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Oktober 2006
Kalter Hass
von Marcus Watolla

Er stand auf, wie jeden Tag zuvor. Keine Erregung. Keine Angespanntheit. Und das Wichtigste: keine Furcht.
Gestern hatte er das Video gedreht. Hatte sich verantwortlich gezeigt für die Tat, die es nun zu vollbringen galt. Dabei sprach er von seinem Gott und der Rache. Er redete ruhig über den langen Leidensweg seiner Leute, die in all den Jahren so sehr unter dem Regime der Feinde gelitten hatten. Und er sprach vom Sieg über die Tyrannen, auch wenn es noch noch hundert Jahre dauern würde.
Dieses Video würden sie im Fernsehen zeigen. Er wusste, seine Familie und Freunde würden stolz auf ihn sein. Mutter würde es wahrscheinlich nicht verstehen. Sie würde um ihren jüngsten Sohn trauern. Aber was wissen Frauen schon von Politik?
Er war beseelt von einem Gefühl der Rache gegenüber den Tyrannen. Dabei war es ein glühender Hass, der sich tief in seine Seele gefressen hatte wie eine Säure. So oft musste er mit ansehen, wie sie Bomben auf sein Volk warfen. Und das schlimmste: er musste miterleben, wie sie am helllichten Tage die Wohnung eines Freundes gestürmt und ihn verhaftet hatten.
Ebenso musste er miterleben, wie sie mit ihren Bulldozern gekommen waren, um das Haus der Familie eines Mitstreiters nieder zu reißen. Dabei kannten sie kein Mitleid. Die Familie war mitschuldig an der Tat des Sohnes, der sich in einem vollbesetzten Bus in die Luft gesprengt hatte. Die Familie war in ihren Augen Mitwisser. Deswegen musste sie bestraft werden. So kamen sie in der Nacht, traten ihnen die Tür ein, zerrten sie aus den Betten und rissen ihr Haus nieder.
Er ballte bei diesen Gedanken in stummer Wut die Fäuste.
Ja, er hatte lernen müssen, seinen glühenden Hass zu verbergen. Sie brachten ihm bei, seine Gefühle zu beherrschen, sie nicht zu zeigen. So etwas konnte das große Ziel verraten. Sich selbst verraten. Er musste sich beherrschen, um die eigentliche Aufgabe nicht zu gefährden.
Im Flüchtlingslager im Libanon lernte er mit Waffen umzugehen. Dort fanden sie ihn. Das Kind von Vertriebenen, das noch nie seine Heimat gesehen hatte, denn er war im Lager geboren worden, war mit dem Hass der Vertriebenen aufgewachsen. Sie waren geflohen, als seinem Vater die Verhaftung gedroht hatte. Vor über zwanzig Jahren.
Dort fanden sie ihn, die Hamas, lehrten ihn die heiligen Sprüche des Korans, brachten ihm die Religion bei, die er eigentlich schon fast vergessen hatte. In den Moscheen hörte er von der Unterdrückung seiner Brüder und Schwestern, seiner Leidensgenossen. Er lernte den Hass kennen und wenn er abends in die ärmliche Wohnung seiner Eltern zurückkehrte, in der sie auf engstem Raum mit acht Personen lebten, fragte er sich, ob das alles gerecht war.
Ja, sie brachten ihm das Handwerk der Befreiung bei. Sie sagten ihm, dass er sein Leben einem hohen und edlen Ziel opfern würde. Dass ihn als Lohn für seine Aufopferung zweiundsiebzig Jungfrauen im Paradies erwarteten. Er glaubte ihnen irgendwann, betrachtete sein Leben bald als eine Station vor der großen Glückseligkeit. Seine Existenz war nur ein kleiner Augenblick vor dem Paradies.
Viel konnte man nicht im Lager lernen, sie brachten ihm fast ausnahmslos die Suren des Korans bei. Für andere Sachen gab es keinen Bedarf. Er begriff und akzeptierte es.
Er ging langsam den Flur entlang und betrat das kleine Badezimmer, in dem er sich wusch. Er wollte sauber und gereinigt vor seinen Gott treten, das war wichtig. Symbolisch wusch er die Sünden seines irdischen Daseins fort.
Erinnerungen überfluteten ihn wieder.
Sie hatten das Flüchtlingslager gestürmt. Waren einfach einmarschiert in ein legitimes Land und griffen an. Flugzeuge donnerten über ihn hinweg, Bomben fielen. Panzer röhrten die Straße mit quietschenden Ketten herauf. Schüsse peitschten.
Sie wehrten sich.
Warfen Steine.
