Der Tod aus der Teekiste
Der Tod aus der Teekiste
"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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Oktober 2006
Wandel der Zeit
von Sabine Poethke

Er schlich sich an, sah voller Gier auf ihren behaarten Rücken. Der Wind blies ihm entgegen. Wie günstig. Sie würde ihn erst bemerken, wenn er dicht an ihrem Körper war.
Zu spät für sie um zu entkommen.
Sie stand am Waldrand, nackt, nur in ihrem dünnen Fellkleid und pflückte Beeren von einem der Sträucher. Sie verschlang die saftigen Früchte, die den Durst löschten und sie sättigten, ihren Körper stärkten.
Sie bemerkte, entdeckte ihn aus dem Augenwinkel, sah ihn näherkommen. Er ging gebeugt und mit leichtem Schritt.
Lautlos.
Da! Seine großen Hände umklammerten ihre Hüften und während sie weiter einige Beeren pflückte, leckte er an ihrem Körper. Seine Zunge glitt zwischen ihre Beine, er knurrte dabei. Schmatzte, schnüffelte mit zuckender Nase. Hastig sog er ihren Geruch ein, der ihm lockend entgegenströmte.
Und ohne das er genau wusste, warum, lenkte er sein stark geschwollenes und heftig pochendes Ding genau an die passende Stelle.
Das Weibchen stand bewegungslos, stieß gurgelnde Laute aus und ließ ihn tun, was er tun musste. Er rammte so lange in ihren Körper, bis alles aus ihm in sie geflossen war.
Sein Brüllen schallte über das Land. Er stupste sie kurz mit der Nase, biss ihr vor Freude in den Nacken und ließ von ihr ab.
Sie hatte sich indes umgedreht, schlug ihm mit der Hand ins Gesicht. Bleckte die Zähne und fauchte ihn an.
Auch er zeigte die Zähne, seine Oberlippe zuckte. Dann lief er halb geduckt davon, in den üppig bewachsenen Wald hinein.
Sie schüttelte den Kopf, ihren Körper. Sah ihm nicht nach, sondern begann wieder damit Beeren zu pflücken.
Satt und zufrieden legte sie sich hinter den Busch ins weiche Gras und schlief ein.
Ihr Körper schwoll einige Monde lang stetig und sie bewegte sich mühsam. Sie war weiter gezogen, wie alle anderen ihrer Art, hinunter zum Fluss, um die trockene Zeit zu überstehen.
Sie hatte schon früher so etwas erlebt, erinnerte sich an die Schmerzen. Vor allem an den Schmerz, den sie fühlte, als eines Morgens ihr Junges blass und klein neben ihr lag.
Donnerschläge durchzuckten ihren Körper. Ihr Bauch drohte zu zerspringen. Sie lief an einer seichten Stelle in den Fluss hinein, bis zur Brust. Ihr Körper fühlte sich leichter an und auch das Atmen fiel nicht mehr so schwer.
Die Schmerzen änderten sich. Fest biss sie auf den Stock, voller Kraft, immer dann, wenn es unerträglich wurde.
Flutsch.
Ihr Bauch war leer und instinktiv griff sie nach dem, was das Wasser hochtrieb. Sie trug es an Land, legte es auf Blätter. Trennte mit den Zähnen die Schnur durch, die beide Körper verband.
Das neue Leben schrie.
Sie bäumte sich auf, presste einen Klumpen aus ihrem Unterleib. Den fraß sie, bevor sie das Kleine sauber leckte und in Blätter hüllte.
Sie sah auf das Wesen im Naturkleid, stupste es vorsichtig mit der Nase. In ihr breitete sich ein Glücksgefühl, vermischt mit Sorge, aus.

