Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Oktober 2006
Katzenfutter
von Marion Pletzer

„Verdammtes Vieh!“ Mit einem Ruck zog Heinz die schwere Gardine vor das Fenster.
„Was ist?“, rief Lore aus der Küche.
„Eines Tages knall ich sie ab.“
„Aber Heinz, lass doch die Katze.“ Lore kam ins Wohnzimmer und mit ihr der Duft von gebratenem Fleisch.
„Sie tötet meine Vögel, diese Scheißkatze.“
„Das ist Natur. Außerdem fängt sie Mäuse. Sogar Ratten, sagt Frau Schultheiß. Sind dir Ratten im Garten lieber? Die fressen auch Vögel. Junge, die noch im Nest sitzen.“
Lore schüttelte den Kopf. Anfangs hatte sie sich über sein neu gewonnenes Interesse gefreut. Ja, sie hatte ihn geradezu gedrängt, sich ein Hobby zu suchen, nachdem er seinen Beruf nicht mehr ausübte. Den ganzen Tag war er ihr vor den Füßen herumgelaufen. Ein Störenfried in ihrem gewohnten Ablauf von Einkaufen, Kochen und Putzen. Doch genauso akribisch, wie er vorher Einkommensteuererklärungen geprüft hatte, übte er nun die Vogelkunde aus.
Jeden Tag saß er stundenlang am Fenster oder im Garten und beobachtete Amseln, Meisen und Rotkehlchen. Auf seinem Schreibtisch lag ein kleines, schwarzes Buch, in das er jeden Vogel eintrug, der seinen Weg in den Garten fand. Er notierte sogar die Anzahl der Bruten und der Jungtiere, die auf seinem Grund und Boden aufgezogen wurden.
Erschien eine neue Art, strahlte sein sonst so missmutiges Gesicht. Und das war mehr, als sie ihm in den letzten Jahren hatte entlocken können. Sie wollte ihm diese Leidenschaft ja gar nicht nehmen, aber es kam ihr so vor als gehöre sie nach den vielen Ehejahren nur noch zum praktischen Inventar des Haushaltes, wie der Allzweckreiniger.
Heinz kümmerte sich nur um seine Vögel.
Wenn der Herbst nahte, stellte er gefüllte Futterhäuschen auf und hängte Meisenringe an die Zweige der Bäume.
Rund und dick wie Knödel hockten die Vögel auf den Sträuchern, dicht am Haus. Zu voll gefressen zum Singen.
Manche klopften sogar dreist mit dem Schnabel an die Fensterscheibe, wenn der Futtervorrat zur Neige ging oder sie die schmackhaftesten Körner herausgepickt hatten.
Heinz freute sich darüber, doch in Lore wuchs der Ärger. Er musste schließlich nicht mühselig den angetrockneten, scharfen Kot abkratzen.

Eines Morgens entdeckte Lore eine schwarz-weiße Katze, die geduckt durch den Garten schlich. Vermutlich gehörte sie zu den neuen Eigentümern, die in eines der Nachbarhäuser gezogen waren.
Innerhalb weniger Tage stürzte sie Heinz geordnete Welt ins Chaos.
Sein sorgfältig gepflegtes Vogelparadies entpuppte sich als Schlaraffenland. Die Katze pflückte ihre Opfer von den Ästen. Effizient und energiesparend.

„Hast du darüber nachgedacht, dass deine ewige Fütterei die Vögel erst zu einer leichten Beute macht? Die können doch kaum mehr fliegen“, schimpfte Lore.
„Red nicht so einen Unsinn. Bald kommt der Winter. Sie müssen gut genährt sein, damit sie ihn überstehen. Sehe ich dieses Vieh noch einmal, schieße ich ihm eine Kugel durch den Kopf“, grollte er.
„Warum redest du nicht mit den Nachbarn. Wenn sie der Katze ein Glöckchen umhängen, hören die Vögel sie rechtzeitig und können wegfliegen.“ Heinz würde es fertig bringen und die Katze tatsächlich töten. Außerdem konnte Lore sich eines kleinen, fiesen Gedankens nicht erwehren. Oft wünschte sie, die Katze würde viel mehr dieser feisten Körnerfresser wegschleppen, die ihr die Fensterbänke voll kackten und Heinz volle Aufmerksamkeit genossen.
Manchmal, wenn er es nicht bemerkte, stellte sie der Katze eine Schüssel mit frischer Milch hin. Auf keinen Fall durfte sie das Jagdrevier wechseln.

Wenige Tage später traf Lore ihre Nachbarin beim Einkaufen.
„Haben Sie schon gehört, Frau Krieger? Die Katze von Neuberts. Sie wissen doch. Das sind die, die in Kramers Haus gezogen sind.“
Vertraulich beugte Frau Schultheiß ihren Kopf vor, so dass sie fast mit Lore zusammengestoßen wäre. Sie senkte die Stimme.
„Die Katze wurde vergiftet. Stellen Sie sich vor! Ist das nicht furchtbar? Gestern haben sie sie im Garten gefunden. Tot. Schrecklich entstellt mit Schaum vor dem Maul. Die arme Frau Neubert hat einen Schock.“
„Gott, wie entsetzlich“, erwiderte Lore. Eilig verabschiedete sie sich, brach ihren Einkauf ab und fuhr so schnell es ging nach Hause.

Heinz saß am Fenster und beobachtete die übergewichtigen Amseln vor seinem Fenster.
„Die Katze wurde vergiftet. Hat Frau Schultheiß mir gerade erzählt.“
„So? Na, dann kehrt ja endlich wieder Ruhe ein“, antwortete Heinz. Deutlich sah Lore das zufriedene Lächeln auf seinem Gesicht.

Missmutig fuhr sie fort, den Kot von den Fensterbänken zu schrubben, während Heinz seine gefiederten Freunde betrachtete.
„Es kommen immer weniger Vögel in den Garten. Ich verstehe das nicht. Es ist doch alles wie immer“, bemerkte er eines Abends beim Essen.
Lore zuckte mit den Schultern. „Vielleicht haben sie einen besseren Platz gefunden.“
„Besser als hier?“ Sein Gesicht nahm auf einmal einen so traurigen Ausdruck an, als würde mit den Vögeln auch das letzte Restchen Freude aus seinem Leben verschwinden. Für einen kurzen Moment empfand Lore Mitleid mit ihm.
Heinz widmete sich wieder dem knusprig gebratenen Fleisch auf seinem Teller. Seine Lippen glänzten fettig.
„Sag mal, Lore, wie viele von diesem Sonderangebot Wachteln hast du eigentlich noch? Die schmecken richtig lecker.“

Letzte Aktualisierung: 21.10.2006 - 20.36 Uhr
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