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September 2006
Und die Welt hebt an zu singen
von Alexander Bahrt

Richard war von zu Hause abgehauen. Er konnte es nicht mehr hören: „Mach endlich was Vernünftiges!“
„Die Bücher zerfransen dir noch den Kopf!“
„Such dir Arbeit!“
In die Mühle des Broterwerbs und des Konsums sollte er. Er wollte da nicht hinein. Oder zumindest noch nicht …

Er war auf der Straße. Mit ein paar Büchern hinten in seinem Seesack. Einige seiner Klamotten hingen außen daran, um zu trocknen. Er hatte sie im Fluss gewaschen. In guter Hoffnung hielt er den Daumen raus. Doch niemand kam, der ihn mitnahm! Lieber ging er den Weg durch Wald und Wiesen. In ein paar Stunden wäre er am Stadtrand. Von dort könnte er als Schwarzfahrer die Bahn in das Zentrum nehmen, denn er musste sehr sparsam sein. Viel hatte er nicht mehr von dem Schein übrig, den er des Nachts aus Vaters Tasche entführt hatte. Eine knappe Nachricht auf dem Küchentisch: „Bin irgendwann zurück Ciao Richard“.

Aus finanziellen Gründen war er jetzt auf dem Weg in die Stadt. Es träumte ihm alles bunt vor, was da käme. Wie er so zwischen Feldern dahin spazierte, aus denen Kornblumen, Raps und Mohn hervor lugten und miteinander tuschelten, murmelte er Verse vor sich hin. Mal wirkte sein Gesicht angespannt, mal lösten sich dessen Züge, wenn der Wind ihm einen halb vergessenen Reim zugeraunt hatte. Oder er nahm eines seiner Bücher und schaute an der entsprechenden Stelle nach. Dann rollte er die Augen nach oben, hob leicht den Kopf und entließ gleichzeitig ein kurzes „Hmmm …“ durch die Nase, das bedeuten sollte: „Ach ja! So war das!“
Der Mittag kam und er bereitete sich ein Müsli aus einem gepflückten Apfel, ein paar Trockenpflaumen und Haferflocken, die er in Wasser aufquellen ließ.
Jetzt nur nicht müde werden, dachte er, als er weiter drängte. Schon waren die Neubaugebiete am Stadtrand erkennbar. Eine halbe Stunde später befand er sich inmitten des „Ghettos“. Neubau? Alles sah nach Auszug und Abriss aus. Er dachte: Hier ist kein Platz für Poesie! Ängstlich stieg er in die Bahn, die an der Haltestelle wartete …

Auf dem großen Platz im Zentrum sah er einige Leute Kunststückchen treiben: Pantomime, Jonglieren und derlei Dinge. Ein paar hingen einfach so herum und ließen sich die Sonne gefallen. Wiederum andere versuchten, an ihren kleinen Ständen etwas zu verkaufen.
Richard suchte sich ein Fleckchen in einiger Entfernung, um sich von den Rufen der Verkäufer einigermaßen ungestört auf sein Vorhaben vorbereiten zu können. Auf eine der Pappen, die er in einer Seitenstraße gefunden hatte, schrieb er:

„Gedichte auf Nachfrage: Spende bei Gefallen!“

Er stellte das Schild vor sich hin. Genauso die Schüssel, die sonst mit Haferflocken gefüllt war. Dann nahm er im Schneidersitz auf einer dünnen Decke Platz. Es herrschte hektisches Treiben. Viele liefen vorüber, ohne ihn zu bemerken. Andere schauten verwundert auf ihn herab. Bis endlich jemand stehen blieb, verging eine Viertelstunde.
Eine ältere Dame fragte: „Hallo junger Mann. Was für Gedichte können Sie denn?“
„Na von allem etwas“, erwiderte Richard noch ein wenig schüchtern, aber in leiser Freude, „am meisten von Wilhelm Busch. Wenn Sie jedoch lieber etwas von Schiller hören wollen …“
Die Frau überlegte. „Ich mag Hölderlin sehr …“
„Sie haben Glück. Eines kenne ich von ihm. Mal sehen, ob Sie es auch kennen.“ Richard strahlte. Er hatte versucht, von möglichst vielen Dichtern zumindest ein Gedicht zu lernen.
Die Frau machte ein erwartungsvolles Gesicht, als er sich erhob und sich nach zwei, drei Räuspern in’s Zeug warf:

„Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!...“

Als er seinen Vortrag beendet hatte, es war ihm alles perfekt aus dem Mund geflossen, strahlte nun wiederum die Frau. „Hyperions Schicksalslied! Natürlich kenne ich das… Oh könnten Sie noch eines…?“
„Sicher“, sagte Richard begeistert, „vielleicht kennen Sie auch das hier:

An den Mond

Schwester von dem ersten Licht,
Bild der Zärtlichkeit in Trauer,…“

„Es ist Goethe, nicht wahr?“ fragte sie und nachdem er nickte, verlangte es sie nach etwas Heiterem. „Sie sagten, Sie könnten das meiste von Wilhelm Busch?“
Richard ließ vier kurze Gedichte folgen. Sie fielen ihm deutlich leichter als die beiden ersten. Die Frau bedankte sich freundlich und ließ ein paar Münzen in die Schüssel fallen, bevor sie weiterging.

