'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Oktober 2006
Die Macht der Hormone
von Melanie Conzelmann

Sheilas Gesicht nimmt einen konzentrierten Ausdruck an, als eine weitere Wehe ihren Bauch zusammenkrampft. Sie scheint in sich hineinzuhorchen, nachzufühlen, was dort geschieht.
„Du schaffst es, Süße! Ja, weiter so“, flüstert Ramona, die gebannt durch eine Scheibe zuschaut. Während sie vor Aufregung feuchte Hände bekommt, arbeitet Sheila mit den Wehen mit, als würde sie das jeden Tag tun. Fünf Minuten später kann Ramona bereits den Kopf sehen. „Gleich ist es soweit! Gutes Mädchen!“
Nach zwei weiteren Presswehen zieht Sheila ihr Baby heraus.
Ramona seufzt erleichtert.
Die frisch gebackene Bonobo-Mama betrachtet ihr Neugeborenes eingehend und leckt es ab. Das Kleine klammert sich in das Fell seiner Mutter.
Wenige Minuten später kommt die Nachgeburt. Die Zwergschimpansin trägt sie sorgfältig in der Hand, während sie mit ihrem Baby ein ruhigeres Plätzchen sucht um die Plazenta zu essen. Das Neugeborene krabbelt währenddessen an ihre Brust. Gestützt vom Arm seiner Mutter beginnt es gierig zu trinken.
Ramona drückt beide Hände gegen ihren Rücken und stöhnt, dann wirft sie einen letzten Blick auf die unzertrennliche Einheit von Mutter und Kind. Was für ein Wunder das Leben ist! Sanft streicht Ramona mit der Hand über die pralle Wölbung ihres eigenen Bauches und seufzt. Sie wird es nicht so einfach haben wie Sheila.
Ihre anfängliche Verzweiflung über die Schwangerschaft hat sich mit der Zeit in freudige Erwartung gewandelt – und in Angst vor der Geburt. Die Geburt eines Kindes, das keinen Vater haben wird.

***

Ramona betrachtete den Mann, der ihr fremd und doch so vertraut war. Stefan lag neben ihr in seinem Hotelbett, das silberne Mondlicht ließ seine entspannten Züge friedlich aussehen.
Noch nie hatte sie einen Mann wie ihn kennen gelernt. Lächelnd war er in die Strandbar gekommen und hatte ihr einen Drink spendiert.
Vor einer Stunde hatte die Leidenschaft in seinen Augen geglitzert und sie war darin ertrunken. Hoffnungslos verloren. Und dann seine Küsse …!
Sie hatten eine Flamme in ihr entfacht, die mit jeder Berührung höher loderte und zusammen mit seiner Erregung in einem Inferno der Lust gipfelte. Warum hatte sie ihn erst heute getroffen – an ihrem letzten Urlaubstag?
Bevor sie einschlief, fiel ihr ein, dass sie im Rausch der Gefühle nicht an Verhütung gedacht hatte. Hoffentlich war nichts passiert.
Ramona fuhr hoch und erschrak. In einer Stunde fuhr der Bus zum Flughafen und sie hatte noch nicht gepackt! Hastig stand sie auf und zog sich an. Sie kritzelte ihre Adresse und Telefonnummer auf einen Zettel und warf ihn auf den Nachttisch. Dann beugte sich über Stefan und hauchte einen Kuss auf seinen Mund. Verschlafen öffnete er die Augen.
„Ich muss gehen!“, flüsterte Ramona und küsste ihn noch einmal. Als sie sich aufrichten wollte, hielt er sie zurück: „Wir sehen uns wieder!“
Sie nickte: „Meine Nummer liegt auf dem Nachttisch.“

***

Drei Monate später:

