Ganz schön bissig ...
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Oktober 2006
Aus, Brutus!
von Christine Hettich

Meine Ehe?
Eine einzige Katastrophe! Bereits kurz nach der Hochzeit offenbarte Heinz sein wahres Gesicht: das eines Despoten und notorisch schlecht gelaunten Tyranns. All die Jahren habe ich seine Launen geduldig ertragen. Ich hatte nicht den Mut auszubrechen.
Lena, unsere Tochter, zog an ihrem achtzehnten Geburtstag aus. Seither hat Heinz kaum noch mit mir gesprochen. Nach seiner Pensionierung legte er sich einen Computer zu und verbrachte seine gesamte Freizeit vor dieser Kiste.
„Du schaust dir Kontaktanzeigen an?“, fragte ich ihn neulich, nachdem ich einen Blick über seine Schulter geworfen hatte.
„Spionierst du mich jetzt aus? Schleicht sich von hinten an! Das sieht dir ähnlich. Kümmere dich lieber ums Mittagessen.“
Obwohl ich nun vorgewarnt war, überraschte es mich dennoch, als er mir eines Tages mitteilte, dass er übers Internet die Frau seines Lebens kennen gelernt habe.
Die Frau seines Lebens, dass ich nicht lache! Ein junges Ding laut seinen Angaben! Was wollte die nur mit dem alten Sack? Wahrscheinlich hatte er ihr erzählt, dass er eine fürstliche Rente erhalte.
„Du wirst ausziehen müssen“, verkündete er mit einem zynischen Grinsen.
Wie gesagt, ich habe jahrelang all seine Launen geduldig, ja sogar demütig, ertragen. Nun war das Fass aber voll. Verlassen, werde ich unsere Wohnung auf keinen Fall. Niemals!
Mit unermüdlicher Energie versuchte er seither mich zu zermürben, meinen Willen zu brechen.
An unserem Hochzeitstag zum Beispiel. Vierzig Jahre Ehe! Das stimmte mich melancholisch. Ich saß in der Küche und grübelte vor mich hin, als Heinz aus dem Wohnzimmer kam und mir einen Stoß Blätter vor die Nase hielt.
„Schau mal“, sagte er mit einem spöttischen Lächeln, „was ich mir kaufen werde.“
Mich packte das Entsetzen. Hässliche Kreaturen waren da abgebildet: Kampfhunde. Zeit meines Lebens habe ich Angst vor solchen Tieren gehabt.
„Du willst doch nicht etwa ...?“, stammelte ich.
„Oh doch, ich will. Wir werden schon sehen, ob du ausziehst oder nicht.“
Ungläubig schaute ich ihn an. In seinen stahlblauen Augen erkannte ich Hass. Seine schmalen, farblosen Lippen hatten sich zu einer abscheulichen Grimasse verzogen. Es kam mir vor, als würden ihm seine letzten Haare zu Berge stehen. War es möglich, dass seine Abneigung mir gegenüber solche Dimensionen angenommen hatte?
Betont lässig schenkte er sich Kaffee ein, während ich mich in meine trübselige Innenwelt zurückzog. Als ich wieder in der Realität ankam, hatte er das Haus verlassen. Der Computer war noch an. „Zuchtstätte für Bordeauxdoggen“, stand auf dem Bildschirm. „Große bis sehr große Hunde mit muskulösem Körperbau und mächtigem Kopf.“ Ich musste an meine kleine, hagere Statur denken. „Klappergestell“, nannte mich Heinz, wenn er besonders nett sein wollte. Bestimmt würde ich für solch einen Hund nur einen Bissen darstellen.
Es kam, wie es kommen musste, eines Tages brachte Heinz so eine Kampf- und Beiß -Maschine ins Haus. Wahrheitsgemäß sollte ich sagen, dass es der Hund war, der meinen Mann nach Hause zog. Offensichtlich hatte Heinz diese Bestie nicht im Griff.
„Aus, Brutus!“, waren von da an die Worte, die am häufigsten aus dem Wohnzimmer oder Flur zu mir drangen. Ich traute mich kaum noch aus der Küche. Allein das Aussehen des Hundes fand ich furchterregend: Ein vor Kraft strotzender, ausgewachsener Fleischbrocken mit ausgeprägten Lefzen. Sein Gewicht schätzte ich auf gute 55 Kilo. Zum Glück verbrachte Heinz nun die meiste Zeit in unserer Datsche. Angeblich wollte er sein Sabbermonster dort dressieren. Ich hatte mich indessen mit dem Internet vertraut gemacht. Da mein Mann selbstverständlich davon ausging, dass ich dazu zu dumm wäre, hatte er sich keinerlei Mühe gegeben, seine E-Mails durch ein Passwort zu schützen. Nein, Skrupel hatte ich keine, als ich sie durchlies. Möglicherweise wird mir dies sogar das Leben retten. Ich verspürte seit einiger Zeit das diffuse Gefühl einer Bedrohung ausgesetzt zu sein. Jetzt hatte ich Gewissheit. Hier seine letzte Mail, adressiert an „die Liebe seines Lebens“:

