. Seine Jacke war über und über mit glitzernden Steinen benäht Sie flimmerte und funkelte, dass dem Männchen ganz schwindelig wurde.
"Wer bist du denn?", fragte der Mann mit der Glitzerjacke.
"Ich bin das kleine, hutzelige Männchen", antwortete das kleine, hutzelige Männchen, "und wer bist du?"
"Was? Du weißt nicht, wer ich bin, du Zwerg?" Der Mann in der Glitzerjacke stemmte die Hände in die Seiten, warf sich in die Brust und schüttelte den Kopf, dass seine schwarzen Locken flogen. "Jeder kennt mich! Ich bin ein Star!" Dann winkte er hochmütig mit der Hand und zeigte auf die Menschen, die vor dem Vorhang auf der Wiese saßen. "Sieh nur! All diese Leute sind gekommen, nur um mich zu sehen! Ich weiß nicht einmal, wie viele es heute Abend sind! Dort gehörst du hin, nicht hier her, auf die Bühne!"
Das kleine, hutzelige Männchen bekam ganz große Augen, und es wurde auch fast ein bisschen neidisch auf den Mann in der Glitzerjacke. Ihn besuchte nur das Eichhorn, aber zu diesem Mann kamen so viele Menschen, dass er sie nicht einmal zählen konnte! Der Mann in der Glitzerjacke musste etwas ganz besonderes sein, dass er so viele Freunde hatte.
Plötzlich fühlte das Männchen, dass ihn jemand am Kragen packte und unsanft zu den anderen Leuten auf die Wiese warf.
"Aua!", sagte das kleine, hutzelige Männchen, als es neben einem blonden Mädchen auf seinem Hosenboden landete. Das Mädchen hatte leuchtende Augen und rote Wangen.
"Hast du ihn gesehen?", fragte es ganz aufgeregt.
"Ich habe einen Mann in einer Glitzerjacke gesehen", gab das Männchen zurück.
"Oh, wie wunderbar!", jubelte das Mädchen und klatschte begeistert in die Hände. "Hast du aber ein Glück!"
"Bist du ein Freund von dem Mann in der Glitzerjacke?", wollte das Männchen wissen.
"Oh ja!", nickte das Mädchen. "Ich liiiiebe ihn!"
"Weißt du denn, was er sich zum Geburtstag wünscht?", frage das Männchen. Das blonde Mädchen sah verwundert aus.
"Nein", antwortete es, "das weiß ich nicht."
"Weißt du denn vielleicht, was ihn traurig macht?", wollte das Männchen wissen.
"Nein", antwortete das blonde Mädchen, "das weiß ich auch nicht."
"Und weißt du dann aber", versuchte es das Männchen noch einmal, "was ihn zum lachen bringt?"
"Nein", entgegnete das blonde Mädchen. "Das weiß ich auch nicht. Du stellst aber komische Fragen."
Da hörte das kleine, hutzelige Männchen auf, Fragen zu stellen, denn es hatte verstanden. Es rappelte sich auf, legte seinen Regenschirm mit dem Taschentuchbeutel über die Schulter, und nachdem es sich artig verabschiedet hatte, machte es sich auf den Heimweg.

Als das Eichhorn am nächsten Tag zum hohlen Baum kam, sah es das kleine, hutzelige Männchen auf seiner Bank sitzen und sein Pfeifchen rauchen.
„Hat dir dein Urlaub gefallen?“, fragte das Eichhorn.
„Nun, nun“, antwortete das Männchen. Es wiegte bedächtig den Kopf. „So und so.“
„Und was hast du gelernt in deinem Urlaub?“, fragte das Eichhorn weiter.
„Ich habe gelernt, dass die Welt sehr groß ist, und dass es so viele Menschen gibt, dass niemand sie zählen kann.“
„Das ist sehr klug“, sagte das Eichhorn. „Und was hast du noch gelernt?“
„Ich habe gelernt, dass sogar ein einzelner Mensch so viele Freunde haben kann, dass er sie nicht zählen kann.“
„Das ist sehr interessant“, sagte das Eichhorn. „Und was hast du noch gelernt?“
„Ich habe gelernt, dass ein einziger Freund völlig ausreichend ist, wenn es ein [I]richtiger [/I]Freund ist“, sagte das kleine, hutzelige Männchen, und sah das Eichhorn ernst an. Da freute sich das Eichhorn und wurde ganz verlegen.
„Da hast du aber wirklich viel gelernt, in deinem Urlaub“, sagte es bewundernd.
„Ja“, sagte das kleine, hutzelige Männchen und ließ ein paar Rauchwolken in die Luft schweben. „Tatsächlich glaube ich, dass ich alles gelernt habe, was man wissen muss. Und darum muss ich auch nie wieder Urlaub machen.“

Letzte Aktualisierung: 27.09.2006 - 10.18 Uhr
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