Ein stechender Schmerz weckt Ramona. Als würden sich kleine Katzenpfoten in ihren Unterleib bohren, zu Löwenpranken anwachsen und dann wieder schrumpfen. Reglos bleibt sie liegen und horcht ängstlich auf ihren Körper. Geht es etwa los?
Sie macht das Licht an und schaut auf die Uhr. Ihre Hände streichen zärtlich über ihren Bauch: „Willst Du wirklich raus, mein Kleines?“
Das Kind antwortet mit kleinen Boxschlägen im Steißbeinbereich. Dann drückt es ihr seine Füßchen in die Seite, so dass ihre andere Bauchseite von seinem Popo ausgebeult wird. Lächelnd liebkost sie den Knubbel.
Das Lächeln weicht jedoch einem erschrockenen Luftholen, als ihr Bauch unter ihren Händen langsam hart wird wie Stein. Genau im gleichen Rhythmus schwillt der Schmerz an, und nimmt wieder ab, als sich ihr Bauch entspannt.
Ein Blick auf die Uhr lässt Ramona ungläubig erstarren. Die letzte Wehe ist nur sieben Minuten her? Mit fliegenden Fingern wählt sie die Nummer von Marlies, ihrer Hebamme.

Ramona liegt auf dem Entbindungsbett und versucht eine Wehe zu veratmen. Eiserne Bänder schnüren ihren Leib zusammen, fester und fester. Auf dem Höhepunkt des Schmerzes hält sie es nicht mehr aus. Sie schreit.
„Ich kann nicht mehr!“
„Bald hast du es geschafft!“ Marlies streicht ihr aufmunternd über die Haare.
„Ja, bald ist es überstanden. Lassen Sie uns nachschauen, was sich in der letzten Stunde getan hat!“ Mit diesen Worten führt die Ärztin vorsichtig zwei Finger ein und tastet Ramonas Muttermund ab.
„Fast offen. Ich werde jetzt die Fruchtblase sprengen. Das beschleunigt den Geburtsvorgang.“, die Ärztin sieht Ramona aufmunternd an.
„Ja, alles, wenn es nur bald vorbei ist!“
Warme Feuchtigkeit breitet sich zwischen Ramonas Beinen. Schon kommt die nächste Wehe. Es fühlt sich an, als würde ihr Rumpf von einem riesigen Schraubstock zusammengepresst werden. Ramona kann nichts anderes als schreien, sie will nicht mehr, sie will das Kind heute nicht bekommen. Sie will nach Hause. Als die Wehe vorbei ist, schluchzt sie erschöpft.
„Du musst dich konzentrieren“, fordert Marlies sie auf. „Dein Kind möchte jetzt auf die Welt kommen! Hör auf deinen Körper, er weiß genau was zu tun ist. Arbeite mit, vergeude deine Kraft nicht mit Schreien. Du wirst es schaffen, bald hast du dein Baby im Arm!“
Die Worte der Hebamme haben eine Erinnerung in Ramona wachgerufen: Sheila, wie sie konzentriert in ihren Körper hineinhorcht.
Als die nächste Presswehe beginnt, ein winziges Ziehen, das mit jedem Herzschlag seine Intensität verdoppelt, hält sie ihre Beine unterhalb der Knie mit den Händen umklammert, zieht sie fest an ihren Körper und presst mit aller Kraft ihr Kind der Welt entgegen.
„Sehr gut! Prima machst du das! Und noch einmal!“
Nach zwei weiteren Wehen sagt die Ärztin:
„Ich kann das Köpfchen sehen! Bald haben Sie es geschafft!“
Erneut presst Ramona mit einer Kraft, von der sie nie vermutet hätte, dass sie in ihr steckt.
„Bei der nächsten Wehe hecheln!“
„Sieht man es schon?“, will Ramona wissen.
„Du kannst sein Köpfchen fühlen, wenn du willst.“
„Ja?“ Ramona greift mit einer Hand zwischen ihre Beine und berührt vorsichtig den feuchten, warmen Oberkopf ihres Kindes.
„Oh!“, haucht sie erschrocken. Tatsächlich. Ein kleiner Mensch, zwischen Himmel und Erde.
Als der Kopf austritt, spürt Ramona ein heftiges Brennen und einen unglaublichen Druck, dem sie nur mit einem Schrei Luft machen kann.