Liebste,

Bald werden wir die Alte los sein. Ich übe täglich mit dem Hund, habe eine Stoffpuppe besorgt und sie mit den Sachen meiner Frau bekleidet. Du solltest sehen, was er daraus gemacht hat. Sie besteht nur noch aus Fetzen. Demnächst wird SIE so aussehen. Unserem Glück steht dann nichts mehr im Weg.
In Liebe. Dein Heinz.


Mutlos und deprimiert lies ich mich auf das Bett fallen. Das inzwischen vertraute „Aus, Brutus!“, holte mich aus meiner Lethargie heraus. Schnell schlüpfte ich in meine Jacke und beschloss, meine Freundin Gerda zu besuchen. Ihr wollte ich alles erzählen, war sie doch die Einzige, die mich verstand. Mit ihrem ständig nörgelnden Mann Herbert hatte sie auch nicht gerade das große Los gezogen. Obwohl sie mir keine konkrete Hilfe bieten konnte, hörte sie doch immer geduldig zu.

Seither waren einige Wochen vergangen. Draußen lachte mir der Frühling entgegen, meine Angst hatte ich verdrängt. Darin war ich gut, das machte die jahrelange Übung. Heinz versuchte neuerdings nett zu mir zu sein. Sicher, es hätte mich dennoch misstrauisch stimmen müssen, als er mich zu einem gemeinsamen Spaziergang einlud. Stattdessen habe ich mich einfach nur gefreut. Auch der Hund sollte mit von der Partie sein, er brauchte schließlich Bewegung.
Mein Mann lief so schnell, dass ich kaum mithalten konnte. Ich bin nicht mehr die Jüngste, musste mich auf den Spazierstock stützen. Diese Gegend kannte ich nicht und der Wald hatte etwas Unheimliches. Düster kam er mir vor, es schauderte mich. Das Sabbermonster sprintete voraus. Außer uns war niemand zu sehen, keine Menschenseele. Wir bewegten uns auf eine Lichtung zu. Heinz führte mich zu einer bestimmten Stelle, offensichtlich hatte dort jemand ein tiefes Loch gegraben. Es konnte nicht sehr lange her sein, es roch noch nach frischer Erde.
„Fass, Brutus, fass!“ Ganz unvermittelt fielen diese Worte aus Heinz’ Mund wie der Schlag eines Hackbeiles. So sollte es also aussehen, mein Ende? Hier inmitten eines vergessenen Waldes, zerfetzt von einem Hund, den mein eigener Mann gegen mich aufhetzte? Ja bin ich denn gar nichts wert? Habe ich dieses öde, traurige Leben jahrelang ertragen, um dermaßen jämmerlich zu verenden? Mit der Kraft der Empörung, mit diesem Willen, den nur die ewig Unterdrückten irgendwann in sich entdecken, schlug ich meinen Spazierstock über Heinz’ Kopf. Wie in Zeitlupe fiel er in die Grube. Ich prügelte weiter auf ihn ein. All mein zurückgehaltener Frust entlud sich wie ein heftiger, wütender Sturm. Es dauerte lange, bis ich mich beruhigt hatte. Erst dann fiel mir der Hund wieder ein. Verdutzt sah er aus, leicht verstört. Als ich auch gegen ihn ausholte, duckte er sich ängstlich. Wer kann schon sagen, was sich in dem Kopf eines Tieres abspielt? Ich brachte es nicht übers