Einige hatten auch Waffen, mit denen sie sich verteidigten.
Doch die Übermacht der Tyrannen war zu groß. Sie überrollten alles mit ihren Panzern, verhafteten oder töteten viele von ihnen. Als sie wieder abzogen, hatten sie die meisten Jungen und Männer verschleppt. Auch seinen Vater und seine Brüder. Er war nur entkommen, weil er sich in den Trümmern eines Hauses verstecken konnte. Er und einige weitere Mitstreiter.
Da hatte er sich geschworen, sich zu rächen.
An diesem Tag verlor er den letzten Zweifel.
An diesem Tag verlor er seine letzten Hemmungen.
So wartete er, bis er an der Reihe war. Und letzte Nacht waren sie zu ihm gekommen. Sie sagten zu ihm: „Es ist an der Zeit, dass du dein heiliges Werk verrichtest, Ahmed.“
Sie gaben ihm den Gürtel mit dem Sprengstoff und legten die Batterien in den Auslöser. Sie erklärten ihm, wie der Schalter funktionierte.
Er nickte. Hatte verstanden.
Mit achtsamen Fingern schnallte er sich jetzt den Gürtel um, verbarg den Auslöser mit dem dünnen Kabel unter seiner Jacke und zog die Schuhe an.
Der Fahrer kam pünktlich wie verabredet.
Er sollte ihn durch die mit vielen Straßensperren gesicherten Vorposten schmuggeln. Dazu hatte man dem Fahrer bestimmte Anweisungen gegeben.
„Bist du bereit?“, fragte er.
Ahmed nickte.
Ja, er war bereit. Und ruhig. Innerlich und äußerlich. Die einzige Sorge, die ihn quälte war, dass sie unter Umständen kein lohnendes Ziel fanden. Denn ein Ziel hatten sie ihm nicht genannt. Er sollte eins wählen. Eine Ansammlung von Menschen. Ein Café. Ein Einkaufszentrum. Vielleicht auch wieder einen Bus.
Als er auf die Straße trat, nahm er den jungen Tag intensiver als sonst wahr. Die Sonne schien heller, die Gerüche der Straße waren deutlicher. In einem Blumenkasten am anderen Ende der Straße wuchsen wunderschöne, bunte Blumen. Ihre Farbe war eindrücklicher als sonst.
Sie fuhren eine Weile schweigend, keiner von ihnen sprach ein Wort. Ahmed fühlte sich erhaben über all dem Weltlichen.
Keine Furcht. Keine Erregung. Nur Kälte.
Als sie an die erste Straßensperre fuhren, winkte der schwerbewaffnete Posten sie durch. So einfach hatte er es sich gar nicht vorgestellt. Aber es war in den letzten Wochen auch ruhig gewesen. Es waren keine Anschläge verübt worden.
So erreichten sie die Innenstadt.
„Dort“, sagte Ahmed und zeigte mit dem Finger auf ein kleines Café am Straßenrand. An den Tischen auf der Terrasse saßen bereits einige Menschen.
Nein.
Keine Menschen.
Ziele.
Der Fahrer hielt an.
Ahmed stieg aus.
Langsamen Schrittes ging er auf das Café zu, betrat das Innere. Enttäuscht musste er feststellen, dass dort kaum jemand saß. Bei dem schönen Wetter waren sie alle draußen.
Er biss sich auf die Unterlippe. Im Innern hätte der Sprengsatz wesentlich mehr Wirkung gehabt ...
Er beschloss, einige Zeit zu warten. Kaltblütig setzte er sich an einen Tisch, bestellte einen Kaffee und verharrte. Die Zeit verging schleppend. Doch während sie verstrich, füllte sich auch das Lokal langsam mit Gästen.
Er wartete.
Wartete, bis genug Ziele anwesend waren.
Bis genügend Ungläubige im Café saßen.
Der Raum summte leise. Sie unterhielten sich, ahnten nichts von dem Verderben, dass er gleich über sie bringen würde. Diese Ungläubigen. Ahmed dachte an seinen Vater, an seine Brüder. Er erinnerte sich an die liebevollen Augen seiner Mutter, die sich über Nacht in Seen der Traurigkeit verwandelt hatten.
Kalter Hass stieg in ihm auf.
Langsam verschwand seine Hand unter der Jacke.
Er fühlte den Auslöser kalt zwischen seinen Fingern.
Er sprang auf, rief: „ Allah uh akkba!“ und legte den Schalter um.
Ein Knall.
Dann ... Schwärze.

Letzte Aktualisierung: 16.10.2006 - 13.34 Uhr
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