Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Oktober 2006
Jürgen – Ein ganz gewöhnlicher Landwirt
von Sergej A. Maslennikow

Jürgen trat durch die quietschende Tür seines kleinen Bauernhauses, das inmitten des ländlichen Hofs stand. Der Arbeitstag war anstrengend gewesen, zudem herrschten draußen hohe Temperaturen. Warmer Schweiß stand in glänzenden Perlen auf seiner hohen Stirn. Gerade wischte er sie mit der kleinen braunen Mütze ab, als sein Sohn stürmisch um die Ecke bog, um ihn zu begrüßen.
„Papa, Papa! Da bist du ja wieder!“, rief dieser aufgeregt und fiel ihm Freude strahlend in die Arme. „Rat mal was!“
„Was?“, spielte er seinem Sohn Tobias in die Hände. Er nahm zur Erfrischung einen Schluck Milch; vierzehn Kühe nannte er sein eigen. Das Getränk schmeckte herrlich.
„Nachher gehen wir mit der Gruppe wandern, richtig in den Wald hinein!“, verkündete er voller stolzer Vorfreude. „Oh! Na dann hoffe ich, du lernst was dabei.“, schmunzelte ihm Jürgen entgegen. Tobias war erst fünf, und steckte voller Enthusiasmus. Aus ihm könnte einst ein guter Soldat werden …
„Wie war eigentlich dein Tag?“, fragte ihn sein Sohnemann zuvorkommend, als er sah, wie erschöpft sein Vater wirkte. Jürgen wuschelte dem Jungen dankbar durch die blonde Mähne. „Och, heute hat ein Mistvieh versucht auszubüchsen. Ich bin lange hinterher gerannt, bis ich fast gestorben bin vor Erschöpfung.“ Er lächelte und zuckte zugleich mit den Schultern. „Schließlich musste ich das Schwein erschießen, wollte ich es nicht endgültig aus den Augen verlieren.“ Sein satter Bauch machte ihm das Rennen nicht leicht.
„Wieso hast du es denn nicht einfach laufen lassen?“, warf Tobias dazwischen und wirkte dabei leicht niedergeschlagen. „Junge, das verstehst du nicht. Es ist eine komplizierte Angelegenheit!“, wandte er ein, um ihn mit seiner Fragerei abzuwimmeln. Aus der Küche roch es deftig nach Abendbrot, das ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ; seine Frau Ursula war eine begnadete Köchin.
„Dann erklär es mir doch, Papa!“, nörgelte der Junge weiter. „Aber gaaanz einfach, bitte.“, setzte er nach und grinste lausbübisch. Seufzend gab sich Jürgen geschlagen.
„Dann komm mit in die Küche. Dort verrate ich’s dir.“

