Sexlibris
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Oktober 2006
Ein Spiel
von Barbara Seyfarth

Das Knirschen der Terrassentür lässt mich aufschauen. Gerade schiebt sich mein Sohn durch eine schmale Öffnung hinaus und läuft schreiend in den Garten.
'Wieso ist er so außer sich', schießt es mir durch den Kopf. Hastig wische ich die warme Flüssigkeit aus meinem Bart und springe auf, um ihm zu folgen.
Die knielange Hose des Jungen schlabbert um seine Beine. Er zerrt am Törchen, das wir sonst nie benutzen, rüttelt daran, bis die eingerosteten Scharniere nachgeben und stürmt hinaus. Gleichzeitig steigt mir der dumpfe Geruch der regennassen Erde und der feuchten Tannennadeln in die Nase. Erschrocken halte ich inne, mein Atem stockt und einzelne Erinnerungen aus meiner Kindheit verweben sich zu einem neuen Bild ...

"Papa", bettelte meine Schwester, "lass uns Jagd spielen!"
Aufgeregt hüpfte sie um seine langen Beine und zerrte an der Hose.
"Bitte! Du bist der Wolf, und Frank und ich sind die Geißlein."
"Na gut", ließ Papa sich erweichen.
"Pass auf - sonst fresse, fresse, fress' ich dich!", brüllte er mit verstellter Stimme.
Kreischend stoben wir auseinander.

Als erstes fing er Alina und mampfte kitzelnd ihren Arm. Kichernd strampelte sie mit den Beinen und versuchte Papa von sich fern zu halten. Aber er war stärker und prustete zum Abschluss auf ihren nackten Bauch.
"Hihi, das kitzelt. Noch mal."
"Nein, jetzt ist Franki-Geißlein dran."
Schon begab sich Papa-Wolf auf die Pirsch, um mich in meinem Versteck ausfindig zu machen.

Meine Mutter war ins Zimmer gekommen.
"Rolf, hör auf! Ich mag es nicht, wenn du das mit den Kindern spielst."
Sie runzelte die Stirn, die Augenbrauen nach unten gezogen. So schaute sie sonst nur, wenn sie sich Sorgen machte.
Papa zuckte enttäuscht mit den Schultern und sagte: "Das Spiel ist aus, alle gehen nach Haus."
Und wir antworteten: "Mäh, mäh."

Das Spiel geriet in Vergessenheit. Ich ging schon in die sechste Klasse, als mir wieder einfiel, wie viel Spaß wir früher hatten. Wie sich dieses Bauchkribbeln anfühlte, wenn Papa nach uns suchte. Eine leichte Angst, gekocht mit viel Aufregung entdeckt zu werden, gewürzt mit dem Vorgefühl auf das Kitzeln. Als Papa an diesem Nachmittag früher nach Hause kam, bat ich ihn zum ersten Mal selbst darum, 'Jagd' mit uns zu spielen.

Papa lachte und meinte: "Mama schimpft mit mir, wenn wir das machen."
"Och, Mami. Bitte, bitte, bitte", flehte meine Schwester. "Spiel doch auch einmal mit."
Mama schaute erst Alina, dann mich an. Wieder dieser sorgenvolle Blick.
"Nein, ich möchte das nicht. Ich habe dabei ein ganz schlechtes Gefühl", antwortete sie erst.
"Nur dieses eine Mal", bettelte ich.
Mit einer Hand strich sie sich über die Stirn, als würde sie ihre Bedenken wegwischen.
"So oft werdet ihr wohl nicht mehr danach fragen", sagte sie. "Wer ist der Wolf?"

Papas Augen glitzerten.
"Für Geißlein seid ihr viel zu groß. Mama ist eine Gazelle und ihr beide spielt Springböcke. Ich bin der Löwe."
Papa krümmte seine Hände zu Krallen, schüttelte sein schütteres Haar, als habe er eine prächtige Mähne und brüllte: "Pass auf, sonst fresse, fresse, fress' ich dich!"
Wir preschten in alle Richtungen. Papa lief zuerst in den Flur, um uns Zeit zu geben. Ich versteckte mich im Wohnzimmer hinter dem Vorhang. Vorsichtig spähte ich durch einen Spalt. Alina verschwand die Treppe hoch und Mama in die Küche. Schon kam Papa ins Wohnzimmer geschlichen. Leise setzte er einen Fuß vor den anderen, den Kopf lauschend erhoben. Die katzenartige Bewegung ließ mich erschauern. Ja, so hatte ich mir das Spiel vorgestellt. In der Küche klapperte es, sofort hielt mein Vater inne. Mit zwei leichten Sprüngen war er aus meinem Blickfeld verschwunden. Ein Klacken, etwas Klirren, Schranktüren und Schubladen wurden geöffnet. Hatte sich Mama im Besenschrank versteckt? Plötzlich ein Aufschrei. Dann kam sie kreischend ins Wohnzimmer gestürmt. Papa war direkt hinter ihr und fiel über sie her.
'Mama spielt heute aber toll mit', schoss es mir durch den Kopf. Der Kampf zwischen Löwe und Gazelle war kurz. Mamas Stimme wurde schriller. Ich sah nur, wie sie nach einem letzten Aufschrei hinter dem Tisch zusammensackte und Papa so tat, als würde er sie fressen.
'Wieso kichert sie jetzt nicht?'
Ich schluckte. Irgendetwas stimmte hier nicht. In diesem Augenblick hüpfte Alina die Treppe hinunter, als sei sie tatsächlich ein Springbock. Sie meckerte dabei wie ein Geißlein.

Papa hob den Kopf. Von seinem Kinn tropfte Blut, der Mund war rot verschmiert. Meine Hände krampften sich in den Stoff. Ich war unfähig, mich zu bewegen. Er stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf. Seine Augen flackerten. In den Händen glitzerte es silbern. Alina bog gerade um die Esszimmerecke, als Papa mit Messerkrallen auf sie zusprang. Mit zwei Prankenhieben zerschnitt er Kehle und Bauch. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten ihn an. Dann wanderte der erstaunte Blick an der Wand entlang, bis er an der Gardine hängen blieb. Es war, als würde Alina durch mich hindurch schauen, während ihr Körper vom Löwen niedergerissen wurde.

Die Knöchel meiner Hände waren weiß. Ich versuchte sie aus der Verkrampfung zu lösen. Mein Atem ging schnell. Die Schiebetür zum Garten neben mir stand etwas offen. Ich quetschte mich hindurch und rannte durch den regennassen Herbstabend zum Gartentörchen - fort von dem Ort des Grauens.

... unser Spiel ... Wir hatten es an diesem Nachmittag gespielt! Bisher stand es für mich nie in Verbindung mit dem Tod meiner Mutter und meiner Schwester. Was war damals mit Papa geschehen? Warum hatte er das getan?

Tränen rinnen über mein Gesicht. Fassungslos starre ich auf meine blutverschmierten Hände und lasse die beiden Messer fallen. Beim Anblick meiner zerfetzten Frau steigt Übelkeit in mir auf.
"Nein!", schreie ich und breche zitternd über ihrem Körper zusammen.

Letzte Aktualisierung: 26.10.2006 - 20.18 Uhr
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