Sobald er draußen ist, fängt der Säugling an zu brüllen. Schnell wickelt Marlies ihn in ein Tuch und legt ihn Ramona auf den Bauch.
Ramona hält ihr Kind fest, lacht und weint zugleich und sieht in das winzige Gesicht.
„Es ist ein Junge!“, informiert sie die Hebamme. Ramona nickt.
Zärtlich betrachtet sie ihn, streichelt seine Händchen, worauf er ihren Finger umklammert.
„Hallo, mein Schatz! Willkommen!“ Beim Klang ihrer Stimme hört der Junge auf zu schreien. Mit großen blauen Augen schaut er sie an. Sie beugt sich zu ihm hinunter, küsst ihn sanft und atmet seinen süßen Geruch ein. Unendlich viel Liebe fließt in ihr über und lässt sie alles um sie beide herum vergessen.
Dass die Ärztin ihren Sohn abnabelt, merkt Ramona nicht. Verwirrt schaut sie auf, als ein erneuter, schwächerer Krampf ihren Bauch zusammenzieht. Ramona hat ganz vergessen, dass die Plazenta noch geboren werden muss.
Liebevoll liebkost sie die Wange ihres Sohnes. Als ihr Finger sein Gesicht berührt, wendet er seinen Kopf zu ihr hin und öffnet den Mund.
Marlies lacht fröhlich. „Der kleine Mann weiß, was er will. Möchtest du ihn gleich stillen?“

Zwei Wochen später setzt sich Ramona mit Max auf das Sofa. Er brüllt laut vor Hunger und Ungeduld. Seine Händchen krallen sich in ihre Bluse und zerren daran, bringen sein Köpfchen ganz nah an ihre noch verhüllte Brust. Hektisch fährt er mit seinem offenen Mund über den Stoff und sucht seine Nahrungsquelle.
„Ist ja gut mein Schatz! Mama beeilt sich!“, beruhigt Ramona ihn mit einem leichten Singsang und knöpft ihre Bluse auf. Schon spürt sie das vertraute Kribbeln in den Brustwarzen, die die Milch für ihren Sohn freigeben. Kaum hat sie den BH geöffnet, spritzt die Muttermilch heraus, direkt in Max’ Gesicht. Überrascht hört er einen Moment auf zu schreien und Ramona nutzt den Augenblick, um ihn anzulegen. Dann drückt sie rasch mit ihrer freien Hand auf die andere Brust, um den Milchfluss dort zu unterdrücken. Sie muss aufpassen, dass sie nicht zu viel produziert. Lächelnd schüttelt sie den Kopf. Ihr Körper ist ein Wunderwerk.
Da klingelt das Telefon. Seufzend nimmt sie ab.
„Ramona Vogel!“
„Ramona? Hier ist Stefan! Erinnerst du dich an mich?“
Ramona kann nicht mehr atmen. Sie drückt ihren Sohn an sich.
„Hallo? Ramona? Bist Du noch da?“
„Ja.“, krächzt sie. Sie räuspert sich. „Ja, Stefan, natürlich erinnere ich mich an dich.“
„Oh, Mann! Endlich habe ich dich gefunden! Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer das war! Der Rotwein auf dem Nachttisch ist umgefallen, als ich aufgestanden bin. Von deiner Nachricht konnte ich nur noch `Ramona´ lesen. Nach erfolglosen Versuchen, im Hotel deine Adresse herauszubekommen, habe ich schließlich angefangen, alle Ramonas im Telefonbuch von München und Umgebung anzurufen. Ich kann es kaum fassen, dass ich dich tatsächlich gefunden habe! Weißt du, ich hätte bald nicht mehr gewusst, was ich noch tun soll. Wie geht es dir? Was machst du gerade?“
Max hat die eine Brust leer getrunken und fängt an mit dem Ärmchen zu rudern. Rasch klemmt sich Ramona den Hörer zwischen Ohr und Schulter und legt das Baby auf der anderen Seite an.
„Nun ja … Ähm, ich stille gerade unseren Sohn!“

Letzte Aktualisierung: 27.10.2006 - 10.10 Uhr
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