Es kam eine ehemalige Studentengruppe. Sie wollten alle Gedichte hören, die sie in der Schule gelernt hatten.

„…Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard.“

Ein Mädchen kam hinzu. Es hatte Liebeskummer. Da wusste Richard Trost zu spenden:

„Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern, künftigen Tagen,…“

Richard hatte nun eine beträchtliche Menschenmenge um sich geschart. Jung und Alt staunte über seine Fertigkeiten oder betrachtete ihn zumindest interessiert. In seiner Schüssel befanden sich einige Münzen. Das würde ihm ganz sicher weiter helfen.
„Können Sie auch die Ode?“ fragte jemand. Richard freute sich. Er wusste, was gemeint war. Ein großer Moment. Er kannte die ganze Ode und begann kurze Zeit darauf, sie zu rezitieren.

„…Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur,…“

Als er dies sprach, drang von ganz hinten eine empörte Stimme zu ihm und unterbrach den Vortrag. „Auf so etwas habe ich nur gewartet, junger Mann. Jetzt ist Schluss! Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses! Haben Sie überhaupt eine Erlaubnis für ihr unverschämtes Treiben?“
Die hatte Richard nicht. Brauchte er die denn? Auch einige der Zuhörer bezweifelten dies und begannen zu diskutieren. Der Mann, zu allem Überfluss ein Polizist, gab nicht nach. Richard sollte den Ort verlassen, möglichst auch die Stadt. „Ich will Sie hier nicht mehr sehen!“ sagte der überbeflissene Mann drohend, der sich hier eingeschlichen hatte wie ein Mitglied eines Geheimdienstes. Allen und besonders Richard war jede Freude genommen…

Drei Wochen vergingen, in denen sich Richard außerhalb der Stadt aufhielt, auf einem Bauernhof für Verpflegung und Unterkunft arbeitete. Von früh bis spät. Nein! Das war nicht sein Ding. Er ärgerte sich darüber, dass er so schnell verschwunden war, als der Polizist ihm die Vorhaltungen gemacht hatte.
Nach ein paar Tagen auf dem Bauernhof hatte er den Bauer gefragt, ob er ein Gedicht zu hören wünsche. Dieser wollte Richard aber nur für Stall und Hof. „WAS willst du mir erzählen?“
Richard übte die Abende seine Gedichte und manchmal bis tief in die Nacht. Tagsüber war er unkonzentriert und langsam bei der Arbeit, sodass der Bauer ihn häufig ermahnte und letztlich fort schickte. „Für all das gute Essen hier schaffst du zu wenig. Ich kann dich nicht gebrauchen!“
Richard war es eigentlich ganz recht. Er dachte an die Stadt und an den Tag, an dem er die Leute begeistert hatte. Nun war er wieder auf dem Weg. Nur wenige Straßenzüge, Gassen, Kreuzungen noch. Wie wohl war es ihm trotz all des Schmutzes, Lärmes und all der Hektik. Für ihn war das hier und jetzt das Leben…

Noch bevor er den Platz voll einsehen konnte, vernahm er die Rufe einiger Verkäufer. Wie er zunächst dachte. Aber dann hörte er sie deutlicher:

„Schiller hier!“

„Die Ode für einen Euro!“

„Hierher Leute! Die Gedichte der Meister!“

Richard konnte seinen Ohren nicht trauen. Und seinen Augen erst recht nicht, als er die Rufer erblickte. Sie haben sich schon spezialisiert, dachte er. Drei, vier von ihnen konnte er schnell ausmachen. Konkurrenz war es schon für ihn, aber er war zu fasziniert, um auf diesen Gedanken zu kommen. Vielmehr wollte er sich gleich einen Platz suchen, um auch los zu legen. Seine Idee! Irre! Aber das waren ja hier richtige Marktschreier. Er sprach vor sich hin:

„Und die Welt hebt an zu singen!“

Letzte Aktualisierung: 26.09.2006 - 16.03 Uhr
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