Sie stand im Feld, mitten in der Erntezeit. Jeder wurde gebraucht. Stöhnen und Verzagen durfte nicht laut werden, es wurde geackert. Ohne Pause..
Die Früchte des Feldes mussten eingefahren werden, alles andere war dem Besitzer nicht wichtig. Er trieb die Meute auf den Feldern an, mit starker Hand. Unerbittlich.
Der Herr hatte sie von ihren Eltern gekauft und mit in sein Haus genommen. Sie gehörte ihm und er behandelte sie oft wie der wilde Hengst eine festgezurrte Stute.
Der Bauch des Mädchens war rund angeschwollen, hinderte sie bei der Arbeit. Sie schwitzte, erbrach oft und ihre einst so schimmernde Braunhaut sah matt und aufgedunsen aus. Trotzdem kam der Herr jede Nacht in die kleine Kammer und stocherte in ihr herum, bis er wie ein satt grunzendes Schwein schnarchte.
„Herr, bitte, ich möchte das nicht. Ihr tut mir weh.“, sagte sie einmal. Da hatte er sie ganz böse angesehen und am nächsten Tag war ihr Teller nur halbvoll gewesen. Seitdem ertrug sie es still und die Portion Essen hielt sie am Leben, ohne das ihr Magen knurrte.
Sie lief gerade mit einem Korb vom Feld, zum wiederholten Male zu dem großen Wagen, da durchzog sie ein Schmerz, als hätte die Sense sie in der Mitte geteilt.
Sie brach zusammen, sah blass aus, verhärmt, wie sie da am Wegrand lag. Der Herr schickte die beiden ältesten Frauen zu ihr, die schleppten sie zum Wagen.
Die Arbeiter pflückten weiter, während die Dunkelhäutige das Kind ihres Besitzers auf die Welt presste.
Ein kräftiges, gesundes Mädchen mit großen Augen. Die Mutter, schwach von den Strapazen, vollkommen erschöpft, sah auf ihr Baby und ein Lächeln lag in ihrem Gesicht. Sie wünschte das Beste für ihr Kind.
Hoffte, dass der Vater der Kleinen diese am Leben ließ und sie gut behandeln würde.
Hoffte dies, bevor sie die Augen schloss. Für immer.

„Bitte, lasst uns hinein!“ Der Wanderer donnerte mit seiner Faust an die Tür und brüllte. Einen Spalt breit wurde ihm geöffnet, ein Lichtschimmer fiel heraus.
Der Mann im Schlafkleid blickte finster auf die Besucher und beleuchtete mit der Laterne die Gesichter der Menschen, die draußen standen.
„Die Herberge ist geschlossen. Seht zu, dass ihr euch davonschert! Solch Pack wie ihr ist uns nicht willkommen.“, spuckte der Dickbeleibte Gift und Galle.
„Bitte …“ Der um Einlass bat, blickte flehend. „Bitte, erbarmt euch! Meine Frau trägt ein Kind und es meldet an, dass es auf diese Welt möchte. So habt doch ein Herz!“
Der Herbergsvater knurrte unwillig. „Ich schick den Knecht, damit er euch in den Stall führt. Die Magd bringt euch Wasser. Wenn das Balg da ist, kuscht euch! Ich will hier kein Ungeziefer.“ Er zog krachend die Tür zu.
Die junge Frau gebar in dieser Nacht einen Knaben, mit lockigem Haar und klaren Augen.
Kläglich wimmerte sie, ihr Gefährte hielt ihre Hand und strich ihr mit einem Lappen den Schweiß von der kalten Stirn.
Die Magd, erfahren im Kälber auf diese Welt holen, zog den Jungen aus dem Schoß der Mutter und hielt ihn gen Himmel.
„Euch ist ein prächtiger Bursche geschenkt.“, sprach sie zu den Eltern, küsste das Kind auf die Wangen und wickelte es in ein Leinentuch, das sie aus der Wäschekammer der Herrschaft genommen hatte.
Der Vater nickte seiner Frau zu, streichelte ihren Arm und nahm dann seinen Sohn entgegen, um ihn willkommen zu heißen.
Am nächsten Morgen, die Sonne begann gerade hinter den Bäumen empor zu steigen, packte er in die Säcke an den Seiten des Esels Hab und Gut, hob Frau und Kind hinauf.
Sie zogen weiter, wie schon die Monate vorher. Die junge Frau trug ihr Kind in einem Tragetuch auf ihrem Schoß und sooft sie in das kleine Gesicht blickte, sooft bezauberte ein Lächeln ihre Lippen.
Sie dankte Gott im Stillen für dieses Geschenk. Sie wollte es hüten, beschützen, damit es nie ein Leid erfahren würde.