Herz, ihn auch zu erledigen. Fast weckte er in mir so was wie einen Beschützerinstinkt. Ich weiß, das klingt vollkommen absurd, ich konnte es selbst nicht verstehen. Ich schaute ihn zum ersten Mal genauer an. So hässlich war er gar nicht. Plötzlich übermütig geworden, traute ich mich, ihn zu streicheln. Das Tier winselte vor Freude, legte sich auf den Rücken, alle Viere nach oben, damit ich ihm den Bauch kraule. Allmählich spürte ich eine tiefe Verbundenheit mit diesem Wesen. Ohne Worte habe ich verstanden, was wir gemeinsam hatten: Auch Brutus wurde nie geliebt. Benützt ja, missbraucht sogar, aber nie geliebt. Dabei hat er sich wahrscheinlich nach nichts anderem gesehnt als nach ein paar Streicheleinheiten. Auch ich bin stets anspruchslos gewesen, alles was ich mir je gewünscht habe, war ein bisschen Liebe, Beachtung, mehr nicht.
Plötzlich sprang er auf, sein Fell sträubte sich. Fast gleichzeitig vernahm ich ein lautes, angestrengtes Schnaufen. Langsam, fast gelähmt vor Angst, drehte ich mich um. Blutüberströmt und den Blick voller Hass, versuchte Heinz, aus der Grube herauszukriechen.
Er war nicht tot, mein Gott, er war nicht tot! Meinen Stock hatte ich achtlos an einen Baum gelehnt. Ich musste ihn holen, doch ich bin nicht die Schnellste. Er würde die Zeit nützen und auf den Überraschungseffekt von vorhin konnte ich nicht mehr zählen. Im direkten Zweikampf würde ich unterliegen. Stück für Stück arbeitete er sich hoch. Starr vor Entsetzen, konnte ich keinen Schritt tun.
Nun passierte das Unerwartete: Brutus stellte sich ihm entgegen, knurrte und fletschte die Zähne. Heinz stand die Verwunderung ins Gesicht geschrieben. Inzwischen hatte ich wieder Mut gefasst, meinen Stock geholt, und diesmal hörte ich es deutlich krachen, als ich erneut zuschlug. Danach schüttete ich das Loch zu, das nun Heinz’ Grab sein würde. Er hatte an alles gedacht, ich brauchte nicht lange nach einem Spaten zu suchen. Erschöpft, doch höchst zufrieden kehrte ich zum Auto zurück. Brutus trottete schwanzwedelnd an meiner Seite. Der Hund ist der beste Freund des Menschen, davon war ich nun überzeugt.
Wegen der Wohnung brauchte ich mir keine Sorgen mehr zu machen, sie gehörte nun mir. Mit Brutus werde ich sie gern teilen. Den weißen Flokati hat er zu seinem Lieblingsplatz erkoren. Das ist in Ordnung. „Aus, Brutus“, gibt es nicht mehr. Den Computer behielt ich. Gerda hatte sich nun auch einen Internetanschluss zugelegt. In ihrer letzten Nachricht schlug sie mir einen gemeinsamen Spaziergang mit ihr und ihrem Mann vor. Ich solle den Spazierstock nicht vergessen und natürlich dürfe Brutus nicht fehlen. Er braucht schließlich Bewegung.


























Letzte Aktualisierung: 22.10.2006 - 18.05 Uhr
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