***

Sein Sohn watschelte ihm wie eine Jungente hinterher, als er in den Essraum vorauseilte. Dort begrüßte Jürgen als Erstes seine Frau mit einem flüchtigen Kuss, bevor er nach einem Stuhl griff und ihn zu sich heranzog. Auch Tobi setzte sich mit an den Tisch.
„Nun“, begann er. Doch wie sollte er es einem fünfjährigen Jungen erklären? Schlussendlich kam er auf den wirtschaftlichen Aspekt. Wirtschaft verstand jeder, auch die Kleinen, wenn man es richtig anpackte.
„Zum Ersten ist es ein für das Volk gefährliches, dreckiges Tier, das leicht Krankheiten und Ungeziefer verbreitet. Manche sagen, es sei selbst Ungeziefer. Sie mögen damit Recht haben. Und zum Zweiten, ist es teuer, wenn man eines davon einfach so verliert. Schließlich hat man es aufgezogen, gefüttert, Geld investiert, damit es heranwachsen konnte. Es ist fast wie bei uns Menschen.
Wenn dir so ein stinkendes Vieh ausbüchst, musst du es verfolgen, sonst verlierst du das ganze Geld, das du hineingesteckt hast mit einem Schlag. So etwas ist sehr unerfreulich, will man gut leben.“
„Geht das Geld nicht auch verloren, wenn eins der Schweine stirbt?“, hackte sein Sohn nach und ließ Jürgen ehrsinnig werden. Was für einen aufgeweckten Burschen er und Ursula doch hatten!
„Nun ja, nicht wirklich. Man tötet die meisten von ihnen schließlich, um sie los zu sein und mit ihnen Geld zu verdienen! Ihre Körper kann man schließlich vielseitig verwenden“
„Wirklich, wie denn?“, fragte Tobias interessiert und rückte mit dem Stuhl näher an seinen Vater, den Landwirt Jürgen, der seit Kurzem einen neuen Beruf ausübte. Viel Unterschied zum Alten sah er darin aber nicht.
„Zum Beispiel kann man aus dem Fett der Schweine Seife herstellen! Wenn man es verkaufen kann, verdient man gutes Geld“, lehrte er den Jungen, der daraufhin angewidert das Gesicht verzog. „Seife besteht aus Fett?“, rief er verwundert aus. Seine Gesichtsfarbe änderte sich schlagartig vom Rosa der Jugend in ein fahles Aschgrau. Jürgen musste unfreiwillig lachen, als er das bemerkte. „Natürlich, Junge. Was dachtest du denn? Das aber war nur ein Beispiel von vielen. Jedoch will ich dir nicht den Appetit aufs Essen verderben!“, sprach er mit einem schiefen Seitenblick auf Ursula, die am Herd emsig einen Eintopf zubereitete. „Sonst erschlägt mich deine Mutter!“
„Erschlagen? Aber Jürgen!“, brachte sie wie ein Echo zurück. „Wollten wir nicht vermeiden, vor dem Kleinen von Gewalt zu sprechen? Die Zeiten sind hart genug, es sollte davon nichts hören, sei es nur zum Spaß.“ Verlegen blickte Jürgen auf die blaukarierte Tischdecke.
„Du hast natürlich Recht.“, ließ er ihr kleinlaut verlauten.
„Papa, Papa!“ Wild zupfte Tobias am Ärmel von Jürgens Einheitskleidung herum. „Du wolltest gerade erzählen, wozu man die Körper noch so alles verwenden kann!“, merkte er kindlich fordernd an. Jürgen blickte wieder auf, froh, seinem Jungen etwas beibringen zu können. Tobias lernte hier fürs Leben.
„Hm, aber sicher, das wollte ich“
Er zeigte mit einem Finger in die, von der Küche aus einsehbare Wohnzimmerecke, in der neben dem großen Radio ein vergilbter Lampenschirm stand.
„In selteneren Fällen macht man aus ihrer Haut einen hübschen Lampenschirmbezug! Und aus den Zähnen, die man …“,
Ein würgendes Brechgeräusch unterbrach unvermittelt seine lehrreichen Ausführungen. Feixend hielt sich Tobias am Hals, und würgte, was das Zeug hielt.
„Pfui Deiwel!“, stieß er voller Ekel hervor. „Unser Lampenbezug besteht aus Menschenhaut?“

***

Augenblicklich wurde es ruhig. Lediglich das sanfte Vogelgezwitscher vernahm man durch die offenen Küchenfenster. Irgendwann hallte ein Klirren durch den Raum und durchbrach die unangenehme Stille, als Ursula die schwere Kochkelle fallen ließ. Sie drehte sich herum und bedachte ihren Mann eines gestrengen Blickes. Er schnaufte. Wie immer war das ihr Zeichen, seinen väterlichen Pflichten beizukommen. Mit gespielter Wut sprang er vom Stuhl auf und schlug mit der Faust wuchtig auf den Tisch.
„Schweine, Tobias. Schweine!“, herrschte er seinen Sohnemann an. „Ich habe dir schon tausendmal gesagt, dass Juden Schweine sind, richtige Schweine und keine Menschen so wie wir! Hörst du mir denn niemals zu, Junge?“
Sofort rollten Tobias Tränen des Kummers über die kindlichen Wangen.
„Doch Papa, ich höre dir immer gut zu - und dem Führer!“, widersprach er mit tränenerstickter Stimme. „Wenn aber Juden richtige Schweine sind,

… was sind dann die richtigen Schweine?“




© S.A. Maslennikow, 2006

Letzte Aktualisierung: 09.10.2006 - 21.32 Uhr
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