„Ahh!“
Der Schrei rollte durch den Flur des Krankenhauses, prallte an den Wänden ab und fand seinen Weg in die Cafèteria. Schwang in dem Aufenthaltsraum für werdende Väter hin und her, drang bis in den Kopf des jungen Mannes. Der Dreißigjährige fingerte nervös am Kaffeeautomaten herum.
„Verdammtes Ding!“, fluchte er und schlug mit der Hand gegen den Kasten.
„Na, na. Er kann doch nichts dafür!“ Die Hebamme tätschelte seine Schulter. „Kommen Sie mit, mein Lieber, ihre Frau braucht Sie. Wir müssen jetzt gaaaanz tapfer sein!“ Streng nahm sie ihn bei der Hand und lenkte ihn zielgerichtet und bestimmt in die Höhle des Löwen.
„Ahhhh! Holt es raus! Ich will die PDA, wie mit meiner Ärztin verabredet!“ Die Schwangere lag zusammengekrümmt auf dem Bett.
Die Hebamme nickte dem werdenden Vater aufmunternd zu.
Der blickte ängstlich auf seine Frau, die er zu kennen geglaubt hatte.
„Hallo, mein Liebling, wie geht es dir?“ Er streichelte vorsichtig ihren Rücken. Seine Stimme klang unsicher.
Sie blickte zu ihm auf, die Brauen in der Mitte zusammengekniffen. Der Ausdruck in ihren Augen verhieß nichts Gutes. Sie würde ihm sicher sagen, was sie von ihm hielt, wenn die Wehe vorüber war.
Und er behielt Recht.
„Wie geht es einem wohl, wenn man gerade das Gefühl hat, es platzt gleich der Hintern? Dummer Hund!“ Ein paar Tränen der Wut und des Schmerzes bahnten sich ihren Weg.
„Aber Liebling, was hast du denn? Ich bin doch wieder da.“, versuchte er zu retten, wo es nichts zu retten gab.
„Ach, willst du tauschen? Dann kannst du ja diese tierischen Schmerzen aushalten! Doktor, wo bleibt die PDA?“
Weiter konnte die Frau nicht über die schmerzfreie Geburt verhandeln. Die nächste Wehe rollte an.
Und ihr Mann stand da und wusste, dass alles seine Schuld war. Sie hatte es in den letzten Stunden oft genug betont. Mieses Schwein und dummer Hund waren das Harmloseste, was sie ihm entgegen geschrieen hatte.
Dazu dieses Blut, überall Blut!
Die Schreie, das Gestöhne!
Ihm wurde übel. Er schnappte nach Luft.
Lange hielt er das nicht mehr aus.
„Pressen Sie!“, brüllte die Hebamme. „Pressen Sie!“
Ihm wurde schwarz vor Augen.
Dieses Blut, dieses viele Blut! Er hörte die Hebamme aus der Ferne durch Watte reden. „Wollen Sie die Nabelschnur durchschneiden?“, fragte sie.
Das war der schlimmste Tag seines Lebens! Er kotzte wie ein Reiher, sah kurz das Baby, das Blut, rollte die Augen und schlug hart auf den Kreißsaalboden.
Die Lernschwester drückte einen nassen Lappen auf seine Stirn. Sie schmunzelte, als er zu sich kam.
„Sie sind nicht der Erste. Müssten haufenweise Dellen zu sehen sein …“ Der Arzt lachte. „Gratulation zu einem gesunden Mädchen!“
Der frischgebackene Vater sah das blutige Etwas. Klein und schrumplig lag es auf der Brust der Mama.
Er trat ans Bett, ging instinktiv in Deckung und hörte erstaunt seine Frau sagen: „Das ist das schönste Geschenk!“ Und während bei ihr die Glückshormone die ertragenen Schmerzen überdeckten, schaute er verstört drein.
„Sehen Sie, alles halb so schlimm. Kommen Sie, Papi, wir gehen die Kleine baden.“ Die Hebamme nahm das Kind in den einen, den verdutzten Papa an den anderen Arm und brachte beide zur Badewanne.
Er lief wie eine Aufziehpuppe, dachte dabei zurück an den schlimmsten Tag seines Lebens.
„Das ist der schönste Tag unseres Lebens!“, rief seine Frau hinter ihm her.
Er schluckte, schwieg und plante in Gedanken ein Projekt zu starten. Zur außerkörperlichen Aufzucht des Nachwuchses.

© Sabine Poethke

Letzte Aktualisierung: 21.10.2006 - 20.34 Uhr
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